$ \def\tr{\text{tr}} \def\diff{d} \def\medspace{\enspace} \def\mathbi{\mathbf} \def\euro{€} \def\dollar{\$} \def\textnormal{\text} \newcommand\norm[1]{\left\lVert{#1}\right\rVert} $
4. Juni 2019

Marktförmiger Extremismus

In der Verarbeitung der aktuellen Mitte-Studie bin ich im Kontakt mit den Autoren, um meine Erklärungsansätze für die Beobachtungen zu überprüfen. Im Folgenden geht es um die Beziehung zwischen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit und den Marktgesetzen der kapitalistischen Wirtschaft. Ich knüpfe inhaltlich an die E-Mail an, die ich am 27.05.2019 an Frau Schröter geschrieben habe.

E-Mail an Wilhelm Berghan von der Uni-Bielefeld

Sehr geehrter Herr Berghan,

wir haben eben telefoniert zu den sozio-ökonomischen Hintergründen mit Bezug zur aktuellen Mitte-Studie.

Da ich mit meinem Anliegen, doch bitte die Zinsen, das Zinsvorzeichen, also die Systemfrage und die historischen Entwicklungen in der Geldpolitik mit in den Versuchen zu berücksichtigen, um die politischen und sozial-psychologischen Entwicklungen zu erklären, schicke ich Ihnen hier den Text, den ich an mit Frau Franziska Schröter geschickt habe.

Da ich nicht außerdem weiß, ob diese komplexe HTML E-Mail ankäme, schicke ich Ihnen hier eine einfache Text-E-Mail und verweise Sie auf meine Internetseite, wo ich den Text der ausführlichen, komplexen E-Mail öffentlich einsehbar abgelegt habe. Die URL lautet (Aktuelles Eintrag vom 27.05.2019).

Im Anhang finden Sie meinen Lebenslauf. Verzeihen Sie mit bitte die Aufforderung zur Bestätigung des Empfangs der E-Mail. Ich bitte Sie, den Empfang der E-Mail zu bestätigen, weil ich den begründeten Eindruck habe, dass ich in meiner Kommunikation zensiert werde.

Die Quelle der rechts-gerichteten politischen Agitation ist bei den Verfechtern und Ideologen der positiven Zinsen zu finden, da bin ich mir sicher.

Deswegen ist diese „Partei” AfD auch sehr viel älter und auch sehr viel weiter verbreitet, als die meisten Menschen ahnen. Die AfD findet insbesondere in der FDP und in der Union, wenigstens hinsichtlich ihrer geldpolitischen Ziele, aus denen sie keinen Hehl macht, Anhänger. Die AfD ist die Partei der Anwälte der abendländischen Kapitalismus-Eliten, und in ihrem Parteilogo findet sich das Motiv der politischen Betätigung. Es geht Ihnen nur um das Geld. Eben habe ich die folgende Stelle in der 2016er Mitte-Studie „Feindselige Zustände“ gefunden. Sie passt perfekt zu meinen bisherigen Überlegungen. Dort heißt es im 7. Kapitel der Studie:

7.3 Erläuterung des Mechanismus von marktförmigem Extremismus

Um diesen sozialen Mechanismus zu verstehen, der zwischen Sympathie mit der AfD und Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit sowie Rechtsextremismus liegt, ziehen wir das Konzept des marktförmigen Extremismus hinzu (Groß & Hövermann 2014; Hövermann, Groß & Zick 2015). Hierbei handelt es sich um ein Phänomen der Ökonomisierung des Sozialen. Für den marktförmigen Extremismus ließen sich enge Zusammenhänge mit Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit (Groß & Hövermann 2015) und Rechtsextremismus aufzeigen (Groß & Hövermann 2014). Personen, die Menschen nach ihrer Nützlichkeit beurteilen und andere mit einer Kosten-Nutzen-Logik betrachten, neigen eher zur Abwertung sozial schwacher Gruppen. Bereits 2014 zeigten sich zudem hohe Zustimmungsraten zum marktförmigen Extremismus insbesondere bei Befragten, die mit der AfD sympathisierten (vgl. Groß & Hövermann 2014: 113). Die AfD stellte damit offenbar ein politisches Sprachrohr für das vorhandene wettbewerbspopulistische Potenzial dar und kanalisierte diese ökonomischmenschenfeindliche Verbindung.

[...]

Die Daten bestätigen das theoretische Modell: Befragte, die mit der AfD sympathisieren, neigen teilweise deshalb stärker zu GMF und rechtsextremen Einstellungen, weil sie eher einem marktförmigen Extremismus folgen, der seinerseits die Abwertung sozialer Gruppen befördert, das heißt mit GMF und rechtsextremen Einstellungen verknüpft ist (dargestellt durch die breiten Pfeile in Grafik 7.3, $\rightarrow$ S. 179). Statistisch ausgedrückt, stellt der marktförmige Extremismus somit eine wichtige vermittelnde und damit erklärende Variable für den Zusammenhang zwischen AfD-Sympathie und GMF sowie Rechtsextremismus dar. Diese Befunde erweisen sich zeitlich als äußerst stabil und gelten für 2014 sowie für 2016 in nahezu identischem Ausmaß. Allerdings gibt es neben diesem vermittelten Mechanismus in beiden Jahren auch direkte Zusammenhänge zwischen AfD-Sympathie und GMF beziehungsweise Rechtsextremismus (dargestellt in dem oberen und unteren lang gestreckten Pfeil in Grafik 7.3, $\rightarrow$ S. 179). Genau hier zeigt sich die größte Veränderung: Während 2014 der direkte Effekt von AfD-Sympathie auf GMF und Rechtsextremismus noch relativ klein war ($\rightarrow$ Grafik 7.3: beta = .18 bzw. beta = .16) und damit ein Großteil dieses Zusammenhangs über den vermittelnden Effekt des mehrheitsfähigen marktförmigen Extremismus erklärt werden konnte, steigen die direkten Effekte der AfD-Sympathie auf GMF und Rechtsextremismus in 2016 auf ein beachtliches Ausmaß an (beta = .41 bzw. beta = .35). Im Jahr 2016 äußern AfD-Sympathisanten also deutlich direkter als noch 2014 ihre Menschenfeindlichkeit und ihren Rechtsextremismus, ohne den Umweg über marktförmigen Extremismus zu nehmen. Dies gilt umso mehr, wenn man bedenkt, dass die Effekte um bedeutende Prädiktoren kontrolliert wurden, also unabhängig davon, ob bestimmte soziodemografische Faktoren oder beispielsweise eine autoritäre Haltung der Befragten vorliegen. Die AfD-Sympathie, wie sie hier von uns erhoben ist, erweist sich demnach insbesondere im Jahr 2016 als bedeutende und von anderen wichtigen Einflussfaktoren unabhängige Variable zur direkten Erklärung von GMF und Rechtsextremismus. Die nach wie vor bestehenden vermittelnden Effekte deuten zwar an, dass marktförmiger Extremismus weiterhin eine große Relevanz bei der Vermittlung des Weges von AfD-Sympathie zu GMF und Rechtsextremismus besitzt, nichtsdestotrotz werten AfD-Sympathisanten im Jahr 2016 bestimmte Gruppen deutlich stärker direkt ab, ohne den Weg über den marktförmigen Extremismus zu nehmen.

