$ \def\tr{\text{tr}} \def\diff{d} \def\medspace{\enspace} \def\mathbi{\mathbf} \def\euro{€} \def\dollar{\$} \def\textnormal{\text} \newcommand\norm[1]{\left\lVert{#1}\right\rVert} $

Die Vergemeinschaftung von Kapital

Wie im kommunistischen Manifest von Marx und Engels proklamiert, kommt es unter einer Negativzins-Ökonomie zu einer Vergemeinschaftung des Kapitals. Die dahinter vermutbare revolutionäre Enteignung findet jedoch weder gewaltsam noch schlagartig statt, sondern fließend, langsam und auf eine Art, die man auf den ersten Blick nicht gleich vermutet. Sie ist Folge und Wirkung der Geldordnung negativer Zinsen, die zunächst damit beginnt, dass die noch positiven Geldmarktzinsen über den Zeitraum mehrerer Jahrzehnte absinken und schließlich den Bereich verschwindenden oder negativen Zinses erreichen.

Eigentumskapital und Leih- oder Besitzkapital

Zum Verständnis der folgenden Unterscheidungen (Differenzen) ist es nützlich, die Begriffe Realwirtschaft und Leihwirtschaft sauber trennen zu können.

Es müssen zum Verständnis der Entwicklung im Wesentlichen zwei Arten von Kapital unterschieden werden. Auf der einen Seite ist dies das Eigenkapital, das sich allein in Eigentum und Besitz der Gesellschafter befindet und das also nicht verliehen wird. Dazu gehört das Produktionskapital in realwirtschaftlichen Unternehmen, die eigenen Gebäude, die darin befindlichen eigenen Maschinen und Werkzeuge, sowie das Wissen zur Herstellung der Güter in den Köpfen der Mitarbeiter. Zu diesem reinen Eigentumskapital gehören also auch andere Nutzgüter, die nur von den Eigentümern selbst genutzt werden z.B. Wertgegenstände, Gebäude oder Land. Entscheidend für diesen einen Teil des von der Vergemeinschaftung betroffenen Kapitals ist, dass Nutzungsrechte nicht an Besitzer und andere Nutzer verkauft oder von anderen gekauft, sondern von den Eigentümern selbst wahrgenommen werden.

Die andere Kapitalart ist das Besitz-, Fremd- oder auch Leihkapital eines Besitzers, das sich nicht im Eigentum sondern nur in der Nutzung des Besitzers befindet. Eigentum und Besitz an diesem Kapital fallen also auseinander. In seiner Funktion als Wertaufbewahrungsmittel ist z.B. Geld Teil des Leihkapitals. Es kann nicht Produktionskapital sein, wie eine Maschine oder ein anderes Werkzeug, weil Geld zu nichts anderem gebraucht werden kann als es zu verkonsumieren, es zu investieren, es also gegen etwas zu tauschen, das nach Umformungen wiederum in mehr Geld getauscht wird oder es zu sparen.

Der Verkauf von Verfügungsrechten am Leihkapital gegen Zins bildet den Umverteilungskern des Kapitalismus. Jeder einzelne Mensch verfügt über mehr oder weniger Eigen- und Fremdkapital. Für das Fremdkapital im Besitz zahlt er Zins, während er für an andere verliehenes Leihkapital Zins empfängt.

Das Kernprinzip des Kapitalismus ist die Trennung von Besitz und Eigentum. Der Besitzer zahlt Zins an den Eigentümer.

Das Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate

Aufgrund der dem Prinzip positiver Kapitalrenditen (incl. Zinsen) innewohnenden Tendenz von Kapital „sich” in der Hand der Eigentümer zu akkumulieren und zu konzentrieren, entsteht mit der Zeit eine immer extremer werdende Ungleichheit in der Verteilung von Einkommen und Vermögen. Die Geldvermögen bilden in diesem Vorgang einen besonderen Anteil am Gesamtvermögen, dessen Wachstum und Entwicklung dominierend ist und sich „einrahmend” und beschränkend auf die gesamten Wachstumsraten der anderen Kapitalarten auswirkt. Die Geldvermögen und -Forderungen spannen einen an der Geldmenge messbaren monetären Rahmen auf, innerhalb dessen sich die Wachstumsprozesse der anderen Kapitalarten ereignen.

