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6. September 2019

Luthers Menschenbild aus Sicht von Erich Fromm

Wer meint, dass die völlige Unterwerfung unter Gott, Staat oder Führer und die Selbstaufgabe etwas Kulturfremdes sei, der findet wenigstens bei Erich Fromm Widerspruch. Ich lese hier den Grund, warum ich mich nicht mehr als Protestant einordnen kann und ausgetreten bin, denn dieses Menschenbild unterscheidet sich gewaltig von meinem!

Ich bin doch kein Opferlamm für das Kapital!

Aber Luther fasste nicht nur das bereits vorhandene Gefühl der Bedeutungslosigkeit bei den Menschen, für die er predigte, in Worte - er bot ihnen auch eine Lösung an. Indem der Mensch die eigene Bedeutungslosigkeit nicht nur hinnahm, sondern sich bis zum Äußersten demütigte, indem er jede Spur eines eigenen Willens aufgab und völlig auf die eigene Kraft verzichtete und sie verächtlich abtat, konnte er hoffen, von Gott angenommen zu werden. Luthers Beziehung zu Gott bestand in einer völligen Unterwerfung.

Psychologisch bedeutet seine Glaubensauffassung:

Wenn du dich ganz unterwirft, wenn du dich mit deiner Bedeutungslosigkeit abfindest, dann ist der allmächtige Gott vielleicht bereit, dich zu lieben und zu erretten. Wenn du dein individuelles Selbst mit allen seinen Mängeln und Zweifeln in letzter Selbstentäußerung abwirfst, dann befreist Du Dich von dem Gefühl deiner Nichtigkeit und kannst teilhaben an Gottes Herrlichkeit. So hat Luther die Menschen zwar von der Autorität der Kirche befreit, doch veranlasste er sie gleichzeitig, sich einer weit tyrannischeren Autorität zu unterwerfen, einem Gott, der auf der völligen Unterwerfung des Menschen und auf der Auslöschung des individuellen Selbst als wesentlicher Vorbedingung zur Erlösung bestand. Luthers »Glaube« war die Überzeugung, man werde unter der Bedingung der völligen Unterwerfung geliebt, eine Lösung, die mit dem Prinzip der völligen Unterwerfung des Einzelnen unter Staat und »Führer« vieles gemein hat.

Luthers Ehrfurcht vor der Autorität und seine Liebe zu ihr kommt auch in seinen politischen Überzeugungen zum Ausdruck. Obschon er gegen die Autorität der Kirche kämpfte und über die neue Klasse von Kapitalisten empört war (zu der auch die Oberschicht der geistlichen Hierarchie gehörte), und obschon er die revolutionären Bestrebungen der Bauern bis zu einem gewissen Punkt unterstützte, forderte er doch in drastischer Weise, dass man sich der weltlichen Obrigkeit, den Fürsten, zu unterwerfen habe:

»Auch wenn die Machthaber böse und ungläubig sind, so ist doch die Ordnung und ihre Gewalt gut und von Gott... Darum, wo es Gewalten gibt und sie in Kraft sind, da sind sie und sind sie in Kraft, weil Gott sie verordnet hat.« (M. Luther, Vorlesung über den Römerbrief 1515/16, Borcherd und Merz, 1957, S. 405).

In seiner Schrift 'Wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern' stellt er sich deutlich gegen die Bauern auf die Seite der Obrigkeit: »So soll nun die Obrigkeit hier getrost fortfahren und mit gutem Gewissen dreinschlagen, solange sie einen Arm regen kann... Solche wunderlichen Zeiten sind jetzt, dass ein Fürst den Himmel mit Blutvergießen verdienen kann, besser als andere mit Beten.« (M. Luther, Von Kaufhandlung und Wucher, S. 195, Hrsg. von Kurt Aland, 1967).

Die andere Seite seiner Gebundenheit an die Obrigkeit und seiner Ehrfurcht vor ihr kommt in seinem Hass und seiner Verachtung für die machtlosen Massen des »Pöbels« zum Ausdruck, besonders wenn diese bei ihren revolutionären Unternehmungen gewisse Grenzen überschritten. In der eben genannten Streitschrift finden wir die berühmte Stelle: »Drum soll hier erschlagen, würgen und stechen, heimlich oder öffentlich, wer da kann, und daran denken, dass nichts Giftigeres, Schädlicheres, Teuflischeres sein kann als ein aufrührerischer Mensch; (es ist mit ihm) so wie man einen tollen Hund totschlagen muss: schlägst du (ihn) nicht, so schlägt er dich und ein ganzes Land mit dir.« (M. Luther, wie zuletzt).

