$ \def\tr{\text{tr}} \def\diff{d} \def\medspace{\enspace} \def\mathbi{\mathbf} \def\euro{€} \def\dollar{\$} \def\textnormal{\text} \newcommand\norm[1]{\left\lVert{#1}\right\rVert} $
24. August 2019

E-Mail: Warum auch und gerade Kleinsparer vom Negativzins profitieren

Lieber XY,

ich bemühe mich eine Antwort zu geben, die die Komplexität der richtigen Antwort enthält, ohne dabei kompliziert zu sein. Die Antwort muss jedoch genügend komplex sein, damit Du die Antwort nachvollziehen kannst. Ich kann Dir sehr kurze Antworten geben, die Du dann aber nicht nachvollziehen kannst. So eine Antwort willst Du aber sicher nicht hören. Du willst die Antwort verstehen, nehme ich an.

Die wohl einfachste Antwort lautet, dass positive Zinsen grundsätzlich unfair und asozial sind, weil ja gerade die ihn (und umso mehr davon) bekommen, die schon so viel haben, dass sie es nicht selbst brauchen und verleihen können, während ihn diejenigen zahlen müssen, die nicht haben und von den Habenden borgen müssen, um auch besitzen und nutzen zu können. Die Habenden sind in dieser Beziehung aber immer vermögender als die Besitzenden, so dass der positive Zins eine permanente Umverteilung von arm zu reich bewirkt.

Durch Umkehrung unter Benutzung elementarer Logik ergibt sich, dass der negative Zins fair und sozial ist. Damit versteht man aber nicht, warum auch Kleinsparer vom Negativzins profitieren, obwohl ihnen (ja völlig unstrittig) etwas weggenommen wird. Sie profitieren trotzdem, weil ihnen auch etwas gegeben wird, denn der negative Zins beim Verleihen fließt ja nicht einfach nur von ihnen weg, sondern kehrt auf komplexen Pfaden zu ihnen zurück, wenn die Menschen nicht sogar direkt profitieren, mindestens weil sie eben nicht nur Kleinsparer sind, sondern auch Kreditnehmer, denn dann als Kredit- bzw. Darlehensnehmer bekommt er Zins für das Borgen von Geld. Ihre Eigenschaft, Kreditnehmer zu sein, ist jedoch nicht der Grund, warum auch und gerade Kleinsparer vom Negativzins profitieren werden. Es ist ihre Eigenschaft, gewöhnlicher Teilnehmer der Verkehrswirtschaft (der alte Name für Marktwirtschaft) zu sein, der den Negativzins zu ihnen zurückkehren lässt.

Ich betone bewusst den Unterschied zwischen Sparern und Kleinsparern. Kleinsparer definiere ich hier also solche Anleger, deren Rendite weit hinter ihren jeweils existenziell notwendigen Ausgaben zurückbleibt, die also nicht von den Zinsen leben können, aber für ihre private Vorsorge davon profitieren wollen. Der Mensch kann also in der Geldwirtschaft zwei Rollen einnehmen und Leihgeber sein, also Sparer, oder Leihnehmer, also Kredit- bzw. Darlehensnehmer.

Wie Du weißt, ist das Geld in einem Fluss, wenn es nicht gespart wird. Mit Deiner Frage verwandt ist die Frage, wohin denn der negative Zins geht, den Du als (Klein-) Sparer zahlst, was also die indirekten Pfade sind, über die Deine Rolle als Kleinsparer auf Dich zurückwirkt.

Indirekte Pfade, über die positive und negative Zinsen fließen

Interessant und wichtig (!) sind die indirekten Pfade, auf denen der Negativzins aus den Rollen der Sparer in die Portmonnaies der Teilnehmer des Währungsraums incl. der Sparer zurückfließt, denn das Geld ist ja bekanntlich zum Teil in einem Flusse (Tauschmittelfunktion des Geldes), wenn es nicht zur Wertaufbewahrung ge- und missbraucht wird. Ich nenne hier auch den Missbrauch der Wertaufbewahrungsfunktion, denn durch das Sparen bei positivem Zins „sorgt” man nicht nur für die Zukunft vor, sondern übt auch eine amorphe Art von Macht aus, weil ja durch das Verleihen des Geldes bei positivem Zins gegenüber den Leihnehmern Zinsschulden, also Hingabezwänge erzeugt werden.

Diese „religiös” anmutende Hingabe des Menschen an das Geld und seine Vermehrung ist eben unsere (un-) heimliche, über 6.000 Jahre alte zivilisatorische, kapitalistische Religion.