[...]

Um diesen Abwertungsmechanismus zwischen der AfD-Sympathie und GMF beziehungsweise Rechtsextremismus besser zu verstehen, zogen wir das Konzept des marktförmigen Extremismus in einem letzten Schritt heran. Es kommt bei AfD-Sympathisanten weiterhin zur Abwertung von Gruppen, was durch eine vermeintlich geringe Nützlichkeit und große Belastung für die Allgemeinheit legitimiert wird – ganz dem ursprünglichen neoliberalen Duktus der AfD entsprechend. Nichtsdestotrotz lässt sich eine Veränderung in diesem Mechanismus beobachten: Die Sympathie für die AfD steht heute in einem deutlich engeren direkten Zusammenhang mit GMF und Rechtsextremismus, als dies noch 2014 der Fall war. Da die starken direkten Effekte von AfD-Sympathie auf GMF und Rechtsextremismus im Jahr 2016 unabhängig von bekannten Einflussgrößen bestehen, bleibt zu klären, was diese gegenwärtige Parteisympathie in der deutschen Bevölkerung noch transportiert und sie zu einer so relevanten, direkten Erklärungsgröße für GMF und Rechtsextremismus macht.

Der beschriebene Befund fügt sich nahezu passgenau in die Veränderung der parteipolitischen Ausrichtung der AfD, die zwischen 2014 und 2016 ihr ökonomistisch-neoliberales Gesicht zugunsten einer rechtsnational-konservativen bis völkischen Ausrichtung verändert hat. Die Abwertung erfolgt somit – parallel zur programmatischen Linie der Partei – heute immer häufiger und deutlich direkter, sodass darin eine Verschiebung der Norm zu erkennen ist. Dies wird insbesondere dann zum Problem, wenn sich die menschenfeindliche Ausrichtung der Partei über populäre Anknüpfungspunkte in der Gesellschaft – wie insbesondere die 2014 allgegenwärtige Kosten-Nutzen-Logik – weiter etablieren kann. Darüber hinaus eröffnen sich aktuelle Potenziale rechtspopulistischer Normverschiebung durch diverse neue Herausforderungen, etwa im Zusammenhang mit der »Flüchtlingskrise« und islamistisch oder vermeintlich islamistisch motivierten Anschlägen, die sich mit einer diffus steigenden Angst in der Bevölkerung (hierzu z. B. Ehl 2016) sowie einer kollektiven Angst vor sozialem Abstieg verbinden. Gelingen diese Anknüpfungen an die Stimmungslagen in der Mehrheitsgesellschaft bei gleichzeitiger Vermittlung des Eindrucks der unzureichenden Problematisierung durch das etablierte Parteiensystem, dann wird sich die Normverschiebung mit hoher Wahrscheinlichkeit weiter verstetigen und ein gesamtgesellschaftliches Klima produzieren können, in dem die latent vorhandenen Abwertungspotenziale in der Mehrheitsgesellschaft aktiviert und manifest werden.

Erkenntnisstheoretisch halte ich es mit Popper:

Eine valide Theorie muss falsifizierbar sein und dem Versuch der Falsifizierung widerstehen.
Meine bisherigen Erkenntnisse sind rein logische Folgerungen aus dem Zins-Mechanismus und seiner sozial-psychologischen Wirkung, nämlich die Übertragung von monetär messbaren Zwängen bzw. Rationalisierungsforderungen an Märkten (v.a. die Märkte im direkten Umkreis von Leihnehmern) durch die Akzeptanz, Abbezahlung oder Weiterübertragung von Zinsschulden. Ich versuche nunmehr seit über viereinhalb Jahren, meine Theorie, dass das Zinsvorzeichen das Problem ist, „kaputt zu testen”. Es ist mir bisher nicht gelungen.

Ich zeichne hier skizzenhaft und sehr punktuell die Entwicklungen der Bewusstheit der zentralen Zusammenhänge rund um das Geldsystem in der ersten Hälte des 20. Jahrhunderts in Bezug auf die Entstehung des Nationalsozialismus anhand einiger bekannter Texte, Ereignisse und Zeitmarken nach.

Einige wichtige Zitate, Publikationen und Ereignisse des 20. Jahrhunderts mit direktem Bezug zum roten Faden der Zivilisationsgeschichte

Schon 1901 schrieb Georg Simmel auf den letzten Seiten von Philosophie des Geldes:

Haben jene zeitlosen Objekte ihre Gültigkeit in der Form des Beharrens, so diese in der Form des Übergangs, der Nicht-Dauer.

Es ist mir nun kein Zweifel, daß auch dieses Gegensatzpaar weit genug ist, um ein Weltbild darein zu fassen.