Schaut man sich über einen längeren, mehrere Jahrzehnte rechtsstaatlichen Wirtschaftens, also ohne größere Krisen, Unterbrechungen, Bürgerkriege oder ähnliche Ereignisse, bei denen Kapital irregulär vernichtet wird, dauernden Zeitraum die Höhe der Geldmarktzinsen, der Leitzinsen oder der Zinsen auf Staatsanleihen, Obligationen oder anderer festverzinslicher Wertpapiere an, dann beobachtet man eine fallende Tendenz, die bei ausreichender Datengrundlage bis zum Nulldurchgang projiziert werden kann. Für die am weitesten entwickelten Länder wie die USA, Canada, Australien, die Länder Europas, Japan und Israel kann dies z.B. der Zeitraum seit Anfang der 1980er Jahre bis zum Nulldurchgang um das Jahr 2020 sein.

Wie ist die dort abzulesende Entwicklung zu erklären, und wie wirkt sich die fallende Tendenz bei den Wachstumsraten des Geldkapitals auf die Wachstumsraten des übrigen Kapitals aus?

In der klassischen Betrachtungsweise stehen sich in der Gesellschaft zwei miteinander verkoppelte Reproduktionsprozesse gegenüber: der Reproduktionsprozess des geltenden Toten (also des Kapitals) und der Reproduktionsprozess alles Lebendigen des Währungsraumes und allem voran der Reproduktionsprozess der Gesellschaft (des Volkes, der Menschen des Währungsraums). Marx stellt zum Verständnis des Phänomens das Kapital (das geltende Tote) der Arbeit (das Lebendige) gegenüber und betrachtet die Relation des Werts des Kapitals und der gesamten Produktivität der Arbeitskraft der Menschen.

Zinsen werden durch die Tilgung von Darlehen und Krediten an private Haushalte, Unternehmen und den Staat von den Menschen erarbeitet. Die Zinsen des Leihkapitals werden effektiv immer aus der Arbeit zur Tilgung der Zinsen gewonnen und lassen die im Währungsraum verfügbare Geldmenge wachsen. Die Geldmenge limitiert und bestimmt die Grenzen der übrigen Profite, denn es können ohne neue Schulden zu machen, also ohne dass neue Forderungen entstehen, nicht mehr Profite erwirtschaftet werden als Geld vorhanden ist. Es können sonst aber auch nur begrenzt neue Schulden gemacht werden, denn spätestens wenn z.B. die Staatsverschuldung so groß ist, dass die einzige Haushaltsposition nur noch das Tilgen von Zinsen auf die Altschulden ist, ist der Staats handlungsunfähig, Und prinzipiell gilt das gleiche, wenn ein privater Haushalt oder ein Betrieb der Wirtschaft wegen seiner Schulden weder Wohnung, Kredit noch weiteres Fremdkapital geliehen bekommt.

Wächst also die Geldmenge und mit ihr das Kapital auf ein immer größeres Maß an und wächst die Anzahl der Menschen, die die Zinsen mit ihrer Arbeit tilgen unterproportional, bleibt gleich oder schrumpft sie sogar (Absinken der Geburtenrate auf unter zwei pro Paar), dann muss die Gesamtrendite des Kapitals, die ja als eine relative Größenangabe das Wachstum des Kapitals bemisst, sinken, denn sonst könnten die Arbeitenden bei begrenztem „Exploitationsgrad” (Ausbeutungsgrad der Arbeit) die Zinslast, die ja absolut betrachtet immer größer wird je mehr Kapital es gibt, irgendwann nicht mehr tragen. Also sinkt die relative Wachstumsrate des Kapitals so, dass das absolute Kapitalwachstum durch den Ausbeutungsgrad der Arbeit begrenzt bleibt.

Solange also das Bevölkerungswachstum größer oder gleich dem Kapitalwachstum ist, können die Zinsen und mit ihnen dann auch die Profite der Realwirtschaft immer durch die Arbeit der nachwachsenden Bevölkerung abbezahlt werden. Bleibt jedoch das Bevölkerungswachstum hinter dem Wachstum des Kapitals zurück, müssen die Arbeitseinkommen absinken, bis sie die Grenze der lebensnotwendigen Ausgaben erreichen, die existenziellen Zwänge ein unerträgliches Niveau erreichen (siehe Zins und Gleichgewicht der Bestimmung) und also die Herrschaft des zins- und rendite fordernden Kapitals konsensual unerträglich wird.

