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23. August 2019

Hetze gegen die Geldwertstabilität und die Kompetenz der obersten Währungshüter

Man sieht in diesen Tagen überall, dass gegen die Geldwertstabilität und die Kompetenz der obersten Geldpolitiker bzw. Währungshüter gehetzt wird. Ein Jurist verwies mich auf ein aktuelles Beispiel und verleitete mich zu einem Kommentar, dessen Formulierung ich auf später verschieben muss. Festhalten kann ich wenigstens, dass ich für eine Abkehr vom 2% Inflationsziel und überhaupt für eine Abkehr von der Höhe der Inflation als maßgeblichen Zweck von Geldpolitik bin. Vielmehr muss man den gesamten sozialen und ökologischen Prozess des Währungsraums, von dem Wirtschaft ja nur ein Teil ist, zu Addresse und Ziel von Geldpolitik machen!

Die E-Mail: Simmel zum Endzweck des Kapitalismus und Schumpeter und Luhmann zum Gebaren der alten Geldeliten und zum möglichen Umgang mit ihnen

Hallo XY,

schon auf den ersten Blick ist das die Perspektive dieser kleinen Minderheit, die sich schleichenden Enteignungen gegenüber sieht und nun mit allen Mitteln versucht, für sich das Beste herauszuholen, indem sie gegen die Stabilität der Währungen hetzt. [Sie koquettieren wie damals mit einem nationalen Sozialismus.]

Das ist typisch AfD Taktik.

Diese Leute haben den 1. und den 2. Weltkrieg angezettelt. Ich werde den Artikel auf meiner Seite auseinander nehmen und kommentieren.

Es gibt für die Mehrheit (wohlgemerkt) überhaupt keinen Grund dafür, pessimistisch in die Zukunft zu blicken. Der Kapitalismus hat sein Ziel erreicht, nämlich die Negativzins-Ökonomie. Die kapitalistische "Normalität" ist nur das Mittel zum Zweck der Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, die dem Kapitalismus nachfolgt. Das schreibt schon Georg Simmel 1898 in Philosophie des Geldes (vermutlich aus Furcht leider versteckt!) zum Endzweck des Geldes und des Kapitalismus:

“Vernünftiger Endzweck ist doch nur der Genuss aus dem Gebrauch des Gegenstandes: Die Mittel dazu:

dass man Geld habe.
dass man es ausgebe
dass man den Gegenstand besitze

an jeder dieser drei Stationen kann das Zweckbewusstsein Halt machen und sich als Selbstzweck konstituieren, und zwar so energisch, dass jeder dieser drei Inhalte desselben maniakalisch ausarten kann.”
[Georg Simmel, aber nicht in Philosophie des Geldes].

Joseph Schumpeter schreibt 1942 in „Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie”, wie mit den Sparereliten umgegangen werden könnte:

„Fast jede sozialistische Gesellschaft - freilich nicht der platonische Typ - würde mit Sicherheit eine andere Art von Einsparung durchführen, nämlich die Einsparung, die sich ergibt aus der Ausschaltung der Klasse der Müßiggänger, - der »reichen Nichtstuer«. Da es vom sozialistischen Standpunkt aus durchaus angemessen ist, die Befriedigungen der dieser Gruppe zugehörigen Individuen zu vernachlässigen und ihre kulturellen Funktionen mit Null zu bewerten - obschon zivilisierte Sozialisten immer ihr Gesicht wahren und hinzufügen: in der Welt von heute -, kann offensichtlich ein sozialistisches Regime hier einen Nettogewinn erzielen. Wieviel verlieren wir, wenn wir einen Leistungstest verwenden, der dies vernachlässigt?

Die modernen Einkommens- und Erbschaftssteuern vermindern natürlich in raschem Tempo die mengenmäßige Bedeutung des Problems, auch unabhängig von den im gegenwärtigen Krieg zur Anwendung gelangten Methode der Finanzpolitik. Indessen ist diese Besteuerung an sich schon Ausdruck einer antikapitalistischen Haltung und möglicherweise Vorläufer einer völligen Beseitigung der typisch kapitalistischen Einkommensgruppen. Wir müssen deshalb unsere Frage an eine kapitalistische Gesellschaft mit noch unerschütterten wirtschaftlichen Grundlagen richten. Für die Vereinigten Staaten dürfte es angebracht sein, die Daten von 1929 zu wählen.

