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28. November 2019

Wahnhafte Erwartungen: Paranoia

In dieser Zeit begegnet man in der Kommunikation immer wieder wahnhaften Vorstellungen über Zukünfiges und Gegenwärtiges, die bei manchen Zeitgenossen zu einem ganzen Wahngebäude ausgebaut sind. Ich will hier einige Vermutungen darüber anstellen, woher diese seelischen Zustände kommen und nehme hinsichtlich der für den Gesellschaftsvertrag gefährlichen Zustände (zum wiederholten Mal) Bezug auf älteste bildliche Darstellungen.

Es sei hier vorweg genommen, dass es sich bei den hier aufgeführten Verknüpfungen um eine spekulative Theorie handelt, die mir plausibel erscheint, nach allem, was ich darüber weiß. Keineswegs erhebe ich den Anspruch auf Gültigkeit dieser Vermutungen. Allerdings überprüfe ich die Thesen natürlich laufend.

Der altägyptische Gott Schu, das Totengericht und Goethes Pudel

Wer kennt schon den altägyptischen Gott Schu(Bild)? Ich halte diese Gottheit für zentral in der Frage, wie sich unser kulturelles Wertsystem, Über-Ich, soziale Normen, Regeln und Gesetze gebildet hat. Das Wort Schu hat zwei Bedeutungen:

  1. Leere
  2. »der (in den Himmel) aufsteigt«.
Hier sieht man Darstellung des Gottes Schu, der den Himmel aufspannt. Ich finde die Körperstellen interessant, an denen Schu den weiblichen Körper trägt und in die Länge zieht: Die alten Ägypter sahen den Schoß als das Zentrum der Fruchtbarkeit (der Schöpfungskraft) an und das Herz als den Ort des rationalen Denkens.
Darstellung des altägyptischen Gottes Schu.

Nun weiß man ja, dass auch die alten Ägypter Kapitalismus betrieben und Zinsen genommen haben. Ich denke, dass Schu der Gott des Sparens ist, denn wenn man in der Gegenwart die Leere aushält, indem man die Belohnung und die Erfüllung von Erwartung in der Gegenwart unterdrückt und auf die Zukunft verschiebt, bekommt man vom System Zins und steigt auf.

Wie man Kinder „vernünftig“ macht.

Wenn man auf den Belohnungsaufschub von einem psychologischen Standpunkt aus schaut, wird durch das Sparen künstlich eine Erwartungshaltung aufgebaut. Nun spart ja bekanntermaßen die ganze Kultur, doch nur die kleinere der beiden Klassen bekommt Zins für die asketische Enthaltsamkeit, während die andere Klasse den Zins in Form von Mehrarbeit (der Zins, bzw. die Zinsschuld (!) ist Teil des Mehrwerts) und über den Zinsanteil an der Inflation von der eigenen Substanz nimmt und dem Kapital hergibt.

Ich vermute, dass ein Teil des in den sozialen Medien beobachtbaren, teils paranoiden Wahns über das Kommende auf die durch die Knappheit (die Mängel) verursachten, teils wahnhaften Hoffnungen und Erwartungen auf Belohnung (Freude, Glück, Rausch) oder Bestrafung der Schuldigen (Genugtuung, Gerechtigkeit, Entschädigung) zurückgeht.

Außerdem findet sich im Faust von Goethe diese Textstelle, an der das Tier Ammit beschrieben wird:

Soll ich mit dir das Zimmer teilen,
Pudel, so laß das Heulen,
So laß das Bellen!
Solch einen störenden Gesellen
Mag ich nicht in der Nähe leiden.
Einer von uns beiden
Muß die Zelle meiden.
Ungern heb ich das Gastrecht auf,
Die Tür ist offen, hast freien Lauf.
Aber was muß ich sehen!
Kann das natürlich geschehen?
Ist es Schatten? ist's Wirklichkeit?
Wie wird mein Pudel lang und breit!
Er hebt sich mit Gewalt,
Das ist nicht eines Hundes Gestalt!
Welch ein Gespenst bracht ich ins Haus!
Schon sieht er wie ein Nilpferd aus,
Mit feurigen Augen, schrecklichem Gebiß.
Oh! du bist mir gewiß!
Für solche halbe Höllenbrut
Ist Salomonis Schlüssel gut.
Faust soll es mit diesem Tier in einem kleinen Studierzimmer aushalten? Was zwingt die beiden da hinein, und was hat der Pudel mit ihm zu tun?