Wir treffen in Luthers Persönlichkeit wie auch in seinen Lehren auf eine ambivalente Einstellung zur Autorität. Einerseits hat er eine übertriebene Ehrfurcht vor ihr - vor der weltlichen Obrigkeit wie auch vor einem tyrannischen Gott - und andererseits rebelliert er gegen die Autorität - nämlich die der Kirche. Die gleiche ambivalente Haltung nimmt er der Masse des Volkes gegenüber ein. Soweit er nur innerhalb der Grenzen, die er ihm gesetzt hat, rebelliert, steht er auf seiner Seite. Aber wenn es gegen die von ihm anerkannte Obrigkeit aufbegehrt, kommt bei ihm ein heftiger Hass und eine tiefe Verachtung der Massen zum Durchbruch.

In dem Kapitel, das sich mit den psychologischen Mechanismen der Flucht befasst, werden wir sehen, dass eine gleichzeitige Liebe zur Autorität und ein Hass gegen die Machtlosen typische Merkmale des »autoritären Charakters« sind.

An diesem Punkt unserer Untersuchung müssen wir uns darüber klar sein, dass Luthers Einstellung zur weltlichen Obrigkeit in enger Beziehung zu seinen religiösen Lehren stand. Dadurch, dass er dem einzelnen Menschen das Gefühl der Wertlosigkeit und Bedeutungslosigkeit in Bezug auf seine persönlichen Verdienste gab, so dass er sich wie ein machtloses Werkzeug in Gottes Hand vorkam, nahm er ihm sein Selbstvertrauen und das Gefühl seiner Menschenwürde, das die Voraussetzung für jeden Widerstand gegen weltliche Unterdrückung ist.

Im Laufe der geschichtlichen Entwicklung hatten Luthers Lehren noch weiterreichende Folgen.

Nachdem der einzelne Mensch seinen Stolz und das Gefühl seiner Würde einmal verloren hatte, war er psychologisch soweit, auch das für das mittelalterliche Denken so bezeichnende Gefühl zu verlieren, dass der Mensch, sein ewiges Heil und seine spirituellen Ziele der Zweck des Lebens seien; er war jetzt bereit, eine Rolle zu übernehmen, bei der sein Leben ein Mittel zu Zwecken wurde, die außerhalb seiner selbst lagen, zu den Zwecken der wirtschaftlichen Produktivität und der Anhäufung von Kapital. Luthers Ansichten über wirtschaftliche Probleme waren noch mehr als die Calvins typisch mittelalterlich. Er hätte den Gedanken, dass das Leben des Menschen zu einem Mittel für wirtschaftliche Zwecke werden sollte, mit Abscheu von sich gewiesen. Aber während er in Bezug auf die ökonomischen Belange noch im traditionellen Denken verhaftet war, stand doch seine Betonung der Nichtigkeit des Einzelnen hierzu und bahnte einer Entwicklung den Weg, bei der der Mensch nicht nur der weltlichen Obrigkeit zu gehorchen hatte, sondern wo er sein ganzes Leben wirtschaftlichen Leistungen unterzuordnen hatte. In unseren Tagen erreicht diese Entwicklung einen Höhepunkt in der Behauptung der Faschisten, es sei das Ziel des Lebens, dass es »höheren« Mächten, dem Führer oder der Rassengemeinschaft, geopfert werde.
Quelle: Erich Fromm, die Furcht vor der Freiheit, DTV 35024, Seite 64 ff.
Bild: Timmy der Hund.

Kritik und Verteidigung

Ich begegne einer Kritik der Worte Erich Fromms, die teilweise zu Recht sagt, dass man (1.) Luther in seinem damaligen Kontext bewerten müsse und dass Luther (2.) die Bedeutungslosigkeit und Ohnmacht des Einzelnen im (vertikalen) Verhältnis zu Gott meinte und nicht im (horizontalen) Verhältnis zu den Mitmenschen (Zitat meine Rede).

Lieber Herr XY,

herzlichen Dank für diesen hochqualifizierten Kommentar.

Es ist völlig klar, dass man Luther in seinem Kontext interpretieren muss und nicht heutige ethische Maßstäbe zur Bewertung seiner damaligen Wirkung anlegen kann, doch haben seine Werke ja weit über seinen Tod hinaus gewirkt und nicht nur damals.