Wenn man, einerseits, alle Gesetze kennte, die die Wirklichkeit beherrschen, so würde diese letztere durch den Komplex jener tatsächlich auf ihren absoluten Gehalt, ihre zeitlos ewige Bedeutung zurückgeführt sein - wenngleich sich die Wirklichkeit selbst daraus noch nicht konstruieren ließe, weil das Gesetz als solches, seinem ideellen Inhalt nach, sich gegen jeden einzelnen Fall seiner Verwirklichung ganz gleichgültig verhält.

Gerade weil aber der Inhalt der Wirklichkeit restlos in den Gesetzen aufgeht, die unaufhörlich Wirkungen aus Ursachen hervortreiben und, was soeben Wirkung war, im gleichen Augenblick schon als Ursache wirken lassen - gerade deshalb kann man nun, andrerseits, die Wirklichkeit, die konkrete, historische, erfahrbare Erscheinung der Welt in jenem absoluten Flusse erblicken, auf den Heraklits symbolische Äußerungen [panta rhei, „alles fließt“, zweiter Hauptsatz!] hindeuten.

Bringt man das Weltbild auf diesen Gegensatz, so ist alles überhaupt Dauernde, über den Moment Hinausweisende aus der Wirklichkeit herausgezogen und in jenem ideellen Reich der bloßen Gesetze gesammelt; in der Wirklichkeit selbst dauern die Dinge überhaupt keine Zeit, durch die Rastlosigkeit, mit der sie sich in jedem Moment der Anwendung eines Gesetzes darbieten, wird jede Form schon im Augenblick ihres Entstehens wieder aufgelöst, sie lebt sozusagen nur in ihrem Zerstörtwerden, jede Verfestigung ihrer zu dauernden - wenn auch noch so kurz dauernden - Dingen ist eine unvollkommene Auffassung, die den Bewegungen der Wirklichkeit nicht in deren eigenem Tempo zu folgen vermag.

So ist es das schlechthin Dauernde und das schlechthin Nicht-Dauernde, in die und deren Einheit das Ganze des Seins ohne Rest aufgeht.

Für den absoluten Bewegungscharakter der Welt nun gibt es sicher kein deutlicheres Symbol als das Geld.

Die Bedeutung des Geldes liegt darin, daß es fortgegeben wird; sobald es ruht, ist es nicht mehr Geld seinem spezifischen Wert und Bedeutung nach.

Die Wirkung, die es unter Umständen im ruhenden Zustand ausübt, besteht in einer Antizipation seiner Weiterbewegung. Es ist nichts als der Träger einer Bewegung, in dem eben alles, was nicht Bewegung ist, völlig ausgelöscht ist, es ist sozusagen actus purus; es lebt in kontinuierlicher Selbstentäußerung aus jedem gegebenen Punkt heraus und bildet so den Gegenpol und die direkte Verneinung jedes Fürsichseins.

Aber vielleicht bietet es jener entgegengesetzten Art, die Wirklichkeit zu formulieren, sich nicht weniger als Symbol dar.

Das einzelne Geldquantum freilich ist seinem Wesen nach in unablässiger Bewegung; aber gerade nur, weil der von ihm dargestellte Wert sich zu den einzelnen Wertgegenständen verhält, wie das allgemeine Gesetz zu den konkreten Gestaltungen, in denen es sich verwirklicht.

Wenn das Gesetz, selbst jenseits aller Bewegungen stehend, doch deren Form und Grund darstellt, so ist der abstrakte Vermögenswert, der nicht in Einzelwerte auseinandergegangen ist und als dessen Träger das Geld subsistiert, gleichsam die Seele und Bestimmung der wirtschaftlichen Bewegungen.

Während es als greifbare Einzelheit das flüchtigste Ding der äußerlich-praktischen Welt ist, ist es seinem Inhalte nach das beständigste, es steht als der Indifferenz- und Ausgleichungspunkt zwischen all ihren sonstigen Inhalten, sein ideeller Sinn ist, wie der des Gesetzes, allen Dingen ihr Maß zu geben, ohne sich selbst an ihnen zu messen, ein Sinn, dessen totale Realisierung freilich erst einer unendlichen Entwicklung gelänge [...was mathematisch unmöglich ist, denn die Welt ist endlich!].

Es drückt das Verhältnis aus, das zwischen den wirtschaftlichen Gütern besteht und bleibt der Strömung dieser gegenüber so stabil, wie eine Zahlenproportion es gegenüber den vielfachen und wechselnden Gegenständen tut, deren Verhältnis sie angibt, und wie die Formel des Gravitationsgesetzes gegenüber den Materienmassen und ihren unendlich mannigfaltigen Bewegungen.

Wie der allgemeine Begriff, in seiner logischen Gültigkeit von der Zahl und Modifikation seiner Verwirklichungen unabhängig, sozusagen das Gesetz eben dieser angibt, so ist das Geld - d. h. derjenige innere Sinn, durch den das einzelne Metall- oder Papierstück zum Gelde wird - der Allgemeinbegriff der Dinge, insofern sie wirtschaftlich sind.

Sie brauchen nicht wirtschaftlich zu sein; wenn sie es aber sollen, so können sie es nur so, daß sie sich dem Gesetz des Wert-Werdens fügen, das im Gelde verdichtet ist.

Die Beobachtung, daß dieses eine Gebilde an jenen beiden Grundformen, die Wirklichkeit auszudrücken, gleichmäßig teil hat, gibt auf ihren Zusammenhang Anweisung: ihr Sinn ist tatsächlich ein relativer, d. h. jede findet ihre logische und psychologische Möglichkeit, die, Welt zu deuten, an der anderen.

Nur weil die Realität sich in absoluter Bewegtheit befindet, hat es einen Sinn, ihr gegenüber das ideelle System zeitlos gültiger Gesetzlichkeiten zu behaupten; umgekehrt [Umkehr, ein zentraler Begriff in den Eschatologien der abrahamitischen Religionen]: nur weil diese bestehen, ist jener Strom des Daseins überhaupt bezeichenbar und greifbar, statt in ein unqualifizierbares Chaos auseinanderzufallen.