Die den Ausbeutungsgrad der Arbeitskraft limitierende Grenze ist das sozio-kulturelle Existenzminimum, dargestellt in den am Ende der Entwicklung ins Gespräch kommenden Mindestlöhnnen für Arbeit und die Höhe der absolut lebensnotwendigen Ausgaben für Nutz- und Verbrauchsgüter, wie Mieten, Energie, Wasser, Heizung und Lebensmittelpreise. Die Ursache für das Phänomen sinkender Zinsen und Profite ist das Prinzip der Rechtsstaatlichkeit (Gesetze und Verträge sind einzuhalten, die Würde des Menschen nach GG Art. 1, die freie Entfaltung der Persönlichkeit nach GG Art. 2 Abs. 1, bzw. der Grundsatz der Privatautonomie, sowie in Bezug auf das Entstehen und Platzen von falschen Erwartungen und „Blasen” pacta sunt servanda, §241 BGB) selbst: Wenn vertraglich festgesetzte Gewinne wie Zinsen erwirtschaftet werden sollen, dann müssen sie so klein sein, dass sie auch sicher von anderen bezahlt werden können. Umgekehrt müssen die Negativzinsen so groß sein, dass damit die vom Kapitalismus verursachten Schäden am Gemeintum (das hier gemeinte Gemeintum ist die seelische und körperliche Unversehrtheit der Eigentumslosen und Lohnabhängigen) behoben werden können.

Das Absinken der Geldmarktzinsen hat zur Folge, dass auch das relative Geldmengenwachstum sinkt, bis es ganz verschwindet, sobald die Kreditzinsen 0% erreicht haben. Die bis zu diesem Zeitpunkt vorhandene Geldmenge wird dann nur noch umverteilt. Wenn jedoch die Geldmenge beschränkt ist, sind auch die Gewinne realwirtschaftlicher Unternehmen beschränkt, wodurch die Profitraten realwirtschaftlicher Unternehmen ein Plateau erreichen, auf dem sie blieben, sänken die Zinsen nicht weiter unter die 0% Marke.

Das Absinken der Profitraten hat zur Folge, dass das Kapital der Länder, in denen es am konzentriertesten ist in den übrigen Ländern der Welt nach Investitionsmöglichkeiten mit höheren als den heimischen Zinsen sucht. Das globale Überangebot von Geldkapital (die sogenannte „Sparschwemme“) führt in der Folge auch global zu einem Absinken der Profitraten, so wie es im III. Band vom Kapital mit dem Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate beschrieben steht.

Sinken die Geldmarktzinsen, also Zinsen auf Ersparnisse und Guthaben unter 0% hingegen weiter ab, dann setzt ein Prozess der Vergemeinschaftung von Kapital ein, der in Abhängigkeit davon, ob das Geld für Kredite mit negativem Zins ganz aus Einlagen oder teilweise oder ganz aus dem Nichts geschöpft wird. Die zwei Extreme Vollreserve-System oder ein System mit 0% Mindestreserve, bzw. die Höhe der Mindestreserve bestimmt in der Folge die Höhe der Inflationserwartung.

Vergemeinschaftung von Leihkapital

Leihgebühren für Leihkapital bilden sich wie andere Preise an Märkten durch das Spiel von Angebot und Nachfrage. Im Gegensatz zum Geldmarktzins, der im Rahmen der Geldpolitik durch unterschiedliche Maßnahmen wie z.B. die aktive Führung des Leitzinses oder die Offenmarktpolitik direkt und indirekt beeinflusst werden kann, gibt es für die Leihgebühren (Zinsen) auf Leihkapital, das kein Geld ist weder eine dafür explizit zuständige Institution wie im Bankensektor die Zentralbank, noch ein anderes direkt zugeordnetes staatliches Instrument. Es gibt jedoch analoge staatsseitige Strukturen wie das für Mieten und Häusepreise zuständige Ministerium und ensprechende staatsseitige Handlungen wie die Haus- und Wohnungs(bau)politik.