Sie sprechen die Bedeutungslosigkeit des Einzelnen an und sagen, dass Luther sie im Verhältnis zu Gott sieht und nicht im Verhältnis zur sozialen Umwelt (also Beziehungs- und Geschäftspartner, alle Arten von Austauschbeziehungen, incl. Geldverkehrsbeziehungen).

Sicher kann man diese Dichotomie einführen, doch frage ich Sie: Ist das so definiert Horizontale und das Vertikale überhaupt scharf trennbar, außer im Denken?

Ich sage nein, und genau daran liegt die Perfidie der Lehre Luthers, die aus meiner Sicht und Kenntnis der sozio-mechanischen Wirkung des Zinsnehmens den Menschen zu Schloss oder Amboss macht, wie das Kapital in diesem Bild Schlüssel oder Hammer ist. Sie kennen ja Max Webers "Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus".

Man braucht jedoch gar nicht das Wissen über die Funktionsweise des Zinsnehmens, das dann irgendwann Kapitalismus genannt wurde, zur Einordnung von Luthers Lehre bemühen, denn Sie kennen ja außerdem den Text der Genesis rund um den Sündenfall, der belegt, dass sich der Mensch infolge des Sündenfall anmaßt, an die Stelle Gottes, also in die Vertikale, treten zu können.

Wenn der erbsündige Mensch, der in Ihrer angenommenen Dichotomie unter sich eigentlich die horizontale Beziehungen pflegen soll, sich aber größenwahnsinnig in die Vertikale über sich erhebt, wie das ja schon seit über 6.000 Jahren überall innerhalb der Zivilisation zu beobachten ist, dann kann man vertikal und horizontal nicht scharf trennen.

Man kennt ja selbst so Sprüche wie homo homini lupus.

Ich wünschte, dass der Säkularismus tatsächlich den Menschen vor der Staatsreligion Kapitalismus schützte.

So jedenfalls bestätigt hier Fromm nur meine These, dass Religion (nicht nur der Protestantismus) das ideologische Betriebssystem für das Zinsnehmen ist.

Grafik: Umverteilungswirkungen positiver und negativer Zinsen (Lukas 6:[27-35], Menge Bibel), die zufällig zu der hier verwendeten Terminologie passt.

Ich merke außerdem Folgendes an: Das bilaterale Verhältnis der Art von Beziehung, die frei von vertikalen Elementen ist, also eine rein horizontale Beziehung (LOL), nennen die Systemtheoretiker (u.a. auch Niklas Luhmann) 'Doppelte Kontingenz'.

Doppelte Kontingenz beschreibt die Grundbedingung eines wirklich freien, von keiner „unsichtbaren Hand” gestörten Marktes (vgl. Störung der Preisbildung bei positivem und negativem Zins).

Insofern ist Jesu Himmelreich, also das aus der Negativzins-Ökonomie emergierende System ein soziales, das man auch einen „alles-kann-nichts-muss-ismus” nennen kann!

Das Autoritäre ist darin passé. Es „herrscht” (nicht besser 'frauscht'?) gewissermaßen Liebe.

Sehnen sich danach nicht Viele, und sind wir nicht längst bereit dazu?

Erich Fromm zum wirtschafts-ethischen Wertesystem der Reformationslehre, seinem Zweck und seinen Folgen

Die Zeit der Renaissance (Wiedergeburt) und die Lehren der Refomation (Neubildung) waren Geburtsstunde und Programm des heutigen Neo-Liberalismus. Soviel kann ich jedenfalls den Worten Fromms entnehmen, mit denen er das Kapitel über die Bedeutung der Refomation zusammenfasst und abschließt.

Nach dieser kurzen Analyse der Bedeutung des Freiheitsbegriffs in der Reformationszeit scheint es mir angebracht, noch einmal zusammenzufassen, zu welchen Schlussfolgerungen wir bezüglich unseres Zwischenproblems der Freiheit und der allgemeinen Frage nach der Wechselwirkung zwischen wirtschaftlichen, psychologischen und ideologischen Faktoren im gesellschaftlichen Prozess gelangt sind.

Der Zusammenbruch des mittelalterlichen Systems der Feudalgesellschaft hatte für alle Schichten der Gesellschaft hauptsächlich die Bedeutung, dass der Einzelne alleingelassen und von den anderen abgesondert wurde.