Die allgemeine Relativität der Welt, auf den ersten Blick nur auf der einen Seite dieses Gegensatzes heimisch, zieht in Wirklichkeit auch die andere, in sich ein und zeigt sich als Herrscherin, wo sie eben nur Partei zu sein schien - wie das Geld über seine Bedeutung als einzelner Wirtschaftswert die höhere baut den abstrakten Wirtschaftswert überhaupt darzustellen, und beide Funktionen in unlösliche Korrelation, in der keine die erste ist, verschlingt.

Indem hier nun ein Gebilde der historischen Welt das sachliche Verhalten der Dinge symbolisiert, stiftet es zwischen jener und diesem eine besondere Verbindung.

Je mehr das Leben der Gesellschaft ein geldwirtschaftliches wird, desto wirksamer und deutlicher prägt sich in dem bewußten Leben der relativistische Charakter des Seins aus, da das Geld nichts anderes ist, als die in einem Sondergebilde verkörperte Relativität der wirtschaftlichen Gegenstände, die ihren Wert bedeutet.

Und wie die absolutistische Weltansicht eine bestimmte intellektuelle Entwicklungsstufe darstellte, in Korrelation mit der entsprechenden praktischen, ökonomischen, gefühlsmäßigen Gestaltung der menschlichen Dinge, - so scheint die relativistische das augenblickliche Anpassungsverhältnis unseres Intellekts auszudrücken oder, vielleicht richtiger: zu sein, bestätigt durch das Gegenbild des sozialen und des subjektiven Lebens, das in dem Gelde ebenso den real wirksamen Träger wie das abspiegelnde Symbol seiner Formen und Bewegungen gefunden hat.
Ich habe das Zitat am 27.07.2018 kommentiert. Ich erkenne darin deutliche Hinweise darauf, dass Simmel die Möglichkeit negativer Zinsen bewusst war. Ich interpretiere diese Textstelle so, dass man, um das logische Gegenteil des Kapitalismus zu erhalten, den Kapitalismus, also die "abendländische Kulturform des Zinsnehmens", in allen seinen Details zum Zinsfluss analysieren und das so Erhaltene "zins-logisch umpolen”, sich also überlegen muss, welche Wirkung an jeweiliger Stelle entsteht, wenn der Zinsfluss umgekehrt gerichtet ist.

Die Negativzins-Ökonomie, vor der wir wieder einmal stehen, war den Soziologen Anfang des 20. Jahrhunderts, wie ich an zahlreichen Textstellen nachweisen kann, bewusst. Das Schumpeter-Zitat von 1942 zum „Sauerteig” (Matthäus 13) in 'Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie' haben Sie ja gelesen.

In Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung (1912), finden sich diese rot eingerahmten Sätze Schumpeters.

Auch die Nationalsozialisten thematisierten das Zinsnehmen (Feder, Manifest: 'Aufruf zur Brechung der Zinsknechtschaft', 1919). Die Wahrheiten zur Wirkweise der Zinsen benutzten sie, um den Hass auf die Juden zu schüren.

1926 bringt der Altphilologe Hermann August Menge die Menge-Bibel auf den Markt. Darin ist die Textstelle Lukas 6:35 anders übersetzt als von Luther. Während in der Menge-Bibel steht:

  1. Und wenn ihr (nur) denen Gutes erweist, die euch Gutes tun: welchen (Anspruch auf) Dank habt ihr dann? Auch die Sünder tun dasselbe.
  2. Und wenn ihr denen leiht, von denen ihr (das Geliehene) zurückzuerhalten hofft: welchen (Anspruch auf) Dank habt ihr dann? Auch die Sünder leihen den Sündern, um ebensoviel zurückzuerhalten.
  3. Nein, liebet eure Feinde, tut Gutes und leihet aus, ohne etwas zurückzuerwarten! Dann wird euer Lohn groß sein, und ihr werdet Söhne des Höchsten sein; denn er ist gütig (auch) gegen die Undankbaren und Bösen.
also offensichtlich Negativzinsen meint, suggeriert die Luther Bibel einen ganz anderen Umgang mit dem Zinsnehmen (Lutherbibel 2017):
  1. Und wenn ihr euren Wohltätern wohltut, welchen Dank habt ihr davon? Das tun die Sünder auch.
  2. Und wenn ihr denen leiht, von denen ihr etwas zu bekommen hofft, welchen Dank habt ihr davon? Auch Sünder leihen Sündern, damit sie das Gleiche zurückbekommen.
  3. Vielmehr liebt eure Feinde und tut Gutes und leiht, ohne etwas dafür zu erhoffen. So wird euer Lohn groß sein, und ihr werdet Kinder des Höchsten sein; denn er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen.
Er macht also gar keine Angabe zur Höhe des Zinses!

In diesem Zusammenhang ist auch interessant und erwähnenswert, dass 1983 Papst Johannes Paul der II. den Katholiken das Zinsnehmen wieder erlaubt hat und damit Verrat an der Lehre Jesu beging (Roland Geitmann, Bibel, Kirchen und Zinswirtschaft, 1989.).

Der Machtergreifung der Nationalsozialisten vorweg gingen die vielen vielen vergeblichen Versuche, nach der WWK 1929 die öffentlichen Haushalte in den Griff zu bekommen. Mir hat vor einer Weile jemand das Protokoll der Regierungen zwischen 1927 und Januar 1933 geschickt. Man erkennt, dass die Haushaltslage und die politische Situation vergleichbar zur heutigen Situation ist. Ich habe dieses digitale Dokument aus irgendeinem Grund leider nicht mehr. Ich halte es für wichtig, den Zustand des politischen Systems zwischen 1929 und 1933 zu rekonstruieren!

