$ \def\tr{\text{tr}} \def\diff{d} \def\medspace{\enspace} \def\mathbi{\mathbf} \def\euro{€} \def\dollar{\$} \def\textnormal{\text} \newcommand\norm[1]{\left\lVert{#1}\right\rVert} $

Sexualität, Konsum und Zins

Der positive Zins belohnt die Unterdrückung und Aufschiebung des Konsums und bestraft diejenigen, die ihn zeitlich vorziehen. Über den Zusammenhang von Habgier, einer der Formen des Begehrens, den Konsum, Sexualität und neurotischen Liebesbedürfnissen schreibt Karen Horney 1937 in Der neurotische Mensch unserer Zeit:

Habgier mit ihren Abwandlungen und zusätzlichen Hemmungen wird als „orale“ Haltung bezeichnet und wurde als solche in der analytischen Literatur hin sind beschrieben. Während die dieser Terminologie zugrundeliegenden theoretischen Ansichten sofern von Wert waren, als sie es ermöglichten, bisher isolierte Züge in Syndrome zu vereinigen, ist die Voraussetzung, dass all diese Züge in oralen Sensationen und Wünschen ihren Ursprung haben, zweifelhaft. Sie gründet sich auf die gültige Beobachtung, dass Habgier des öfteren ihren Ausdruck in einem Verlangen nach Nahrung und in Essgewohnheiten findet und ebenso in Träumen, die die gleichen Tendenzen in einer primitiven Form offenbaren können, wie sich dies z.B. In kannibalistischen Träumen äußert. Doch beweisen diese Phänomene nicht, dass wir es hier mit ursprünglichen und wesentlich oralen Bedürfnissen zu tun haben. Es scheint mir daher richtiger zu sein, anzunehmen, dass Essen in der Regel lediglich das zugänglichste Mittel zur Befriedigung habgieriger Gelüste ist, ganz gleich woher diese Gelüste stammen, genauso wie in Träumen Essen konkreteste und primitivste Symbol für den Ausdruck eines unstillbaren Verlangens ist.

Die Annahme, dass die „oralen“ Wünsche oder Haltungen libidinösen Charakter haben, ebenfalls eines substanzielleren Beweises. Zweifellos kann sich eine habgierige Haltung auf sexuellem Gebiet äußern, sowohl in Form tatsächlicher sexueller Unersättlichkeit, als auch in Träumen, die den Geschlechtsverkehr in Form von Schlucken oder Beißen identifizieren, doch äußert sie sich genauso in einem Bedürfnis danach, sich Geld oder Kleidung anzueignen, oder in dem ehrgeizigen Streben nach Anerkennung. Alles, was zugunsten der Annahme libidinösen Haltung gesagt werden kann, ist, dass die leidenschaftliche Intensität der Habgier Ähnlichkeit mit dem Geschlechtstrieb hat. Wenn man nicht annimmt, dass jede leidenschaftliche Bestrebung libidinös sei, muss jedoch bewiesen werden, dass die Habgier als solche ein sexueller – prägenitaler – Trieb ist.

Das Problem der Habgier ist kompliziert und noch immer nicht gelöst. Es ist ebenso wie die zwangsmäßige Haltung ganz entschieden von der Angst stimuliert. Die Tatsache, dass Habgier durch die Angst bedingt wird, kann ziemlich deutlich zu sehen sein, wie das z.B. häufig der Fall ist übertriebenem Masturbieren oder übertriebenem Essen. Die Verbindung zwischen diesen beiden Dingen kann auch durch die Tatsache bewiesen werden, dass die Habgier sich verringern oder verschwinden kann, sobald der Betreffende sich in irgendeiner Form durch Liebe, Erfolg oder eine konstruktive Arbeit gesichert fühlt. Zum Beispiel kann das Gefühl, geliebt zu sein, ganz plötzlich die Intensität eines zwangsmäßigen Kaufdrangs reduzieren. Ein junges Mädchen, das sich auf jede Mahlzeit mit unverhohlener Gier freute, vergaß Hunger und Mahlzeit völlig, sobald sie anfing Kleider zu entwerfen, eine Beschäftigung, die ihr große Freude bereitete. Andererseits kann die Habgier auftauchen oder sich verstärken, sobald sich die Feindseligkeit oder die Angst steigern; ein Mensch kann einen Zwang danach verspüren, wahllos einzukaufen, wenn er eine gefürchtete Leistung vor sich hat, oder er wird voller Gier anfangen zu essen, wenn er sich in irgendeiner Form verschmäht fühlt.