Doch auch wenn beispielsweise die Höhe der Mieten oder Pachten politisches Thema auf der obersten förderalen Ebene ist, auf der sich auch die Zentralbanken befinden, ist sie zunächst ein lokales Thema, das sich aus dem lokalen Marktgleichgewicht von Angebot und Nachfrage ergibt. Der Staat tritt auf diesen Märkten in der Regel nicht als ein zentral Handelnder auf, sondern lokal in der Form von staatlichen Beteiligungen an Baugenossenschaften oder Immobilienfonds oder als Eigentümer von Wohnungen mit lokalem (kommunalem) Träger. Staatliche Eingriffe auf den Märkten für Leihkapital, die auf eine Erhöhung oder Verknappung des Angebots von Leihkapital hinwirken, z.B. wenn der Staat Wohnungen privatisiert oder über seine Beteiligungen an entsprechenden Unternehmungen bauen lässt und sie so dem Markt hinzufügt, sind also vergleichbar mit der Offenmarktpolitik der Zentralbank obwohl sie nicht von zentraler Stelle aus sondern lokal erfolgen.

Auch die anderen beiden Sektoren des Währungsraums, die Unternehmen und die Privathaushalte nehmen Einfluss auf die Preisbildung an den Märkten für Leihkapital. Eine Erhöhung der Nachfrage nach Wohnraum wird beispielsweise durch den Zuzug von Menschen in die Städte von Ballungszentren verursacht. Reagiert der Markt nicht spiegelgleich mit einer Erhöhung des Angebots an Wohnungen und Häusern folgt aus der erhöhten Nachfrage ein Preisanstieg bei Wohnungsmieten und Immonbilienpreisen. Das Gegenteil, ein Absinken der Mieten tritt logischerweise dann ein, wenn die Nachfrage nach Mietraum sinkt oder wenn mehr Mietwohnungen im entsprechenden Preissegment (Einkommen der Mieter) auf den Markt kommen.

Um den Charakter der Vergemeinschaftung von Leihkaptial, der als Wirkung der negativen Geldmarktzinsen die Leihkapitalgebühren sinken lässt zu verstehen, wird die Entwicklung am Beispiel von Mieten diskutiert. Treiber der Entwicklung der Leihkapitalgebühren ist die Höhe des Negativzinses bei Einlagen und Krediten. Für die nachfolgenden Überlegungen ist eine Umlaufsicherung vorausgesetzt.

Die negativen Geldmarktzinsen bewirken eine Verlagerung des Vertragsabschlusszwangs (ähnlich einem Kontrahierungszwang) auf die Seite der Sparer, der sich in einem „Investitionszwang” darstellt. Findet der Geldvermögende keine Anlagemöglichkeit wie z.B. einen Kreditnehmer, dann wird er einen Teil des Geldvermögens in Höhe des Negativzinses auf das bei der Bank liegende Geldvermögen verlieren. Gegenüber Kreditnehmern tritt er also als Nachfragender um die Aufbewahrung oder Verwahrung seines Geldvermögens an den Geldmärkten auf (Ersatz der Wertaufbewahrungsfunktion). Der Kreditnehmer hingegen ist Anbieter von Verwahrung oder Aufbewahrung von Geld. Ein Absinken der Einlagezinsen bei den Geschäftsbanken erhöht also die Nachfrage nach Aufbewahrung von Geld in einem Kredit. Der Negativzins für Kredite (das Verwahrentgelt, die Aufbewahrungsgebühr) bildet sich in der Folge wie jeder Preis aus dem Spiel von Angebot und Nachfrage.

Vergemeinschaftung von Leih- oder Besitzkapital am Beispiel von Mietwohnungen

Beim Geldverleih ist der Kreditnehmer der Besitzer und der Kreditgeber der Eigentümer. Für die Nutzung der Leihsache, im Folgenden eine Mietwohnung, zahlt der Besitzer und Nutzer den Mietzins an den Eigentümer. Der Mietzins ist dabei derjenige Anteil der Kaltmiete, der nach Abzug von Steuern, Versicherungsgebühren Wartungs- und Instandsetzungsaufwendungen und sonstigen Kosten als Gewinn der Vermietung übrigbleibt. Der Mietzins ist der Gewinn des Eigentümers und Vermieters aus der Vermietung von Wohnraum, also der Gewinn aus dem Verkauf von Verfügungsrechten an der Mietwohnung (hier die private, nicht-gewerbliche Nutzung) an den Mieter und Besitzer.

