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5. November 2019

Rezept gegen Diskursneurosen: "Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß" - mal anders

Im sozialen Raum der Nettozinsgeber bewirkt die Zinsschuld eine Abwertung des Selbst. Aus dieser Abwertung resultiert u.U. ein neurotisches Kompensationsverhalten der Abwertung anderer, das man insbesondere in sozialen Medien beobachten kann.

Es gibt hauptsächlich zwei Wege, durch die das Bestreben, andere herabzusetzen und zu besiegen, verdeckt werden kann: nämlich es entweder unter einer bewundernden Haltung zu verbergen oder es durch Skeptizismus auf eine intellektuelle Grundlage zu stellen. Skeptizismus kann natürlich auch ein echter Ausdruck für eine intellektuelle Meinungsverschiedenheit sein. Nur wenn solch Zweifel definitiv ausgeschaltet werden können, ist man berechtigt, nach verborgenen Motiven zu suchen. Diese können so offenkundig sein, dass schon allein eine Frage nach der Stichhaltigkeit des betreffenden Zweifels einen Angstanfall erzeugen kann.

Einer meiner Patienten suchte mich in jeder analytischen Sitzung rüde herabzusetzen, ohne allerdings zu wissen, dass er es tat. Als ich ihn etwas später fragte, ob er an seine Zweifel bezüglich meiner Zuständigkeit in einer bestimmten Angelegenheit wirklich glaubte, reagierte er darauf mit einem Zustand von schwerer Angst.
Karen Horney, Der neurotische Mensch unserer Zeit, XI. Kapitel, Seite 196.

Man kennt das vielleicht aus Konversationen auf Facebook. Man weiß etwas wirklich besser als andere, weil man gerade etwas dazu gelesen hat oder selbst darauf gekommen ist, und dann begegnet einem jemand, der genau das Gegenteil sagt oder etwas sagt, zu dem man noch keine Aussage getroffen oder keine Meinung hat. Neurotisches Verhalten liegt m.E.n. dann vor, wenn man, ohne dies genau begründen zu können, die unter Umständen wohl begründete Meinung des Anderen einfach „platt macht”, indem man sie als „uninformiert“, „veraltet“, „gehirngewaschen“, „verschwurbelt“ und so weiter abwertet.

Das neurotische Element besteht darin, dass das Verhalten nicht rational begründet ist, sondern einem emotionalen Impuls folgt. Dieser Impuls ist eine Kompensationshandlung, mit der man sich vor der Abwertung der eigenen Meinung schützen will. Wer schon viele Gespräche auf Facebook oder auf der Straße geführt hat, der kennt sehr wohl diese abwehrende Haltung, selbst bzw. genau dann, wenn völlig klar ist (zu sein scheint), was richtig und was falsch ist. Wenn man es mit dem Gegenüber mit einem Menschen zu tun hat, der unsicher auf einem bestimmten Gebiet ist und der einen verminderten Selbstwert hat, also einen Minderwertigkeitskomplex, dann kann man es nur falsch machen, es dem Gegenüber genau zu erklären, denn je mehr sich herausstellt, dass man selbst Recht hat, desto mehr fühlt sich der Andere dadurch abgewertet.

Ich habe, glaube ich jedenfalls, mittlerweile ein recht zuverlässiges Gefühl dafür entwickelt, wann ich es mit so einem selbstunsicheren Menschen zu tun habe und mir angewöhnt, zunächst nicht Aussagen zu treffen und meinen Standpunkt genauer zu erläutern, sondern zunächst Fragen zu stellen, um das Gegenüber besser verstehen zu können. Ich halte überhaupt das Stellen von Fragen im Hinblick auf die Herstellung einer Diskussionsgrundlage für viel geeigneter als das monologe Vortragen der eigenen Wahrheit.

Dabei darf man jedoch eins nicht vergessen: Auch durch das Stellen von Fragen kann der Gesprächspartner verunsichert, Angst erzeugt und Abwehr hervorgerufen werden, nämlich wenn er sich in der Situation an eine Schüler-Lehrer Konstellation erinnert fühlt. In dieser Beziehung begreift er sich als Schüler mit vermindertem Selbstwert und reagiert deswegen mit dem Vorwurf, man benehme sich wie ein Oberlehrer.