Das Wiegen des Herzens in der 12. Stufe des Totengerichts.
Hier sieht man das Ritual des Totengerichts, bei dem das Herz des Pharao gegen die Feder des Schu gewogen wird. Der Gott Thot links vor Ammit stellt dazu ein rationales Kalkül an und misst das Gewicht, ähnlich wie Striche auf einem Kerbholz gemessen werden. Ist das Herz leicht, steigt die Seele des Pharao in den Himmel auf. Ist es zu schwer, wird das Herz an Ammit verfüttert!

Ich denke, dass wir Ammit in den Protestbewegungen in den terminalen Krisenphasen des Kaputtismus (lat. caput für Haupt) beobachten und dass sie im Umfeld paranoider Wahnvorstellungen hungrig wird, die u.U. in Amok umschlagen.

Amok m. ‘blindwütige Mordsucht’, meist in der verbalen Verbindung Amok laufen ‘in plötzlich auftretender Geistesgestörtheit mit einer Waffe umherrasen und jeden Entgegenkommenden angreifen und zu töten versuchen’, substantiviert Amoklaufen n. zu mal. amok ‘rasend, wütend, verzweifelt (im Kampf)’, im 19. Jh. vor allem in Lexika bezeugt, im 20. Jh. auch häufiger in literarischen Werken. Ein Frühbeleg findet sich (um 1660) in einer Reisebeschreibung („Amoc welches so viel ist als courage, oder schlag todt“). Amoklauf m. Amokläufer m. (Anfang 20. Jh.).

Anmerkung: Wenn man im Internet nach Bildern von Zwangsjacken sucht, findet man nicht selten sexuell aufgeladene Darstellungen. Woran liegt das?

Es sei hier vorweg genommen, dass es nicht ungefährlich ist, unkontrolliert Geister frei zu lassen.

Paranoia nach Prof. Dr. Volker Faust

Ich beziehe mich im Folgenden auf einen Text von Prof. Dr. Volker Faust von der Plattform psychosoziale Gesundheit zur Paranoia.

Folgt man der Definition der Neurose nach Karen Horney in 'Der neurotische Mensch unserer Zeit' in 1937, so ist »das Neurotische« eine Abweichung von der kulturellen Norm. Psychopathie ist eine kulturrelative Diskriminierung. Wo dabei die Normgrenze (die kulturelle Eindämmungsgrenze des Geistes) liegt, ist hoch umstritten.

Ich denke, dass jeder, der sich auf Facebook oder in anderen sozialen Medien über die Empfindlichkeit, das tiefe Misstrauen gegenüber Staat, Wirtschaft und Gesellschaft, das Grassieren von Verschwörungstheorien, die Hasskommentare und die Terroranschläge rechter und linker Amoktäter, die ihre Taten mit einer wahnhaften, irren Ideologie begründen, wundert, hier einen Text finden wird, der die Empfindungen und Beobachtungen beschreibt.

Die paranoide Persönlichkeitsstörung ist charakterisiert durch ein typisches Muster tiefgreifenden und vor allem nicht gerechtfertigten Misstrauens sowie Argwohns gegenüber anderen Menschen. Deren Motive werden grundsätzlich oder überwiegend als böswillig ausgelegt. Deshalb fühlen sie sich ständigen, vielfältigen und unfairen Angriffen ausgesetzt, was ihre Person, ihr Ansehen, ihre moralische Integrität, ihre Leistung(sfähigkeit), ihren guten Willen u. a. anbelangt.

Diese scheinbaren Angriffe können aber vom noch so loyalen, um Objektivität bemühten oder gutwilligen Umfeld nicht registriert, bestätigt oder gar als Vorwurf akzeptiert werden. Ja, nicht nur dies, sondern auch positive, freundliche, unterstützende, hilfreiche Bemerkungen, Kommentare, Haltungen, Gesten usf. können als feindselig, zumindest aber herabwürdigend, kränkend, diskriminierend erlebt werden, und zwar in heftiger, unkorrigierbarer und ggf. beleidigender bis feindseliger Art. Selbst harmlose Bemerkungen, Ereignisse, zufällige Konstellationen u. ä. werden – zumindest versteckt – als abwertend oder gar bedrohlich eingestuft.