[...]

Drittens besteht das Problem jener Gruppen, die nicht unnatürlicher Weise erwarten, dass sie die Opfer der sozialistischen Ordnung sein werden, - das Problem, grob gesprochen, der oberen oder führenden Schicht. Es kann nicht im Sinne jener geheiligten Lehre gelöst werden, die weit über das sozialistische Lager hinaus ein Glaubensartikel geworden ist, - der Lehre nämlich, dass diese Schicht nur aus überfütterten Raubtieren besteht, deren Vorhandensein in diesen wirtschaftlichen und sozialen Stellungen nur durch Glück und Rücksichtslosigkeit erklärlich ist und die keine andere »Funktion« erfüllt, als den arbeitenden Massen - oder den Konsumenten, je nachdem - die Früchte ihrer Arbeit [der Kinderraub!] vorzuenthalten; dass diese Raubtiere überdies ihr eigenes Spiel durch Unfähigkeit verpfuschen und ( um einen moderneren Zug beizufügen), dass sie durch ihre Gewohnheit, den größeren Teil ihrer Beute zu horten, Depressionen hervorrufen [die Rinderviecher und Schafe sind die Beutetiere der Löwen], schließlich dass die sozialistische Gemeinschaft sich nicht weiter um sie zu kümmern braucht, als dass sie dafür sorgt, dass sie rasch aus ihren Stellungen vertrieben und an Sabotageakten gehindert werden. Unbeschadet der etwaigen politischen und, im Fall des Unternormalen, psychologisch-therapeutischen Vorzüge dieser Lehre, ist sie nicht einmal guter Sozialismus. Denn jeder zivilisierte Sozialist, der etwas auf sich hält und von ernsten Leuten ernst genommen werden will, wird manche Tatsachen in Bezug auf die Qualität und die Leistungen der bürgerlichen Schicht zugeben, die mit einer derartigen Lehre unvereinbar sind und wird desweiteren argumentieren, dass die oberen Schichten überhaupt nicht geopfert, sondern im Gegenteil von den Fesseln eines Systems befreit werden sollen [„Kontrollverlust“], welches sie moralisch nicht weniger unterdrückt, als es die Massen wirtschaftlich unterdrückt [die Zinsnahme der Sparer von den relativ Armen]. Von diesem Standpunkt aus, der mit der Lehre von Karl Marx übereinstimmt, ist der Weg nicht allzu weit zur Folgerung, dass eine Mitarbeit der bürgerlichen Elemente recht eigentlich entscheidend für den Erfolg oder Misserfolg der sozialistischen Ordnung sein könnte.
Hier gibt es mehr dazu.

Niklas Luhmann schreibt 1984 in 'Soziale Systeme' Ähnliches, nämlich, wie sich die ehemaligen „Eliten” verzweifelt und vergeblich gegen die nun für sie einsetzende Schwerkraft wehren:

„Die gesamte über Latenz laufende Struktur einer Formensprache, deren latente Funktion es war, die Selbstsimplifikation der Systemordnung in ihrem Latenzbedarf zu stützen, scheint obsolet geworden zu sein. Der Grund dafür dürfte sein, dass eine an Funktionen orientierte Systemordnung das, was für sie latent bleiben muss, nicht funktionalisieren kann, weil sie es eben dadurch in die Ordnung selbst einbeziehen würde. Was möglich bleibt, ist dann nur noch eine Art blinder, sprachloser, funktionsloser Terrorismus: eine auf Existenz reduzierte Gegenkontingenz.”
Mehr dazu hier.

Diese kleine Minderheit hält ihre perverse Ordnung aufrecht, indem sie im Bewusstsein der Menschen über die ihnen zur Verfügung stehenden Mittel (v.a. die [privaten] Medien und ihr Einfluss auf Politik und die Organe des Wirtschaftsprozesses) einen latenten Bereich hegt und pflegt. Latenz ist also ein Synonym für kollektiv Unbewusstes. Die große Mehrheit hat keine Ahnung, welch' grausamem Spiel sie Subjekt ist. Das ändert sich aber gerade, denn immer mehr Menschen haben den latenten Bereich entdeckt und befüllen ihn mit allem, was sich dazu von selbst und von anderen finden lässt.