Vor zwei Tagen machte mich auf Facebook ein Kollege auf den Zeitzeugenbericht eines marxistischen Maulwurfs im NS-Apparat, Alfred Sohn-Rethel, aufmerksam. Dieser beschrieb die Machtergreifung als eine Art „bürgerlichen Reflex”, der sich nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs während der Zeit der Weimarer Republik sammelte und sich im Faschismus materialisierte.

Ich denke dabei heute an die „Werteunion” der CDU!

Sohn-Rethel bezeichnet 1932 den Nationalsozialismus als eine Art „amok-gelaufenen” Kapitalismus. Das deckt sich mit ihrer These vom marktförmigen Extremismus.

Die soziale Rekonsolidierung des Kapitalismus

(Deutsche Führerbriefe, September 1932)

I. Von der Sozialdemokratie zum Nationalsozialismus

Die Aufgabe, um die es seit den letzten Monaten und auch über die augenblickliche Zuspitzung hinaus geht, ist die Rekonsolidierung des bürgerlichen Regimes in Deutschland. Die jetzige Regierung von Papen bedeutet diese Rekonsolidierung noch nicht, obwohl sie selbst es behauptet und obwohl diese Behauptung taktisch richtig und die unerläßliche Fiktion ist, um eine vollgültige Regierungstätigkeit aufrechtzuerhalten. Brächte und enthielte die jetzige Regierung wirklich schon die geforderte Rekonsolidierung, so müßte sie statt zur Neuwahl vielmehr zur völligen Suspension des Reichstags genügend mächtig sein und dürfte nicht befürchten müssen, mit einem solchen Gewaltcoup den Bogen zum Brechen zu bringen. Folglich ist die Regierung abhängig von noch nicht gebändigten, noch nicht in sie einbezogenen Kräften, und die Rekonsolidierung steht mithin in Deutschland zur Zeit noch aus.

Es ist aber nicht die erste, die im Nachkriegsdeutschland geleistet würde. Es ist gar kein Zweifel, daß nach den alles in Frage stellenden Einbrüchen der Revolutions- und Inflationsjahre die Weimarer Koalition mit der erfolgreichen Durchführung ihres »großen Wirtschaftsprogramms«, der Stabilisierung von 1923/24, und gemessen an der Lagerung der Kräfte, die damals gebändigt werden mußten, durchaus eine Rekonsolidierung des bürgerlichen Regimes darstellte. Sie hat, politisch gesehen, gehalten bis zum neuerlichen Kriseneinbruch von 1930. Der allerdings erwies sie als bloß scheinbare und fehlerhafte Rekonsolidierung und bewirkte im weiteren Verlauf ihre Auflösung und Sprengung, wie aber auch der Kriseneinbruch 1918/19, schon das kaiserliche System der Kriegszeit eingerissen und aufgelöst hatte. Die Geschichte der deutschen Nachkriegszeit enthält also Vorgänge, die der heutigen Problemlage dynamisch verwandt sind und aus deren aufmerksamer Vergleichung sich für die Gegenwartsaufgaben Schlüsse ziehen lassen. Die Parallelität geht in der Tat erstaunlich weit. Die damalige Sozialdemokratie und der heutige Nationalsozialismus sind sich darin funktionell gleich, daß sie beide die Totengräber des vorhergegangenen Systems waren und alsdann die von ihnen geführten Massen statt zu der proklamierten Revolution zur Neuformung der bürgerlichen Herrschaft lenkten. Der oft gezogene Vergleich zwischen Hitler und Ebert hat in dieser Hinsicht Gültigkeit. Zwischen den Strömen, die sie »wach«riefen, besteht die weitere strukturelle Verwandschaft, daß beides Volksbewegungen waren - man hat dies von der sozialdemokratischen Hochflut von 1918/19 nur vergessen -, daß beide mit dem Appell an antikapitalistische Befreiungssehnsüchte die Verwirklichung einer neuen - »sozialen« bzw. nationalen« - Volksgemeinschaft versprachen, daß weiter die soziale Zusammensetzung ihrer Anhängerschaft sich in den Massen des Kleinbürgertums, ja sogar vielfach darüber hinaus, völlig deckt, und daß endlich ihr geistiger Charakter sich durch eine durchaus verwandte Verworrenheit und ebenso schwärmerisch-gläubige wie kurzfristige Gefolgstreue auszeichnet. Die Feststellung dieses Parallelismus ist keine Diffamierung der nationalsozialistischen Idee, sie betrifft überhaupt nicht Ideen, sondern gilt der rein analytischen Erkenntnis von Funktion und Bedeutung zweier Massenbewegungen, die im gleichen sozialen Raum in zwei geschichtlich homologen Augenblicken eine analoge politische Rolle gespielt haben bzw. noch spielen. Der Parallelismus selbst besagt, daß der Nationalsozialismus die Sozialdemokratie in der Aufgabe abzulösen hätte, den Massenstützpunkt für die Herrschaft des Bürgertums in Deutschland darzubieten. Dies enthält zugleich, zu seinem Teil, die genauere Problemstellung zur gegenwärtig gebotenen Rekonsolidierung dieser Herrschaft. Ist der Nationalsozialismus fähig, diese Funktion der Stütze anstelle der Sozialdemokratie zu übernehmen, und auf welche Weise könnte dies geschehen?

Das Problem einer Konsoliderung des bürgerlichen Regimes im Nachkriegsdeutschland ist allgemein durch die Tatsache bestimmt, daß das führende, nämlich über die Wirtschaft verfügende Bürgertum zu schmal geworden ist, um seine Herrschaft allein zu tragen. Es bedarf für diese Herrschaft, falls es sich nicht der höchst gefährlichen Waffe der rein militärischen Gewaltausübung anvertrauen will, der Bindung von Schichten an sich, die sozial nicht zu ihm gehören, die ihm aber den unentbehrlichen Dienst leisten, seine Herrschaft im Volk zu verankern und dadurch deren eigentlicher oder letzter Träger zu sein. Dieser letzte oder »Grenzträger« der bürgerlichen Herrschaft war in der ersten Periode der Nachkriegskonsolidierung die Sozialdemokratie.