Jedoch gibt es viele Menschen, die Angst haben und dennoch keine Habgier entwickeln, eine Tatsache, die darauf hinweist, dass dabei noch andere spezielle Faktoren im Spiel sind. Alles, was halbwegs mit Sicherheit über diese Faktoren gesagt werden kann, ist dass habgierige Menschen ihrer Fähigkeit, selbstständig etwas produzieren zu können, misstrauen und sich daher zur Erfüllung ihrer Bedürfnisse auf die Außenwelt verlassen müssen; doch sind sie der Ansicht, dass keiner ihnen irgendetwas gönnte. Dieselben Neurotiker, die in ihrem Liebesbedürfnis unersättlich sind, zeigen die gleiche Habgier auch in Bezug auf materielle Dinge, auf zeitliche oder geldliche Opfer, praktische Ratschläge in konkreten Fällen, tätige Hilfe in Schwierigkeiten, Geschenke, Informationen oder sexuelle Befriedigung. In einigen Fällen enthüllen diese Bedürfnisse den definitiven Wunsch nach Liebesbeweisen; in anderen jedoch ist diese Erklärung nicht überzeugend. In diesen letzteren Fällen gewinnt man den Eindruck, dass der Neurotiker lediglich etwas haben möchte, mit oder ohne Liebe und dass das Liebesverlangen, wenn es überhaupt vorhanden ist, lediglich ein Deckmantel für die Erpressung gewisser greifbarer Vergünstigungen oder Vorteile ist.

Diese Beobachtungen legen die Vermutung nahe, ob nicht vielleicht die Grundlage für dieses Phänomen eine allgemeine Habsucht nach materiellen Dingen sei, und das Liebesbedürfnis lediglich einer der Wege, diese Ziele zu erlangen. Es gibt auf diese Frage keine allgemeine Antwort. Das heftige Verlangen nach Besitz ist, wie wir später sehen werden, eines der fundamentalen Verteidigungsmittel gegen die Angst. Doch zeigt die Erfahrung auch, dass in gewissen Fällen das Liebesbedürfnis, wenn es auch eine allgemeingültige Schutzmaßnahme ist, so tief unterdrückt wird, dass es nicht an die Oberfläche kommt. An seine Stelle kann dann die Gier nach materiellen Dingen – entweder für immer oder vorübergehend – treten.
Karen Horney, Der neurotische Mensch unserer Zeit, 1937, VII. Kapitel, S. 123.

Störungen der Sexualität und der sexuellen Selbstbestimmung

Darstellung des Teufels Satan.
Zu den gravierendsten und lebensgefährlichsten Störungen der Persönlichkeit im Kapitalismus gehört die Beeinflussung der Sexualität. Sigmund Freud beschreibt den Ursprung menschlichen Handelns als ein Gleichgewicht der seelischen Triebkräfte Libido und Destrudo. Aus diesem Gleichgewicht heraus entsteht im Ich-Prozess ein Aktionspotential für eine Handlung. Die Unterscheidung zwischen den Ursachen Libido und Destrudo richtet sich danach, ob die Vereinigung mit dem Beziehungsobjekt angestrebt wird (Libido Liebe) oder eine Abspaltung/Trennung (Destrudo, Hass) davon oder gar seine Zerstörung.

In der christlichen Philosophie ist die Handlung mit dem Ziel der Erschaffung eines Kindes der Beziehungspartner ein Akt der Liebe während die Tötung oder Verstoßung des Kindes ein Akt des Hasses ist. Im übertragenden Sinne ist mit dem Kind der sich entwickelnde Beziehungsgegenstand (das Inter-esse) gemeint. Dies kann im fundamentalsten Sinne der Nachwuchs eines sich liebenden Paares sein oder in sublimierter Form das verbesserte Spiel beim Üben eines Künstlers mit seinem Instrument oder die einen immer stärken Ausdruck erlangenden Werke eines Künstlers. Ein Kind des Hasses hingegen ist beispielsweise der zerstochene Autoreifen des verhassten Nächsten oder eine zerbrochene Fensterscheibe eines Geschäfts bei einer Autonomen-Demonstration am 1. Mai.