Begrifflich unterscheide ich drei Verwendungen von Geld, die miteinander überlappen:

Um die Interaktion des einzelnen Wirtschaftssubjektes mit dem Geldsystem zu vervollständigen, füge ich hier noch den Verkauf hinzu, der ja eine Einnahme von Geld ist, während die eine Hälfte

zu den Ausgaben zählt. Einnahmen hat das Wirtschaftssujekt, wenn es bei positivem Zins die Einlage samt Zinsen zurück erhält, wenn es die eingekauften und modifizierten Güter (Edukte des Unternehmensprozesses, Rohstoffe, die Ware des Händlers) wieder verkauft oder wenn es seine Arbeitskraft, bzw. die Bestimmung oder auch Verfügung über seine Arbeitskraft verkauft.

Einnahmen und Ausgaben des Wirtschaftssubjektes entstehen durch sein Handeln an den Märkten und sind Folge des Preisbildungsprozesses dort.

Übersicht über die Zinsflüsse

Ich zeige Dir nun ein Bild, das ich Dir dann in allen Details weiter auseinander dividieren kann, so dass alle Einzelheiten darin klar werden. Ich tue es, um Dir zu zeigen, auf welchen Pfaden die Negativzinsen, die der Kleinsparer entweder an die Bank oder an einen Kreditnehmer verliert, zum Menschen, der (auch, aber nicht nur) Kleinsparer ist, zurückkehren. Der Mensch ist ja nicht nur Sparer, sondern auch Darlehensnehmer, i.A. sowohl Leihnehmer als auch Leihgeber, Konsument, Arbeitender und Steuerzahler.

Das Bild zeigt den Zinsfluss bei positivem Zins. Sind alle Geldmarktzinsen negativ, dann ist der Pfeil am Bildrand links von oben nach unten gerichtet.

Du siehst im oberen Bereich der Grafik die Leihgeber, die so viel haben, dass sie auf einen Teil davon verzichten und diesen verleihen können, um so Zinsen zu erhalten. Die Leihverträge (Achtung: nicht juristische Terminologie, korrekt ist Sparvertrag, Darlehensvertrag, Mietvertrag, Pachtvertrag, Lizenz, ...) werden an den Leihmärkten geknüpft. Banken sind wie andere Intermediäre der Leihwirtschaft Institutionen dieser Märkte.

Die Leihnehmer sind

die jeweils für sich Einnahmen und Ausgaben haben. Das Bild enthält zu Übersichtszwecken nicht alle Informationen, sondern nur die in dieser Betrachtung wichtigsten.

Die Rückkehr der Negativzinsen zu den Kleinsparern über den Kreislauf des Geldes beginnt am Kleinsparer, der durch die Negativzinsen Geld verliert, weil er es spart, bzw. an Banken oder Darlehensnehmer verleiht! Die Negativzinsen der Kleinsparer fließen von ihnen weg über die Banken oder privaten Geldleihmärkte (z.B. Weltsparen, Smava, Auxmoney, usw.) an Leihnehmer. Wie sie sich von dort über das jeweilig handelnde, leihnehmende Subjekt weiter verteilen, hängt von seinem Verhalten ab. Wenn das leihnehmende Wirtschaftssubjekt sich entscheidet, das Geld nicht weiter zu verteilen, wird es es aufhäufen, doch steht der Haufen ja wieder unter negativem Zins, so dass das Geld wieder vom Haufen wegfließt (s.u.).

Von den kauffreudigen Konsumenten (private Haushalte), die sich einen Konsumkredit mit negativem Zins genommen haben, profitieren die Unternehmer und ihre Beschäftigten (unter denen der Kleinsparer vielleicht einer ist).

Sind die Unternehmen die Nehmer von Darlehen mit negativem Zins, werden die Negativzinsen innerhalb des Unternehmens umverteilt und fließen potenziell zurück in die Tasche der Konsumenten:

Achtung: Grafik zeigt Fluss bei positivem Zins, einfach umkehren.

Wenn der Unternehmer die von den (Klein-) sparern erhaltenen Negativzinsen umverteilt, können sie über den Absatz seiner Produkte wieder an die Konsumenten, die auch Kleinsparer sind, zurückfließen, nämlich als verkleinerter Kapitalkostenanteil in den Preisen. Der Negativzins fließt aber auch über andere Kanäle, z.B. die Rohstoff- und Arbeitsmärkte und über die Märkte der Abfallwirtschaft (die ich übrigens für die am meisten und stärksten wachsende Zukunftsbranche halte!).