Sie brachte zu dieser Aufgabe eine Eigenschaft mit, die dem Nationalsozialismus fehlt, wenigstens bisher noch fehlt: Wohl war auch der Novembersozialismus eine ideologische Massenflut und eine Bewegung, aber er war nicht nur das, denn hinter ihm stand die Macht der organisierten Arbeiterschaft, die soziale Macht der Gewerkschaften. Jene Flut konnte sich verlaufen, der ideologische Ansturm zerbrechen, die Bewegung verebben, die Gewerkschaften aber blieben und mit ihnen oder richtiger kraft ihrer auch die sozialdemokratische Partei. Der Nationalsozialismus aber ist vorerst noch immer nur die Bewegung, bloßer Ansturm, Vormarsch und Ideologie. Bricht diese Wand zusammen, so stößt man dahinter ins Leere. Denn indem er alle Schichten und Gruppen umfaßt, ist er mit keiner identisch, ist er in keinem dauernden Glied des Gesellschaftsbaus soziologisch verkörpert. In diesem bedeutsamen Umstand liegt neben der oben festgestellten Parallelität beider Massenparteien ihr fundamentaler Unterschied hinsichtlich ihrer Bedeutung für die Rekonsolidierung der bürgerlichen Herrschaft. Vermöge ihres sozialen Charakters als originäre Arbeiterpartei brachte die Sozialdemokratie in das System der damaligen Konsolidierung über all ihre rein politische Stoßkraft hinaus das viel wertvollere und dauerhaftere Gut der organisierten Arbeiterschaft ein und verkettete diese unter Paralysierung ihrer revolutionären Energie fest mit dem bürgerlichen Staat. Auf dieser Basis konnte die Sozialdemokratie sich mit einer bloßen Teilhaberschaft an der bürgerlichen Herrschaft begnügen, ja konnte sie sogar niemals mehr und wesensmäßig nichts anderes als bloß der eine Teilpartner derselben sein. Sie hätte als Sozialdemokratie zu existieren aufgehört, wenn etwa der Zufall ihr die ganze Macht über Staat, Wirtschaft und Gesellschaft hingeworfen hätte, so sehr, daß sich von ihr nach einem bekannten Worte sagen ließe, die Sozialdemokratie würde die bürgerliche Gesellschaft, wenn es sie nicht gäbe, erfinden müssen, um zu bestehen.

In konträrem Gegensatz dazu bedingt der Mangel an sozialer Hausmacht den faschistischen Charakter des Nationalsozialismus. Weil er keinen spezifischen sozialen Grundstock hat, der auch ohne Hitler aus sich heraus den Nationalsozialismus trüge, kann er nur entweder die gesamte Macht erobern, um sich durch den Besitz des Staatsapparats zu schaffen, was ihm aus sozialer Wurzel fehlt, oder seine Kraft zerbricht an dem Sozialgefüge, das ihm politisch widersteht und in das er keinen Eingang findet. Weil er primär kein Glied dieses Gefüges ist, kann er nicht ohne grundlegende Verwandlung ein Teilpartner der bürgerlichen Herrschaft sein, welche auf gesellschaftlicher Macht fußt und der politischen Stütze einer »Massenbasis« nur aus der Wurzel sozialer Gliedschaft und Verankerung bedarf. Hier liegt die wahre Crux der gegenwärtigen Lage. Die faschistische Möglichkeit des Nationalsozialismus ist vorüber, seine soziale Möglichkeit noch nicht gefunden. Davon aber, daß sie gefunden wird, hängt ab, ob wir wirklich jetzt zu einer neuen und produktiven Rekonsolidierung gelangen oder ob wir in der Sackgasse der Alternative einer Militärdiktatur oder einer Rückkehr zur Sozialdemokratie stehen. Die Frage, auf die sich alles zusammendrängt, ist daher, ab es für den Nationalsozialismus eine spezifische soziale Möglichkeit gibt, durch die er aus einer faschistischen Bewegung in ein Teilorgan der bürgerlichen Herrschaft verwandelt werden kann, so daß er für das Bürgertum die bisherige Rolle der Sozialdemokratie ersetzen kann. Ihrer Erörterung soll ein zweiter Aufsatz dienen.

II. Die Eingliederung des Nationalsozialismus

Man wird in einer Zeit, der als Lebensfrage die Rekonsolidierung der bürgerlichen Herrschaft vorgeschrieben ist, dem Faschismus der nationalsozialistischen Bewegung, wenn nötig, mit Gewalt ein Ende machen müssen, aber nur, um den Nationalsozialismus selbst gleichzeitig in ein gesellschaftliches Organ umzuwandeln, das dieser Herrschaft zur Stütze dienen und in ihre staatliche Ausgestaltung positiv eingegliedert werden kann. Die Möglichkeiten, die sich dafür bieten, können hier nur in größtmöglicher Kürze angedeutet werden. Die notwendige Bedingung jeder sozialen Rekonsolidierung der bürgerlichen Herrschaft, die in Deutschland seit dem Kriege möglich ist, ist die Spaltung der Arbeiterschaft. Jede geschlossene, von unten hervorwachsende Arbeiterbewegung müßte revolutionär sein, und gegen sie wäre diese Herrschaft dauernd nicht zu halten, auch nicht mit den Mitteln der militärischen Gewalt. Auf der gemeinsamen Basis dieser notwendigen Bedingung unterscheiden sich die verschiedenen Systeme der bürgerlichen Konsolidierung nach den zureichenden Bedingungen, die hinzukommen müssen, um den Staat und das Bürgertum bis in breite Schichten der gespaltenen Arbeiterschaft hinein zu verankern.