Es gibt eine marktwirtschaftliche Alternative zum Kapitalismus, und sie ist sozial, einfach und logisch.

Die Schuldensituation ist durch das Zinsnehmen entstanden und durch den Negativzins wird sie wieder gelöst. Die behauptete Instabilität des € und der Währungen anderer Länder begann in dem Moment, ab dem die Staaten aufgrund ihres Zwecks, nämlich der sozialen Absicherung des Kapitalismus, gezwungen war, Schulden machen.

Man sollte einfach aufhören damit, Intermediäre der Leihwirtschaft als „Unternehmen” zu bezeichnen, denn diesen Titel verdienen sie definitiv nicht. Es sind nur die Steigbügelhalter für das Kapital.

Viele Grüße,

Nachtrag: Meine Stellung zur Markwirtschaft und zum Sozialismus

Lieber XY,

um Unklarheiten zu vermeiden, füge ich hier noch hinzu, dass ich nicht wie Schumpeter Sozialismus (Ökonomie mit 0% Zins) und Kommunismus in einen Topf schmeiße.

Die Marktwirtschaft (also die emergierende Ordnung privatautonom gestalteter Rechtsverhältnisse) ist ja bekanntlich das logische Gegenteil der (sozialistischen) Zentralverwaltungswirtschaft (ZVW, auch Plan- oder Kommandowirtschaft).

Eine „freie“ , wie von den Marktradikalen behauptet, kann es jedoch bei positivem Zins nicht geben, denn es sind existenzielle (Kontrahierungs-) Zwänge (obligatio ex inopia), die Menschen in (inhaltlich) nicht gewollte Verträge zwingen und die Preise, also das Wertverhältnis der gegenseitig geschuldeten Güter, verzerren.

Es ist für mich nach fast 5 Jahren Forschung am Zinsvorzeichen mehr als verwunderlich, dass es in der Rechtsphilosophie immer noch den seit jeher existierenden fundamentalen Streit zwischen den Rechtsideen der Gerechtigkeit und der Freiheit gibt, obwohl seit über 90 Jahren der Nachweis über das Funktionieren einer das Problem aufhebenden Geldordnung existiert (Das Wunder von Wörgl).

Auch heute wird es wieder, wie in den Krisenzeiten zuvor, wenigstens vor der Zwölf (diesmal schlägt es Dreizehn!), für Eigentümer ungemütlich, weil nach Maßgabe objektiver bzw. augenscheinlich objektivierbarer, um nicht zu sagen, offensichtlicher, Gerechtigkeitsverletzungen (die obszöne Ungleichheit) Eingriffe in die freie Verfügung über Eigentum gefordert werden.

Schuld an der Situation ist jedoch weder das Eigentum, noch die Freiheit, noch die Marktwirtschaft. Schuld daran ist einzig und allein das Zinsnehmen, das bewirkt, dass sich Geld im Gegensatz zu den anderen Kapitalarten wie ein übernatürliches Gut verhält, das den 2. Hauptsatz der Thermodynamik quasi ins Übernatürliche transzendiert, obwohl es tot ist.

In der Natur wächst Totes nicht von alleine und schwarze Löcher haben wir hier auf der Erde noch keine.

Was ich sagen will:

Ich bin ein Verfechter der Marktwirtschaft. Will man die Marktwirtschaft gegenüber einer sich jetzt bereits in Ansätzen abzeichnenden und schon ereignenden (z.B. zentral geplante Digitalisierung, Mietpreisbremse, Mindestlöhne, usw.) ZVW retten, dann muss man den Negativzins zulassen. Der Kapitalismus hat also innerhalb der Marktwirtschaft einen Zwilling, der sich mit Marxens Vision einer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung jenseits des Sozialismus deckt.
Das habe ich auch hier deutlich gemacht.

Als Physiker kann ich mich nur über diese erbärmliche Hysterie wundern, mit der der ganzen Thematik 'Negativzins' begegnet wird.

Einfach lächerlich!

Tim

Querverweise auf 'Hetze gegen die Geldwertstabilität und die Kompetenz der obersten Währungshüter'