Der letzte große Pfad betrifft den Staat, dem der (Klein-) Sparer Geld leiht und Negativzins gibt, wenn er Staatsanleihen mit negativer Rendite kauft. Der Staat selbst ist insgesamt eine reine Umverteilungsstruktur, die nicht auf Gewinn aus ist, sondern auf eine möglichst sozialverträgliche Gestaltung der Folgen kapitalistischer Ökonomie. Die Steuerzahler, zu denen auch die (Klein-) Sparer zählen, profitieren also vom Negativzins, weil die Steuersätze wegen steigender Steuereinnahmen infolge des prosperierenden wirtschaftlichen Prozesses sinken können.

Anmerkung: Dass wir im August 2019 von einer drohenden Rezession sprechen, ist der „Staubsaugerwirkung” der Extrarunde der US-amerikanischen Notenbank geschuldet, die unbedingt noch einen Positivzins-Zyklus fahren musste, weil die Sparer in den USA den Hals nicht voll genug bekommen konnten. Die daraus folgende Rezession in der €-Zone ist daher exogen, weil die Aufwertung des Dollars gegenüber den Dollar-Schuldner-Währungen diese Länder in Zahlungsschwierigkeiten brachte und auch die Nachfrage nach Exportgütern der €-Zone infolgedessen einbrach. Die Rezession ist also nicht hausgemacht (endogen), sondern im Wesentlichen Ausfluss der Geldpolitik der US-Notenbank FED in Kombination mit dem von Trump losgetretenen Handelskrieg.

Zusammenfassung und die Bilder vom schmelzenden Eis und vom Kieshaufen

Ich habe Dir hier also die vielen verschlungenen Pfade (bestenfalls) skizziert, auf denen die Negativzinsen von Sparern weg wieder in die Portmonnaies der Menschen zurückfließen, die ja in ihrem Umgang mit Geld nicht nur Sparer sind, sondern auch Darlehensnehmer, Leihnehmer (Besitzer und Nutzer von Fremdkapital) und Leihgeber (Eigentümer) i.A., sowie Konsumenten, Arbeitende und Steuerzahler.

Die Sache ist leider fürchterlich kompliziert. Ein wenig einfacher macht es das Nachdenken darüber vielleicht, wenn man sich bewusst macht, dass Geld nicht einfach verschwindet, sondern (bei negativem Zins regulär) in permanentem Flusse ist. Deswegen benutze ich zum Denken der Wirkung des Negativzinses auf Sparguthaben gerne die Metapher der Wirkung der Klimaerwärmung auf Eis. Das Eis schmilz, das Geld wird liquide und fließt durch die Schläuche (über die Märkte) des Währungsraumes. Es kann sich nirgendwo aufhäufen und Eis werden, weil es nun mal warm ist.

Ich habe noch ein weiteres, relativ einfaches Bild gefunden, an dem die Absurdität des positiven Zinses und die Natürlichkeit des negativen Zinses deutlich wird. Die Mathematik dahinter habe ich hier aufgeschrieben, wenn Du es genau wissen willst. Ich gebe hier nur das Bild.

Stell Dir vor, dass Du als ein Unternehmer oder Arbeiter Jahr für Jahr eine Schaufel Kies auf einen großen Haufen beförderst. Die Schaufel Kies ist Dein NETTO-Jahresgewinn, also das, was Du nach Tätigung der notwendigsten Ausgaben übrig hast. Der Haufen symbolisiert das Geldvermögen auf dem Konto, Deine Absicherung.

Die Wirkung der Verzinsung des Haufens kannst Du Dir nun folgendermaßen vorstellen:

Man sieht also, dass infolge der Negativzinsen die Vermögen mathematisch nach oben beschränkt sind und tendenziell ins Gleichgewichtsvermögen (Sättigungsvermögen) streben, solange der Mensch arbeitet.

Wenn Du mich also fragst, was Du mit Deinem Geld machen sollst, dann sage ich Dir:
Es gibt grundsätzlich zwei Arten der Vorsorge,

Ich habe übrigens festgestellt, dass ich komplizierte Text besser verstehe, wenn ich sie mir selbst (oder anderen) vorlese, denn dann reflektiere ich irgendwie anders darauf. Das mag bei Anderen aber anders sein.

Viele Grüße,

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