In der ersten Rekonsolidierungsära des bürgerlichen Nachkriegsregimes, in der Ära von 1923/24 bis 1929/30, war die Spaltung der Arbeiterschaft fundiert durch die lohn- und sozialpolitischen Errungenschaften, in die die Sozialdemokratie den revolutionären Ansturm umgemünzt hatte. Diese nämlich funktionierten als eine Art Schleusenmechanismus, durch den der beschäftigte und fest organisierte Teil der Arbeiterschaft im Arbeitsmarktgefälle einen zwar abgestuften, aber dennoch in sich geschlossenen erheblichen Niveauvorteil gegenüber der arbeitslosen und fluktuierenden Masse der unteren Kategorien genoß und gegen die volle Auswirkung der Arbeitslosigkeit und der allgemeinen Krisenlage der Wirtschaft auf seine Lebenshaltung relativ geschützt war. Die politische Grenze zwischen Sozialdemokratie und Kommunismus verläuft fast genau auf der sozialen und wirtschaftlichen Linie dieses Schleusendamms, und die gesamten, jedoch bis jetzt vergeblich gebliebenen Anstrengungen des Kommunismus gelten dem Einbruch in dies geschützte Gebiet der Gewerkschaften. Da zudem aber die sozialdemokratische Ummünzung der Revolution in Sozialpolitik zusammenfiel mit der Verlegung des Kampfes aus den Betrieben und von der Straße in das Parlament, die Ministerien und die Kanzleien, d. h. mit der Verwandlung des Kampfes »von unten« in die Sicherung »von oben«, waren fortan Sozialdemokratie und Gewerkschaftsbürokratie, mithin aber auch der gesamte von ihnen geführte Teil der Arbeiterschaft mit Haut und Haaren an den bürgerlichen Staat und ihre Machtbeteiligung an ihm gekettet, und zwar so lange, als erstens auch nur noch das Geringste von jenen Errungenschaften auf diesem Wege zu verteidigen übrigbleibt und als zweitens die Arbeiterschaft ihrer Führung folgt. Vier Folgerungen aus dieser Analyse sind wichtig: 1. Die Politik des »kleineren Übels« ist nicht eine Taktik, sie ist die politische Substanz der Sozialdemokratie. 2. Die Bindung der Gewerkschaftsbürokratie an den staatlichen Weg »von oben« ist zwingender als ihre Bindung an den Marxismus, also an die Sozialdemokratie, und gilt gegenüber jedem bürgerlichen Staat, der sie einbeziehen will. 3. Die Bindung der Gewerkschaftsbürokratie an die Sozialdemokratie steht und fällt politisch mit dem Parlamentarismus. 3. Die Möglichkeit einer liberalen Sozialverfassung des Monopolkapitalismus ist bedingt durch das Vorhandensein eines automatischen Spaltungsmechanismus der Arbeiterschaft. Ein bürgerliches Regime, dem an einer liberalen Sozialverfassung gelegen ist, muß nicht nur überhaupt parlamentarisch sein, es muß sich auf die Sozialdemokratie stützen und der Sozialdemokratie ausreichende Errungenschaften lassen; ein bürgerliches Regime, das diese Errungenschaften vernichtet, muß Sozialdemokratie und Parlamentarismus opfern, muß sich für die Sozialdemokratie einen Ersatz verschaffen und zu einer gebundenen Sozialverfassung übergehen.

Der Prozeß dieses Übergangs, in dem wir uns augenblicklich befinden, weil die Wirtschaftskrise jene Errungenschaften zwangsläufig zermalmt hat, durchläuft das akute Gefahrenstadium, daß mit dem Fortfall jener Errungenschaften auch der auf ihnen beruhende Spaltungsmechanismus der Arbeiterschaft zu wirken aufhört, mithin die Arbeiterschaft in der Richtung auf den Kommunismus ins Gleiten gerät und die bürgerliche Herrschaft sich der Grenze des Notstands einer Militärdiktatur nähert. Der Eintritt in diesen Notstand aber wäre der Eintritt aus einer Phase notleidender Konsolidierung in die Unheilbarkeit der bürgerlichen Herrschaft. Die Rettung vor diesem Abgrund ist nur möglich, wenn die Spaltung und Bindung der Arbeiterschaft, da jener Schleusenmechanismus in ausreichendem Maße nicht wieder aufzurichten geht, auf andere, und zwar direkte Weise gelingt. Hier liegen die positiven Möglichkeiten und Aufgaben des Nationalsozialismus. Das Problem selbst weist für sie eindeutig nach zwei Richtungen. Entweder man gliedert den in der freien Wirtschaft beschäftigten Teil der Arbeiterschaft, d. h. die Gewerkschaften, durch eine neuartige politische Verklammerung in eine berufsständische Verfassung ein, oder man versucht sich umgekehrt auf den arbeitslosen Teil zu stützen, indem man für ihn unter dem Regiment einer Arbeitsdienstptlicht einen künstlichen Sektor der Wirtschaft organisiert.

Durch ihre Loslösung von der Sozialdemokratie entfällt für die Gewerkschaften ihre bisherige politische Repräsentation, an deren Stelle sie in einem nicht oder nur sehr bedingt parlamentarischen Staat eine neue und neuartige politische Führung brauchen. Wenn es dem Nationalsozialismus gelänge, diese Führung zu übernehmen und die Gewerkschaften in eine gebundene Sozialverfassung einzubringen, so wie die Sozialdemokratie sie früher in die liberale eingebracht hat, so würde der Nationalsozialismus damit zum Träger einer für die künftige bürgerliche Herrschaft unentbehrlichen Funktion und müßte in dem Sozial- und Staatssystem dieser Herrschaft notwendig seinen organischen Platz finden. Die Gefahr einer staatskapitalistischen oder gar staatssozialistischen Entwicklung, die oft gegen eine solche berufsständische Eingliederung der Gewerkschaften unter nationalsozialistischer Führung eingewandt wird, wird in Wahrheit durch sie gerade gebannt. Die vom Tatkreis propagierte »Dritte Front« ist der Typus einer Fehlkonstruktion, wie sie in Zeiten des sozialen Vakuums auftaucht; sie ist das Trugbild eines Übergangszustands, in welchem die Gewerkschaften, weil aus der bisherigen Bindung freigesetzt und noch in keine neue eingefangen, den Schein einer Eigenexistenz vorspiegeln, die sie wesensmäßig gar nicht haben können. Zwischen den beiden Möglichkeiten einer Rekonsolidierung der bürgerlichen Herrschaft und der kommunistischen Revolution gibt es keine dritte.