Im Kapitalismus wird der schöpferische Trieb des Menschen auf die Erfüllung privater Zwecke gerichtet. Die schöpferische Kraft des kreativen Arbeiters (aber auch Unternehmers) wird auf die Herstellung von Mitteln ausgerichtet und über das Vertragsverhältnis vom Vorgesetzten abgeschöpft. Die Realisierung der kreativen Ideen erfordert eine seelische Anstrengung und nach getaner Arbeit ist der Kreative erschöpft. Das entstandene Kind, das Tageswerk, ist jedoch nicht Eigentum des Kreativen, sondern Eigentum der Firma. Dieser Umstand ähnelt, drastisch formuliert, einer Kindesentziehung und beschädigt die natürliche Identifizierung des Kreativen mit seinem Werk. Man erschafft für die Firma. Als Ausgleich bekommt der Angestellte Lohn, zu dem er jedoch eine völlig andere Beziehung hat, also zum Kind seiner Arbeit.

Folgen der Libido-Sublimierung

Der Kreative wird also im „Rahmen“ einer arbeitsteilig organisierten Gesellschaft mit positiv verzinstem Geld systemisch dazu gezwungen, seine Schaffenskraft in die Herstellung von Mitteln zur Erreichung privater Zwecke Anderer zu sublimieren (umzulenken).

Zusätzlich wird dann aber auch noch (!) das Produkt des Schaffens, die Schöpfung, das Werk, das Kind im Sinne der Dreifaltigkeit durch die Institution, in der der schaffende Mensch beschäftigt ist abgeschöpft. Das Kind wird also entwendet. Zwar bekommt der seine Arbeit hingebende Arbeiter zum Ausgleich Lohn („die Belohnung“), jedoch ist das Tauschwertverhältnis (der Preis der Arbeit), das der Unternehmer im Kapitalismus für gewöhnlich zu zahlen hat gestört durch den Zins. Sich diesem Prozess, der auf eine subtile Art unmenschlich ist, zu entziehen ist dem Arbeitenden auch nicht möglich, denn er steht im Kapitalismus z.B. in einer Stadt insgesamt unter einem Zwang sich in den Dienst Anderer zu stellen, wenn er sich nicht selbstständig macht und Andere ausbeutet.

Der Versuch das männliche Begehren vulgär-attraktiven Frauen gegenüber in das Begehren gegenüber einer Sache zu sublimieren.
Die Sublimierung der Libido (Umlenkung und Ausrichtung der Schöpfungskraft) wird in der kapitalistischen Gesellschaft dadurch erreicht, dass Sexualität regelrecht tabuisiert wird, denn die Auslebung der Sexualität würde die Ausrichtung der Libido innerhalb des kapitalistischen Prozesses auf den privaten Zweck Anderer behindern. In aufreizenden Werbungen für Produkte, man denke dabei z.B. an Automessen wird das lustvolle Begehren auf das Produkt umgelenkt und regelrecht missbraucht.

Viele Menschen erleben den Anblick von künstlichen Aggregaten (Anordnungen, Verknüpfungen) eines natürlichen „Objekts“ des Begehrens (wie einer hübschen Frau) und einem Produkt als eine subtile Form von Folter. Dies ist aber auch völlig normal, weil Sublimierung eben schmerzhaft ist.

Würden sich die Menschen auf eine hingebungsvolle, liebevolle Art und Weise und vor allem ungezwungen und schuldlos einander zuwenden, würde in den meisten Menschen wohl eher eine Abneigung entstehen, für die die Schöpfung stehlende Dritte seine Schaffenskraft hinzugeben. Geschafft wird im Kapitalismus für die Firma, nicht jedoch für die ungezwungene Liebe.

Wohin führt das? Der vom Kapitalismus ausgebeutete Mensch leidet an einer großen Leere.

Konsum als Kompensations- und Ersatzhandlung

Das Produkt bzw. die Wirkung seiner Hingabe von Arbeit wird dem Schaffenden ständig durch das System geraubt. Das Gleichgewicht in der Beziehung eines Schaffenden zu seiner Schöpfung ist gestört. Diesen Mangel an Erfüllung versucht der kapitalistisch Konditionierte auszugleichen und wendet sich also durch Konsum besonders lustvollen handelbaren Gütern zu. Die Belohnung ist der Genuss der Schöpfung, es ist die Erreichung des Zwecks durch die Herstellung des Mittels.