Er war frei.

Diese Freiheit hatte zweierlei zur Folge: dem Menschen wurde die Sicherheit, deren er sich erfreut hatte, und das unzweifelhafte Gefühl der Zugehörigkeit genommen, und er wurde von der Welt los gerissen, die sein Streben nach Sicherheit auf wirtschaftlichem wie auf geistigem Gebiet befriedigt hatte. Er fühlte sich nun allein und war voller Angst. Aber es stand ihm jetzt auch frei, unabhängig zu handeln und zu denken und sein eigener Herr zu werden, um mit seinem Leben zu tun, was in seinen Kräften stand, und nicht das, was ihm von anderen vorgeschrieben wurde.

Aber diese beiden Arten der Freiheit besaßen je nach der realen Lebenssituation der Angehörigen der verschiedenen sozialen Klassen unterschiedliches Gewicht. Nur die erfolgreichste Gesellschaftsschicht profitierte so stark vom aufkommenden Kapitalismus, dass sie zu wirklichem Reichtum und zu wirklicher Macht gelangte. Sie konnte sich ausdehnen, sie konnte erobern und herrschen und Reichtümer ansammeln als Ergebnis der eigenen Tätigkeit und vernünftiger Berechnungen. Die neue Geldaristokratie konnte ebenso wie der Adel die Früchte der neuen Freiheit genießen, was ihr nun ein Gefühl gab, die Welt durch individuelle Initiative meistern zu können. Andererseits musste aber auch sie ihre Herrschaft über die Masse des Volkes behaupten und den Kampf untereinander aufnehmen, so dass auch diese Schicht im Grunde verunsichert und voller Angst war.

Im Ganzen gesehen hatte jedoch die Freiheit für diese neuen Kapitalisten eine vorwiegend positive Bedeutung. Dies kam in der neuen Kultur zum Ausdruck, die auf dem Boden der neuen Aristokratie erwuchs: in der Kultur der Renaissance. In ihrer Kunst und Philosophie drückt sich der neue Geist menschlicher Würde, menschlichen Wollens und menschlicher Überlegenheit aus, wenn auch häufig genug Verzweiflung und Skepsis nicht fehlen. Die gleiche Betonung der Macht, individuellen Strebens und Wollens findet sich in den theologischen Lehren der katholischen Kirche des ausgehenden Mittelalters. Die Scholastiker jener Zeit lehnten sich nicht gegen die Autorität auf, sie akzeptierten deren führende Stellung. Aber sie betonen die positive Bedeutung der Freiheit, dass der Mensch sein Schicksal mitbestimme und dass er Kraft, Würde und Willensfreiheit besitze.

Andererseits waren die Armen in den Städten, insbesondere aber die Bauern von einem neuen Streben nach Freiheit und einer glühenden Hoffnung erfüllt, der ständig wachsenden wirtschaftlichen und persönlichen Unterdrückung ein Ende machen zu können. Sie hatten wenig zu verlieren und viel zu gewinnen. Sie waren nicht so sehr an den dogmatischen Spitzfindigkeiten als an den Grundlehren der Bibel: an Nächstenliebe und Gerechtigkeit interessiert. Ihren Hoffnungen verliehen sie in einer Reihe von religiösen Bewegungen und politischen Aufständen aktiven Ausdruck, die von dem kompromisslosen Geist erfüllt waren, der auch für das Urchristentum typisch war.

Unser Hauptinteresse galt jedoch der Reaktion des Mittelstandes. Der aufkommende Kapitalismus förderte zwar dessen Unabhängigkeit und Initiative, war jedoch auch eine starke Bedrohung seiner Existenz. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts war ein Mitglied dieser Schicht noch nicht in der Lage, große Stärke und Sicherheit aus der neuen Freiheit zu gewinnen. Die neue Freiheit bescherte ihm eher ein Gefühl der Isolation und Bedeutungslosigkeit als ein Gefühl der Stärke und des Selbstvertrauens. Außerdem erfüllte ihn ein leidenschaftliches Ressentiments gegen den Luxus und die Machtentfaltung der Reichen einschließlich der hohen Würdenträger der römischen Kirche.