Die Mieten bilden sich als Preise auf den Mietmärkten. Aufgrund des Vertragsabschlusszwangs (ähnlich einem Kontrahierungszwang) auf der Seite der Geldvermögenden bei negativem Zins (Finanzielle Repression) werden Investitionen auch in die Wohnungs- und Immobilienmärkte erzwungen. In Abhängigkeit von der Höhe des Negativzinses werden Mietwohnungen für die den Renditeerwartungen (präziser: Verlustvermeidungserwartungen) entsprechenden Marksegmente gebaut. Je größer der Negativzins, desto eher werden Wohnungen und Häuser im unteren Preissegment der Wohnungsnachfrage gebaut, denn bie hohen Negativzinsen ist ein Anleger wohl froh, wenn überhaupt etwas aus der Investititon zurückkommt. Der Negativzins bewirkt sowohl, dass das Angebot von Mietwohnungen steigt als auch, dass die Nachfrage sinkt, weil mehr Menschen in ihr Eigenheim ziehen und als Nachfragende auf den Märkten für Vermietung entfallen. Beides, die Erhöhung des Angebots und das Absinken der Nachfrage nach Mietwohnraum, bewirkt ein Absinken der Mietzinsen.

Vergleicht man die Kosten für die Nutzung einer Wohnung, die der Eigentümer hat mit den Kosten, die ein Besitzer für die Nutzung derselben Wohnung hat, dann ist der Unterschied der Mietzins. Beträgt der Mietzins 0%, hat also der Eigentümer keinen Gewinn mehr aus dem Verkauf der Nutzungsrechte an der Wohnung an den Besitzer, dann macht es für den Mieter rechnerisch keinen Unterschied, ob er Eigentümer oder Besitzer ist, denn die Nebenkosten und den Anteil der Kaltmiete, der nicht Mietzins ist, müsste er auch zahlen, wäre er der Eigentümer. Sinken die Mietzinsen auf 0%, dann befindet sich die Leihsache an der Schwelle zur Vergemeinschaftung.

Ein Absinken des Mietzinses unter 0% bedeutet für den Eigentümer, dass er keinen Gewinn mehr aus der Vermietung der Sache zieht, sondern Verlust macht. Verhält er sich im kapitalistischen Sinn rational, dann wird er die Wohnung verkaufen. In nicht wenigen Fällen wird der Mieter die Wohnung mit einem Negativzinskredit kaufen.

Vergemeinschaftung übrigen Leihkapitals

Die Vergemeinschaftung von materiellen (physischen) Leihkapitalgütern kann analog zur Vergemeinschaftung von Mietwohnungen betrachtet werden. Erhöht sich die Menge der Leihgüter oder sinkt die Nachfrage nach diesen Gütern, weil sie sich im Eigentum befinden und nicht geliehen werden müssen, sinkt der Preis, die Leihgebühr.

Mit dem Verfügbarkeit von Krediten mit negativem Zins werden viele Güter, die zunächst nur geborgt werden konnten und deren Nutzung als Besitzer aufgrund des Zinses zuvor mit höheren Kosten verbunden waren, als Eigentumsgüter zugänglich. Wird die Sache nur gelegentlich genutzt, obwohl sie sehr nützlich ist, ist es wahrscheinlich, dass deren Nutzung mit der Zeit geteilt wird. Entsprechend der Nutzung beteiligen sich die Nutzer anteilig an den Wartungs- und Instandsetzungsaufwendungen, an der Abschreibungskompensation.

Bei Land, Grund und Boden (LGB) gibt es jedoch einen bedeutenden Unterschied. Während Gebäude fast beliebig gebaut, (in die Höhe) erweitert oder abgerissen werden können, sind LGB unabänderliche materielle Gegebenheiten, deren Quantität nicht ohne erheblichen Aufwand beliebig verändert, obwohl brachliegender LGB nutz- und brauchbar und die dazugehörigen Flächen der Nutzung zugänglich gemacht werden können.

