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4. November 2019

Suche nach Literatur zum Verständnis der neolithischen Revolution

Sehr geehrter Herr Prof. Krauß,

auf 3sat habe ich eben eine Dokumentation gesehen über eine auf etwa 5300 v.Chr. datierte Ausgrabung aus der Jungsteinzeit. Ich bin Physiker und beschäftige mich aufgrund der außergewöhnlichen geldpolitischen Situation und des Aufkommens negativer Geldmarktzinsen mit den Ursprüngen der Zivilisation. Meinen Lebenslauf finden Sie hier.

Ich suche dabei Belege für meine These, dass der sog. Sündenfall der Genesis im Wesentlichen die Entdeckung des Prinzips des Zinsnehmens war. Ich meine mit "Zinsnehmen" jedoch nicht den heute weit verbreiteten Mechanismus des Geldmarktzinses, sondern einen weiter gefassten Zinsbegriff, der im Wesentlichen die Trennung von Eigentum und Besitz an (bzw. Nutzung) einer Sache meint, so dass der Besitzer einen Zins, z.B. in Naturalien oder Arbeitsleistung, an den Eigentümer zahlt.

Ich versuche die ersten Ereignisse nach dem "Sündenfall" zu rekonstruieren, die Entstehung von Arbeitsteilung, Schuldrecht, Wertsystemen, soziale Stratifizierung, Entstehung einer Priester- bzw. Ökonomenkaste, Siedlungen, größeren soziale Gefügen wie die späteren Königreiche. Ich schreibe alle diese Entwicklungen dem Prinzip des Zinsnehmens zu.

Die Begriffe 'Eigentum' und 'Besitz' sind Kognitionen, also jeweils eine Art "Idee" oder "Denkfigur" mit sozialer Relevanz, Reichweite und Wirkung, die irgendwann im Bewusstsein des Menschen aufgetaucht sein müssen. Ich vermute, dass das Prinzip 'Eigentum' älter ist, da ja auch Tiere über Jagd- und Nahrungsreviere verfügen und diese gegen Konkurrenten verteidigen. Das Prinzip des Besitzes ohne Eigentum ist schon etwas "abstrakter" und enthält schon diesen "sozialen Splitter".

Es muss irgendwann die Idee aufgekommen sein, für die Überlassung eines eigentümlichen Gutes, z.B. eines Stückchen Landes oder irgendeiner beweglichen Sache an einen Besitzer und Nutzer irgendeine Art Gegenleistung zu verlangen, die in Naturalien oder in Arbeitsleistung abgegolten wurde. Später wurde daraus das Prinzip der Steuer des Herrschers (des Monopols), was sich auch in den alten Bedeutungen von Zins spiegelt:

Zins m. ‘Abgabe, Steuer’, landschaftlich (besonders südd. öst. schweiz.) ‘Miete, Pacht’, ahd. (8. Jh.), mhd. zins ‘Abgabe, Tribut, Pachtgeld, Miete’ und (nd. Lautverhältnissen angeglichenes) asächs. mnd. tins sind entlehnt aus lat. cēnsus ‘Vermögensschätzung, Steuerliste, Vermögen, Besitz, Vermögenssteuer’, spätlat. auch ‘Grundsteuer’; zu lat. cēnsēre (cēnsum) ‘begutachten, schätzen, taxieren, (nach Prüfung aller Umstände) der Meinung sein, (an)raten, beschließen’. Im mittelalterlichen Feudalsystem bezeichnet Zins ‘die dem Lehnsherrn zu leistenden Abgaben an Vieh, Ernteerträgen und (Pacht)geld’. Die finanzwirtschaftliche Bedeutung ‘Entgelt für die Überlassung von Kapital’ (vereinzelt im 14. Jh.) wird im 16. Jh. allgemein; die heute dafür übliche Pluralform Zinsen setzt sich im 18. Jh. durch. verzinsen Vb. ‘Zinsen zahlen’, reflexiv ‘Zinsen einbringen, abwerfen’, mhd. verzinsen ‘den Zins wovon oder wofür bezahlen’, präfigierte Bildung zu heute nur noch im historischen Sinne gebrauchtem zinsen Vb. ‘Steuern, Abgaben, Zins entrichten’, ahd. (9. Jh.), mhd. zinsen ‘den Zins geben, zahlen’, reflexiv ‘Zinsen (ein)bringen’, transitiv ‘als Zins geben, hin-, preisgeben’. Zinseszins m. ‘Verzinsung von Zinsen’ (2. Hälfte 18. Jh.), Zinsenzins (Ende 17. Jh.); voraus gehen Umschreibungen wie Zins von Zinsen (16. Jh.), Zinß und Zinß Zinsen (Anfang 17. Jh.); in fester Fügung mit Zins und Zinseszins (Mitte 19. Jh.).

Mit der Etablierung dieses Prinzips in den sozialen Beziehungen muss eine Kaskade von psychischen und sozialen Veränderungen eingesetzt haben. Die Assoziierung von Eigentum zu den Angehörigen der Kultur und die aus der Akzeptanz und Durchsetzung des Zinsprinzips folgende Kapital- und Machtkonzentration wird in der modernen Literatur als Akkumulation bezeichnet. Ich vermute, dass Menschen sesshaft wurden, weil sie eine Bindung an eigentümliches Land entwickelten, Wertgegenstände akkumulierten und diese nicht mehr umherschleppen wollten oder konnten. Ich denke, dass so die ersten komplexeren Sozialstrukturen wie Siedlungen und höhere Formen der Arbeitsteilung entstanden sind.

Die psychologischen Veränderungen (siehe Eintrag vom 09.08.2019) bewirkten, dass Menschen in Herrscher und Beherrschte, Denkende und Schaffende zerfielen und die Denkenden und so Akkumulierenden die Schaffenden beherrschten. Ich vermute, dass die durch das Zinsnehmen verursachte Knappheit eine materielle Not erzeugt, die uns seit Beginn des Zivilisationsprozesses zum Denken (zur Rationalisierung) zwingt und uns zu Individuen macht. Diese Individuation oder Vereinzelung wird heute von Sozialpsychologen auch als „Schizoidisierung“ (siehe der S-Typ im Neurosenmodell Fritz Riemanns) bezeichnet.

Folge dieser Schizoidisierung muss auch gewesen sein, dass die Menschen im Kern der Macht eine Art "anti-animistische Störung" entwickelten und sich im Gegensatz zu allen anderen Lebewesen und als ihre Beherrscher begriffen. Dies sind doch die Erkenntnisse der Interpretation der Funde der Ausgrabungsstätte Göbekli Tepe, nicht wahr?

Welche Literatur können Sie mir in Bezug auf Erkenntnisse der ursächlichen Ereignisse für die neolithischen Revolution empfehlen?

Mit freundlichen Grüßen,

Querverweise auf 'Suche nach Literatur zum Verständnis der neolithischen Revolution'