Wenn wir effektiv miteinander in den Diskurs treten wollen, dann bleibt uns wohl nichts anderes übrig, als zu akzeptieren, dass jeder von sich aus überzeugt ist, im Besitz der Wahrheit zu sein und Recht zu haben. Da wir alle gleichberechtigt sind, gibt es zunächst überhaupt keinen Grund, andere abzuwerten oder sich durch andere abgewertet zu fühlen, wenn die getroffene Wortwahl nicht wirklich abwertend ist. Meiner Erfahrung nach kommt man zu sehr interessanten Erkenntnissen, wenn man es erreicht, die Emotionen und die Angst vor Selbstabwertung und Minderwertigkeit im Gespräch mit einem Menschen, der es wohlmöglich besser weiß, unter Kontrolle zu halten. Dazu sollte man sich bewusst machen, was man nicht weiß, aber das ist eben nicht ganz einfach.

Warum man eine Deflation infolge negativer Geldmarktzinsen nicht fürchten muss

Wie eine im Grund recht einfache Rechnung in Kombination mit umfangreicheren Überlegungen in Bezug darauf, wie sich Mietzinsen, Pachtzinsen, Lizenz-, Nutzungs- und Leihgebühren aller Art infolge der Negativzins-Ökonomie entwickeln werden zeigt, bewirken negative Kreditzinsen ein Absinken des (Fremd-) Kapitalkostenanteils, also eine Deflation der Preise.

Schaut man sich die Wirtschaftsdaten der Länder an, sieht man solche Tendenzen, die sich auch im ausgesprochen hohen Korrelationskoeffizienten zwischen Inflationsrate und Zinsniveau spiegeln.

Fotokopie aus O. Holtemöller, Geldtheorie und Geldpolitik, Mohr Siebck.

Man hört in der Bewertung der Wirkung von Inflation und Deflation ( = negative Inflation) immer wieder Argumentationen, dass eine Deflation schädlich sei, weil sie potentielle Konsumenten davon abhalte, in der Gegenwart zu kaufen und bewirke, dass sie den Konsum auf die Zukunft verschieben. Diese deflationären Tendenzen werden von Kritikern dazu herangezogen, die Negativzins-Ökonomie als »Teufelszeug« abzutun, statt sie als das zu bewerten, was sie in Wahrheit in Bezug auf »Teufelzeug« ist, nämlich das Gegenteil!

Der projizierte Teufelskreis lat. »circulus vitiosus«

Die Konsumzurückhaltung führe dann in der Folge dazu, dass die Produzenten auf ihren Produkten sitzen bleiben würden und sich ein ruinöser Preisdumping-Wettbewerb entwickle, der sinkende Löhne bewirke, weil Gewinne schrumpfen, Arbeitslosigkeit entstehen und damit weitere Konsumzurückhaltung resultieren würden. Es entstehe also infolge der Deflation ein Teufelskreis, siehe Grafik.

Deflationärer Teufelskreis.

In diesen Überlegungen wird jedoch implizit / unbewusst (!) vorausgesetzt, dass die auf den Bankkonten zurückgehaltenen Geldbeträge nominal gleich bleiben oder infolge positiver Zinsen sogar steigen, denn bis Anfang der 1930er Jahre, bis zum Experiment von Wörgl, hat man noch nie eine Umlaufsicherung realisiert. Genau diese implizite Annahme, die die argumentative Grundlage des Teufelskreises bildet, ist jedoch in einer auf einem umlaufgesicherten Vollreservesystem aufbauenden Negativzins-Ökonomie, wie sie mutmaßlich Christine Lagarde et al. vorschwebt, nicht gegeben, denn die Einlage-, Spar- bzw. Guthabenzinsen werden ja in Folge der Geldpolitik weiter abgesenkt.

Man kommt daher in dieser Situation nach wie vor nicht um das (Nutzen-) Kalkül herum, den Wert gegenwärtig erreichbarer Güter gegen den Wert zukünftiger Güter abzuwägen, denn entscheidend für die Kaufkraftentwicklung (den Realzins) von Ersparnissen und Rücklagen ist die Differenz von Inflationsrate und nominalem Guthabenzins (siehe die sog. Fisher-Gleichung).