Der Protestantismus verlieh dem Gefühl der Bedeutungslosigkeit und des Ressentiments Ausdruck. Er zerstörte das Vertrauen des Menschen auf Gottes bedingungslose Liebe. Er lehrte ihn die Verachtung und das Misstrauen gegen sich selbst und die anderen. Er machte ihn zum Mittel zum Zweck. Er kapitulierte vor der weltlichen Obrigkeit und gab den Grundsatz auf, dass die weltliche Macht, wenn sie sittlichen Grundsätzen zuwiderhandelt, nicht durch ihre bloße Existenz gerechtfertigt ist, und mit all dem gab er auch wesentliche Dinge auf, welche die Grundlage der jüdisch-christlichen Tradition gewesen waren. Seine Lehren enthielten ein Bild vom Mensch, Gott und Welt, das den Glauben an die Bedeutungslosigkeit und Ohnmacht des Menschen damit rechtfertigte, dass dies eben der menschlichen Natur entspreche und dass diese Gefühle deshalb durchaus berechtigt wären.

Hierdurch verliehen diese neuen Lehren nicht nur dem Ausdruck, was das durchschnittliche Mitglied des Mittelstandes fühlte, sie verstärkten seine Gefühle noch, indem sie sie rationalisierten und in ein System brachten. Aber sie bewirkten noch mehr als das; sie zeigten dem Einzelnen auch einen Weg, mit seiner Angst fertig zu werden. Sie lehrten ihn, dass er, wenn er seine Ohnmacht und die Boshaftigkeit seiner Natur voll akzeptiere und sein ganzes Leben als Buße für seine Sünden betrachte, durch diese äußerste Selbstdemütigung und durch ein unabhängiges Bemühen seinen Zweifel und seine Angst überwinden könne; dass er sich durch seine vollkommene Unterwürfigkeit bei Gott beliebt machen und wenigstens hoffen können, zu denen zu gehören, deren Heil Gott beschlossen hatte.

Der Protestantismus die Reaktion auf die Bedürfnisse Angst erfüllter, entwurzelter und isolierter Menschen, die sich in einer neuen Welt orientieren und eine Beziehung zu ihr finden mussten. Die neue Charakterstruktur, die sich aus den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen ergab die durch die religiösen Doktrinen noch intensiviert wurde, spielte dann bei der weiteren gesellschaftlichen und ökonomischen Entwicklung eine wichtige Rolle.

Die in dieser Charakterstruktur begründeten Eigenschaften waren
  • Zwang zur Arbeit,
  • leidenschaftlicher Sparsinn (Zins),
  • Bereitschaft, sein ganzes Leben einer außerpersönlichen Macht zu weihen,
  • Askese und
  • ein zwanghaftes Pflichtgefühl
- Charakterzüge, welche in der kapitalistischen Gesellschaft zu Produktivkräften wurden und ohne die die moderne wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung undenkbar wäre.

Es waren dies die spezifischen Formen, in welche die menschliche Energie gegossen wurde und in denen sie zu einer der Produktivkräfte im gesellschaftlichen Prozess wurde. Wenn man sich diesen neu entstandenen Charakterzügen entsprechend verhielt, so war das von den wirtschaftlichen Notwendigkeiten aus gesehen von Vorteil. Außerdem war es psychologisch befriedigend, weil es den Bedürfnissen und den Ängsten dieser neuen Art von Persönlichkeit entsprach.

Allgemeiner gesagt bedeutet das, dass der gesellschaftliche Prozess, dadurch dass er die Lebensweise des Einzelnen - das heißt seine Beziehung zu anderen und zur Arbeit - bestimmt, seine Charakterstruktur formt; dieser veränderten Charakterstruktur entsprechen neue Ideologien - religiöse, philosophische und politische - die sie ihrerseits intensivieren, befriedigen und stabilisieren. Die neugebildeten Charakterzüge werden dann zu wichtigen Faktoren in der weiteren ökonomischen Entwicklung und beeinflussen ihrerseits den gesellschaftlichen Prozess. Während sie sich ursprünglich als Reaktion auf die Bedrohung durch die neuen ökonomischen Kräfte entwickelt haben, werden sie im Laufe der Zeit selbst zu Produktivkräften, welche die neue wirtschaftliche Entwicklung fördern und intensivieren.
Erich Fromm, die Furcht vor der Freiheit, 1941, DTV 35024, Seite 70 ff.
Die Werte des Reformationssystems liegen alle in der oberen rechten Ecke des obigen Koordinatensystems, der infolge positiver und negativer Zinsen belohnten und bestraften Verhaltensweisen.

Querverweise auf 'Luthers Menschenbild aus Sicht von Erich Fromm'