Wird die unmittelbare Belohnung (die Erreichung des Zwecks) dem Schaffenden entzogen oder ist der durch den Lohn ersetzte Genuss systematisch zu niedrig (vgl. zur unsichtbaren Hand und dem Stoffstrombias der im Kapitalismus im Mittel immer auf das Kapital gerichtet ist), so resultieren aus dem so verursachten Mangel die Todsünden der Wollust (negative Form des Begehrens) und Völlerei zu denen die Menschen im Kapitalismus regelrecht erzogen werden. Die einfachste und unmittelbarste Wirkung wird dabei durch den Konsum von Drogen erreicht[8].

Das Konsumverhalten im Kapitalismus ist im Sinn der Sublimierung also eine Art Kompensations- oder Ersatzhandlung zum Ausgleich des gestörten seelischen Gleichgewichts.

Eine Dokumentation über die Konsum-Eitelkeitsstörung, die letztlich nur Ausdruck eines gestörten Selbstwerts ist.
Der soziale Ort (das Beziehungsgefüge) an dem der „Belohnungs“/„Liebesenergie“-Mangel außerhalb der Märkte des kapitalistischen Systems ausgeglichen und reproduziert werden kann und muss ist das innerste soziale Netz um den Menschen: seine Bekannte, seine Freunde und seine Familie. Der Kapitalismus überschreitet systematisch die Grenzen der Selbstbestimmung und des Schutzes der Würde der Menschen. Der Kapitalismus macht auch vor dieser sozialen Grenze nicht Halt.

Die Heteronomie (der Zwang) dringt im voranschreitenden Kapitalismus immer weiter in das soziale Gefüge der Menschen vor und zerreißt deren Beziehungen. Die neu verknüpften Beziehungen sollen einem übergeordneten Zweck dienen, nicht jedoch der Liebe zwischen den Menschen. So ist es völlig klar, dass die Menschen im reifen Kapitalismus immer stärker an einer Lieb- und Teilnahmslosigkeit, einer Art sozialen Apathie und sozialen Kälte leiden und nicht mehr von sich aus wissen, woher sie denn die fehlende Liebe nehmen sollen. Es ist daher auch kein Wunder, dass die Geburtenrate seit dem Verpuffen des Wirtschaftswunders in den 60er Jahren immer weiter sinkt.

Pornographie, Prostitution, Pädophilie

Die Sparsamkeit im Kapitalismus macht den Menschen also zu einem Mangelwesen. Es fehlt ihm vor allem an Liebe. Das perfide und perverse System des Kapitalismus macht jedoch auch vor der unmittelbaren Stillung des durch die Libido-Sublimierung und des durch den Entzug seiner Schöpfung entstehenden Mangels nicht Halt, sondern macht aus dem Bedürfnis (dem Mangel) eine Nachfrage und stellt konsequent auf der Angebotsseite ein entsprechendes Produkt „zur Verfügung“ (Übertragung von Heteronomie, Ausübung von Zwang). Innerhalb bestimmter Grenzen „darf“ sich also der kapitalistische Mensch seinen elementarsten Bedürfnissen zuwenden, wenn er (der Mensch) die Liebe nicht mehr aus seinem innersten sozialen Netzwerk bekommen kann, z.B. weil er so viel arbieten muss, dass er sich nur noch wenig der Familie und den Freunden zuwenden kann.

Entscheidend für die Wahl des Produktes ist die Mängelstruktur.

Wenn ein Mensch im Laufe seines Lebens nicht das zu seiner seelischen Entwicklung notwendige Maß an Liebe, also körperliche Zuwendung, Geborgenheit, Sicherheit, Urvertrauen, usw. erhält, hat der Mensch eine dem „Fehlen den Liebe“ zugeordnete Mangelstruktur. Die Seele hat quasi ein Loch und ist an manchen Stellen hohl. „Wo“ in der Seele sich das Loch befindet entscheidet letztendlich darüber, welches „Produkt“ ausgewählt wird. (Wie Sie vielleicht merken ist der Begriff des „Produktes“ in diesem Zusammenhang sehr stark mit Ekel, Scham und evtl. auch Schuldgefühlen besetzt).