Man kann also die Negativzins-Ökonomie nicht dadurch "abwerten" oder schlecht reden, dass man behauptet, es würde ein solcher Teufelskreis entstehen. Es gibt auch sonst überhaupt keine Hinweise darauf, dass die Negativzins-Ökonomie irgendwie "instabil" oder ähnlich ist, denn die gesamte Natur funktioniert nach dieser Spielregel (zweiter Hauptsatz der Thermodynamik, s.u.), und dass Ökosysteme so einen "Teufelskreis" aufweisen, der in den „schizoiden Kollaps des Systems” führt, weil die Spezies sich auf einmal vor dem Austausch fürchten, wie es die demagogischen Schwarzmaler an die Wand malen, ist bisher noch nicht beobachtet worden!

Die Negativzins-Ökonomie ist eine Ökonomie des Verderbens des geltenden Toten und des Beginns neuen Lebens

Weil die Verbindung des zweiten Hauptsatzes der Thermodynamik, der das Verderben, die Dissipation, Dispersion und Diffusion aller Arten Materie beschreibt, also den positiven Entropiefluss des Universums (vgl. Begriff der Entropiekraft), mit dem Zinsvorzeichen zu den zentralsten Elementen meines Verständnisses der Negativzins-Ökonomie gehört, teile ich hier noch einmal dieses Zitat von Georg Simmel aus 'Philosophie des Geldes' von 1900, das man auch im Abschnitt über die Vermögensentwicklung infolge negativer Geldmarktzinsen nachlesen kann.

„Die Stellung des Geldes, insoweit sie seinen Charakter über das bloße Mittlertum hinaus zu einem selbständigen Interesse steigert, will ich nun noch nach zwei negativen Instanzen hin verfolgen. Die Verschwendung ist nach mehr als einer Richtung dem Geize verwandter als die Entgegengesetztheit ihrer Erscheinungen zu verraten scheint. Es ist hier zu bemerken, daß in Zeiten naturaler Wirtschaft die geizige Konservierung der Werte mit deren Natur, mit der sehr begrenzten Aufhebbarkeit der landwirtschaftlichen Produkte, nicht vereinbar ist. Wo daher deren Umsetzung in das unbegrenzt aufhebbare Geld nicht tunlich oder wenigstens nicht selbstverständlich ist, findet man selten ein eigentlich geiziges Aufhäufen derselben; wo Bodenprodukte unmittelbar gewonnen und konsumiert werden, besteht meistens eine gewisse Liberalität, besonders etwa Gästen und Bedürftigen gegenüber, wie sie das zum Sammeln viel mehr einladende Geld weniger nahe legt; so daß Petrus Martyr die Kakaosäcke rühmt, die den alten Mexikanern als Geld dienten, weil sie nicht lange aufgehäuft und verborgen aufbewahrt werden konnten und also keinen Geiz gestatteten. Ganz entsprechend beschränken naturale Verhältnisse die Möglichkeit und den Reiz der Verschwendung. Die verschwenderische Konsumtion und leichtsinnige Vergeudung innerhalb derselben haben doch, abgesehen von sinnloser Zerstörung, an der Aufnahmefähigkeit des eigenen und fremder Subjekte ihre Grenze.”

Die Sprache ist im Vergleich zu heute vielleicht etwas gewöhnungsbedürftig, doch würden das Menschen von damals in Bezug auf den heutigen Sprachstil wohl auch sagen. Ich würde daher die Negativzins-Ökonomie als eine "Ökonomie des Verderbens des Kapitals" bezeichnen.

Wirkung des Phänomens, das der zweite Hauptsatz der Thermodynamik beschreibt am Beispiel einer Ananas, die gewissermaßen das Kapital repäsentiert. Das Tote und ehemals Lebendige (die Ananas) wird wieder in lebendige Materie überführt und dient den kleinen Tierchen als Nahrung.

Querverweise auf 'Rezept gegen Diskursneurosen: "Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß" - mal anders Warum man eine Deflation infolge negativer Geldmarktzinsen nicht fürchten muss Die Negativzins-Ökonomie ist eine Ökonomie des Verderbens des geltenden Toten und des Beginns neuen Lebens'