Vergemeinschaftung von Produktionskapital und übrigem Kapital

Am Ende der kapitalistischen Entwicklung ist eine große Mehrheit der Erwerbstätigen nicht selbstständig beschäftigt, sondern in ihrem gelderwerblichem Handeln von den Zwecksetzungen ihrer Vorgesetzten fremdbestimmt. In Deutschland liegt Ende 2018 der Anteil der Selbstständigen unter 10%. Über 90% der Erwerbstätigen sind nicht-selbstständig Beschäftigte. Wenn die Gewinne aus Unternehmungen nicht unmittelbar reinvestiert werden und so die Unternehmung expandiert, wird dieses Geld dem Prozess entzogen und gelangt auf ein Konto bei einer Bank.

Mit dem Abtauchen der Geldmarktzinsen ins Negative setzt eine Entwicklung ein, die die am Markt etablierten gewinnträchtigen Unternehmungen relativ zu den Bedingungen und Verhältnissen bei positiven Geldmarktzinsen destabilisiert: ein Teil aller in der Vergangenheit akkumulierten Gewinne fließt über Negativzinskredite an mögliche Konkurrenten im selben Wirtschaftszweig, die sich über Kredite finanzieren, ab.

Unter der Annahme, dass der Unternehmer den Markt allein beherrschen will, wird er sich daher davor hüten, seinem Unternehmensprozess Gewinne, zu denen auch die Bezahlung der Unternehmenseigentümer und der Anteilseigner gehören (Dividenden), zu entziehen, wenn diese nicht sofort wieder in andere (Unternehmens-) Prozesse (re)investiert werden können, z.B. weil das Unternehmen an die Sättigungsgrenze des Marktes gestoßen ist, und stattdessen auf einem Konto mit negativem Zins landen. Dieser nach Alleinherrschaft strebende Unternehmer wird also bevorzugt die überschüssigen Gelder, den Mehrwert, in die bestehenden Unternehmensstrukturen incl. der Mitarbeiter reinvestieren.

Von der anderen Seite her betrachtet, der Seite der Kreditnehmer, hat der Unternehmer in einem Umfeld negativer Zinsen nämlich noch ein anderes „Problem”: Negative Kreditzinsen belohnen und fördern Unternehmensgründungen. Jedes Unternehmen hat seine Spezialisten für bestimmte Teile des Unternehemensprozesses. All diese angestellten Spezialisten stehen unter einer Negativzins-Ökonomie der Versuchung gegenüber, sich mit einem solchen Kredit selbstständig zu machen.

Stößt das Unternehmen nach Modernisierungen und Expansion an die Sättigungsgrenzen des Marktes, bleibt dem Unternehmer nur die Möglichkeit, zunächst über die Erhöhung der Löhne, dann über die Vergabe von Unternehmensanteilen, also Vergemeinschaftung über Beteiligungen die Spezialisten an das Unternehmen zu binden. Die Entwicklung verläuft insgesamt analog zur Umstrukturierung der Führung, denn Eigentum an der Sache bedeutet oberste Sachherrschaft und also, in Bezug auf Unternehmensanteile, (Selbst-) Bestimmung (Verfügung) über den entsprechend eigenen Funktionsteil des unternehmerischen Prozesses.

Die Tendenz bei Mitbestimmung, Gewinnbeteiligungen und Anteilen am Stammkapital verläuft also bei negativem Zins in Richtung Vergemeinschaftung.

Gesamtbetrachtung

Insgesamt beobachtet man ein Abschmelzen der großen Kapitale zugunsten der kleinen. Die Eigentumsverhältnisse an (im physikalischen Sinn) materiellen Sachen spiegeln mit der Zeit und im Verlauf der Entwicklung die Eigentumsverhältnisse am Geld. Umverteilung im Geldsystem erzeugt viele ähnlich große Geldmengen, die schließlich in ähnlich großen privaten Kapitalen bestehen, die gemeinsam und gemeinschaftlich genutzt werden. Überschüssige Gewinne werden umverteilt. Das Himmelreich ist wie ein Sauerteig, hat er gesagt.

Querverweise auf 'Die Vergemeinschaftung von Kapital'