Wohl aber gibt es, theoretisch wenigstens, neben der ständischen Eingliederung der Gewerkschaften für die bürgerliche Rekonsolidierung den zweiten Weg, das arbeitslose Volk durch Arbeitsdienstpflicht und Siedlung zu organisieren und an den Staat zu binden. Dem inneren, selbst aus keiner organischen Wurzel entwachsenen Wesen des Nationalsozialismus scheint diese Aufgabe besonders nahe zu liegen, wie sie dann auch von ihm am weitesten durchdacht worden ist. Man muß sich aber klar sein, daß die beiden genannten Wege zwei sehr verschiedene Entwicklungsrichtungen der Gesamtwirtschaft involvieren. Eine nennenswerte Einordnung der arbeitslosen Massen in die soziale Volksgemeinschaft im Wege der Arbeitsdienstpflicht ist nur durch weitreichende staats- und planwirtschaftliche Methoden möglich, die aus ökonomischen wie finanziellen Gründen den freien Wirtschaftssektor schwächen müssen. Weil dieser Weg nur zu Lasten der frei beschäftigten Arbeiterschaft gegangen werden kann, müßte ein solches Regime sein soziales Schwergewicht unvermeidlich auf den agrarischen Sektor verlegen, würde also durch eine extreme Autarkiepolitik die Exportindustrie und die mit ihr verknüpften Interessen um jede Chance bringen, einen Anschluß an eine sich bessernde Weltkonjunktur unmöglich machen, mithin den arbeitslosen Teil des Volkes wachsend vermehren und schließlich einen überwiegenden Teil der gesamten Wirtschaft in dem Zwangssystem einer staatlichen Elendswirtschaft festlegen. Ob man dies noch als Rekonsolidierung bezeichnen könnte, muß fraglich erscheinen. Nur partiell daher und in bloß subsidiärer Bedeutung kann dieser Weg, so etwa, wie er im Wirtschaftsprogramm der Regierung mit herangezogen ist, den Übergang zu einem System wirklicher Rekonsolidierung der bürgerlichen Herrschaft erleichtern, das sich nach wie vor auf den Kernbestand der Arbeiterschaft, die Gewerkschaften unter neuer Führung, wird stützen müssen.
Quelle: Alfred Sohn-Rethel Ökonomie und Klassenstruktur des deutschen Faschismus - edition suhrkamp 630 Frankfurt/M.,1973

Demzufolge halte ich die Machtergreifung und Hitlers Rückhalt im bürgerlichen Lager für eine Art „bösen Reflex der bürgerlichen Mitte”, der auf den Erhalt des Eigentums abzielte.

Das Wissen um die andere, sehr erfolgreiche Möglichkeit, Wirtschaft zu finanzieren war nämlich gegeben. 1932 bis 1933 probierte man das Himmelreich Jesu nach den Ideen von Silvio Gesell aus. Das Ergebnis dieses Freiluftexperiments ist heute als das „Wunder von Wörgl” bekannt. Es wurde niedergeschlagen!

Auch in den USA fanden die Ideen Silvio Gesells Anhänger. Im Wikipedia Artikel zu Irving Fisher heißt es:

Durch den großen Börsenkrach von 1929 und die sich anschließende Weltwirtschaftskrise verlor Fisher sein Vermögen, das er sich mit seiner Kartenindex-Erfindung, einem Vorläufer von Rolodex, erarbeitet hatte. Wenige Tage vor dem Börsenkrach machte Fisher – der auch ein Unterstützer des damaligen Präsidenten Herbert Hoover war – seine berühmte Aussage, dass „Aktienkurse ein – wie es scheint – dauerhaft hohes Niveau erreicht haben.“[3] Selbst in den Monaten nach dem Börsencrash fuhr er fort, Investoren zu versichern, dass eine Erholung bald kommen würde. Als die Weltwirtschaftskrise auf ihrem Höhepunkt war, begann er vor den wirtschaftlichen Gefahren der Deflation zu warnen. Das Preisniveau blieb zentral in seinem Denken, aber seine Schulden-Deflationstheorie betonte die steigende reale Last von Schulden bei fallendem Preisniveau. Die Analyse konnte nicht überzeugen, und diejenigen, die nach neuen Ideen suchten, wandten sich stattdessen den Ideen von Keynes zu.

In den 1930er Jahren befürwortete Fisher die Idee eines Vollreserve-Systems. Nachdem der Chicago Plan nicht umgesetzt wurde, verbrachte er den Rest seines Lebens damit, als Lobbyist den Kongress und die Öffentlichkeit von „100%-Money“[4] zu überzeugen.[5] In den Jahren 1932/33 unterstützte er die Idee des umlaufgesicherten Geldes von Silvio Gesell. Nach erfolglosen Bemühungen, die Roosevelt-Administration davon zu überzeugen[6], verfasste er unter dem Titel „Stamp Scrip“[7] ein Handbuch zur lokalen Einführung des Klebemarkengeldes.

Es war das konservative Bürgertum, die gesellschaftliche Mitte, die die negativen Zinsen vermeiden wollte. Man erhoffte sich von Hitler den Erhalt des status quo. Doch hat sich diese "Polit-Marionette" schon nach zwei Wochen sämtliche Fäden abgeschnitten und zum Diktator erhoben, und der Versuch, den materiellen Status zu erhalten, endete für das Bürgertum in der Katastrophe.

Nach dem Krieg hieß dann die Ansage „Keine Experimente”, doch 70 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkrieges reden wir wieder von umlaufsichernden Maßnahmen, Bargeldverbot, Bargeldparallelwährung, elektronisch alterndes Geld usw. Sie erkennen nun sicher den roten Faden.

Mit freundlichen Grüßen,

Querverweise auf 'Marktförmiger Extremismus'