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10. November 2018

Zins und Zeit

Es findet gerade eine Art Entschleunigung statt, doch muss zunächst der individuelle Hamstertreiber im individuellen Gehirn unter Kontrolle gebracht werden, bevor man dies bemerkt. Ich versuche hier kurz zu erklären, woher ein Teil unseres Stresses kommt. Das Argument ist nicht trivial.

Man kann mathematisch die Angehörigen eines Währungsraumes, in dem die Zinsen[+] positiv sind, in zwei Gruppen unterteilen. Die eine Gruppe nimmt insgesamt Zinsen[+], die andere Gruppe gibt Zinsen[+]. Es ist relativ einfach, sich klarzumachen, dass bei positivem Zins[+] die Gruppe, die Zinsen[+] nimmt, die reichere von beiden Gruppen ist und dass die Angehörigen dieser Gruppe zahlenmäßig in einer Minderheit sind, die immer kleiner wird, während die Gruppe derjenigen, die insgesamt Zinsen[+] geben immer größer wird und immer ärmer. Die berühmte Schere.

Nun kommt ins Spiel, was der Zins[+] im physikalischen Sinne ist.

Der Zins[+] ist das Hinzuwachsende eines geltenden Toten[+], das Kind des Geldes mit demjenigen der ihn gebärt, der Zuwachs des Kapitals. Mit dieser Eigenschaft, die wir dem Geld geben, nämlich die Fähigkeit zu wachsen, pervertieren wir den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik[+], der im Volksmund umgangssprachlich als der „Zahn der Zeit“ bekannt ist. Anschaulich betrachtet ist der Negativzins der Natur als das Nagen der Zeit an aller Materie zu erkennen. In der Betriebswirtschaftlehre heißt der Negativzins Abschreibungen.

Alles altert mit der Zeit.

Die Alterungsgeschwindigkeit ist die Höhe des Negativzinses der Natur. Unsere Umwelt, das Universum, ist also so geschaffen, dass wir einer permanenten Erosion, einem Angriff durch die Zeit selbst, ausgesetzt sind. Wir erliegen diesem Angriff, wenn wir sterben.

Als Zahn der Zeit interpretiert, frisst das Kapital der kleinen Gruppe der Zins[+]nehmer an der immer größer werdenden Gruppe der Zins[+]geber und beschleunigt ihre Alterung.

Beides sind Phänomene der Beschleunigung, die verursacht wird durch den Zins[+].

Wenn man es sich mit Abstand anguckt, dann erkennt man auch, dass von der Gruppe der Zins[+]geber Zeit umverteilt wird auf die Gruppe der Zins[+]nehmer. Die Zeit, die den Zins[+]gebern genommen wird, ist diejenige Arbeitszeit, die sie zur Abbezahlung der Kreditzinsen ableisten muss. Diese Zeit wächst den Zins[+]nehmern als zusätzlicher monetärer Freiraum hinzu. Der Zins[+] ist für die Reichen ein leistungsloses Einkommen und ermöglicht ihnen das Verbringen von Zeit, ohne dabei arbeiten zu müssen, sie leben vom Zins[+].

Kehrt man das Zins[+]vorzeichen um, dann fließt diese gestohlene Zeit vom akkumulierten Kapital zurück zu denjenigen, denen die Zeit gestohlen wurde. Kommen die Negativzinsen, dann bekommen alle, die arbeiten, mehr Zeit geschenkt, und die brauchen wir, wenn wir uns um unsere Zukunft, also unsere Kinder, kümmern wollen.

Eine Reportage von ARTE über die Bedeutung der Zeit in der kapitalistischen Welt. In Kritik der reinen Vernunft von Immanuel Kant heißt es schon, dass alles sinnliche Erleben gleichbedeutend ist mit dem Vergehen der Zeit, weswegen Nicht-Zeit nicht denkbar ist. Das gleiche gilt für den Raum.

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