Die Mängelstruktur ist also die Struktur der fehlenden Liebe in der Seele des Menschen.

Einfach gesagt neigt der Erwachsene, der an einem Liebesdefizit leidet, auf eine sich selbst verstärkende Art und Weise (Konditionierung) zunehmend dazu, seinen durch das kapitalistischen System verursachten Mangel an elementarster Liebe durch den Konsum von Pornographie zu ersetzen[5], nachdem andere Konsummöglichkeiten ausgeschöpft sind. Das Alter der „Objekte des Begehrens“ sinkt dabei im reifen Kapitalismus immer weiter ab[6].

Demjenigen, dem das nicht reicht und überwiegend überhaupt nicht dazu in der Lage ist, seine elementarsten Bedürfnisse innerhalb seines sozialen Netzwerks zu stillen, wird wohl sogar käufliche sexuelle Dienstleistungen (Prostitution) in Anspruch nehmen, wenn er (oder sie) den „Trieb“ nicht in irgendeiner Weise sublimieren kann, bzw. den Mangel auf eine natürliche Art und Weise ausgleichen kann. So finden sich logischerweise in allen größeren Städten Puffs, Bordelle, Vergnügungs- und „Sex-Bespaßungseinrichtungen“ in denen der „körperliche Teil der Liebe“ käuflich wird. Dass dabei der ganze „Rest“ der Bedürfnisse, nämlich das, was über eine rein sexuelle Beziehung hinaus auch Gegenstand der Beziehung ist, bleibt jedoch unbefriedigt.

Für „exotischere“ Bedürfnisse bucht der kapitalistische liebeshungrige Mensch als Sex-Tourist einfach eine Reise in eins derjenigen Schwellen und Entwicklungsländer, in denen die Preise für derlei „Dienstleistungen“ besonders niedrig sind und sonst auch grenzenlose Möglichkeiten bestehen. So verkommen die ärmeren Länder der Welt zu einem „Selbstdienungsladen“ für nicht notwendiger Weise reiche Sex-Hungrige aus den Industrienationen!

Geschäft mit der Jungfräulichkeit auf der Grundlage materiell-existenzieller Not.

Die schlimmste Form der Ausbeutung (Ausbeutung ist eine Übertragung von Heteronomie, also ein Zwingen) die von einem liebeshungrigen Mangelwesen ausgehen kann, ist der sexuelle Missbrauch von Kindern in jeglicher Form[7]. Die Neigung, eine solche Handlung an einem Kind zu begehen, heisst Pädophilie und wird in der Sexual-Psychologie „formal“ als eine Störung sexuellen Präferenz (Fehlausrichtung des sexuellen Begehrens) bezeichnet. Der/Die Pädophile ist in der Stillung seines/ihres Begehrens auf Kinder ausgerichtet. Aufgrund der Mängelstruktur leidet der pädophile Mensch also an einem Mangel an Zuneigung in seiner eigenen Entwicklung zum Zeitpunkt des Alters des missbrauchten Kindes. Im Grunde versucht der ein Kind sexuell missbrauchende Mensch den Mangel, sein „seelisches Loch“, durch die sexuelle Handlung an einem Kind zu kompensieren. Die Ursache des Missbrauchs liegt also in der Kindheit des Täters. Die Wirkung kann wieder Ursache werden, wenn das missbrauchte Kind aufgrund von sozialer Stigmatisierung und Ausgrenzung wieder zum Täter wird. Auf diese Weise pflanzen sich solcherlei Neigungen entlang der Generationen und innerhalb der Gesellschaft fort.

Der Mädchenhandel in Ost-Europa wächst auf dem Boden der Armut.

Ursächlich für fast alle Erscheinungen und physische Darstellungen von Missbrauch ist initial der Mangel an Zuwendung, Geborgenheit und Nestwärme zum Kind. Eine Gesellschaft, die einem kapitalistischen System untergeordnet ist, welches seine Mitglieder dazu verleitet, die Liebe (die Schaffenskraft) nicht mehr der Familie zu geben, sondern dem Vorgesetzten oder dem Kapital, wird also logischerweise und notwendigerweise (dies erscheint vielleicht paradox, aber Mangel an Liebe ist eine Not!) immer schlimmere Auswüchse des Mangels an Liebe erleben!

Querverweise auf 'Sexualität, Konsum und Zins'