Kurz: Das Leben mit einem Menschen, der von einer paranoiden Persönlichkeitsstörung heimgesucht wurde (siehe auch die Frage erblicher Belastung später), ist im harmlosesten Falle eine dauerhafte Belastung, in Extrem-Situationen ein „Martyrium“, und zwar nicht nur für die schuldlose und lange Zeit hilflose Umgebung, letztlich auch für den Betroffenen selber, der am Ende mit Ausgrenzung und Isolation bezahlen muss.
Die Kurzzusammenfassung der paranoiden Symptomatik sagt es bereits: der Paranoide misstraut seinen Beziehungspartnern ungerechtfertigterweise und unterstellt ihnen böse Absichten. Es liegt jedoch, wie sich im Folgenden herausstellen wird, gerade in der Frage, ob das Misstrauen gerechtfertigt ist oder nicht, der Unterschied zwischen gesund und krank,

Wie wahrscheinlich keine andere Beschreibung von seelischen Störungen hat jene der Paranoia nach Volker Faust große Ähnlichkeit mit der Grundangst Karen Horneys (z.B. am 17.11.2019 oder in der Beschreibung des Riemann-Thomann-Modells). Um das Wesentliche zur besseren Orientierung vorweg zu nehmen, würde ich sagen, dass die Paranoia mitnichten eine Randerscheinung (ein „Normexzess“) im Sinne der Abgrenzung des vermeintlich Krankhaften vom Gesunden ist, sondern, wenigstens in ihrer weniger starken Ausprägung hinsichtlich des gesellschaftlichen Zusammenhalts (soziale Kohäsion) wohl eine, wenn nicht die zentrale seelische Störung des zivilisierten („gezähmten” im Sinne von Norbert Elias) Kulturmenschen.

Einen Teil des paranoiden Grundgefühls kann man sich in etwa so vorstellen, wie man sich nach einem Diebstahl als Bestohlener fühlt oder wenn im eigenen Haus, also im Bereich, von dem man annimmt, alles unter Kontrolle und Beobachtung zu haben, auf einmal Sachen verschwinden. Man weiß nicht, von wem man bestohlen wurde, man ist verunsichert, peinlich berührt, wird misstrauisch den Beziehungspartnern gegenüber und sucht nach Schuldigen. Schon allein an diesen, wohl Allen bekannten Gefühlen erkennt man, dass das Grundgefühl der Paranoia keinesfalls unnatürlich ist.

Einige Annahmen über die Bedeutung von und Erwartung an Vertrauen, Logik und Liebe in Beziehungen

Um die Symptome der Paranoia zu begründen, mache ich einige Annahmen über die Natur und die natürlichen Erwartungen an Austauschbeziehungen im Allgemeinen, die in unserer natürlichen Veranlagung und in Elementen des alltäglichen Denkens begründet liegen. Diese Annahmen in Bezug auf die Bedeutung von Kausalität im menschlichen Denken, sowie über die Gutmütigkeit des Beziehungspartners, stecken implizit in den Diskriminierungskriterien der Paranoia, nämlich in der Ungerechtfertigkeit und Unbeweisbarkeit der Unterstellungen, der projizierten Boshaftigkeit, des Misstrauens und der Anschuldungen.

Die Beachtung der Logik und Kenntnis von Kausalzusammenhängen sind überlebenswichtige Fähigkeiten

Der Zivilisationsmensch hat, so die erste Annahme, einen Hang zum Logischen, da Logik Kausalität abbildet bzw. nachvollzieht und da das Erkennen und Berücksichtigen von kausalen Zusammenhängen eine für das Überleben des Menschen, wie natürlich für alle anderen Lebewesen auch, elementare Fähigkeit ist.

Wie ich hier in dieser Veröffentlichung in vielen Details darstelle, wirkt im Geldnetzwerk eine (a)soziale Mechanik, die auf eine komplexe Art auf das Phänomen der funktionalen Differenzierung der Arbeitsteilung einwirkt. Arbeitsteilung ist an sich nichts Unnatürliches; man findet sie in der Natur in der Interdependenz und in den Austauschprozessen der Spezies, doch ist die Entwicklung und der Fortschritt der Arbeitsteilung des Kapitalismus das Mittel zum Zweck des Wachstums des geltenden Toten, bzw. sein notwendiges Korrelat, ohne dass den Teilnehmenden und den dieser Maxime Unterworfenen das voll bewusst ist.

Dass jedoch etwas Totes von sich aus wächst, ist hinsichtlich elementarer Naturgesetze nicht nur pervers, sondern es ist unlogisch, da es diese Kausalität, diesen Wirkmechanismus in der Natur nicht gibt. Im Gegenteil: das durch den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik beschriebene Naturphänomen der Irreversibilität des Zeitflusses, der Alterung aller Materie, lebendiger wie toter, und die unvermeidliche Zunahme von Unordnung (Entropie) bewirkt genau das Gegenteil und im Speziellen, dass alles Tote, alle Materie ohne Geist und Willen immer weiter zerfällt.

Hingegen bauen Wertschöpfungs- und Lieferketten, wie in Ökosystemen auch, physisch und logisch aufeinander auf, so wie die beteiligten Berufe logisch miteinander verzahnt sind. Wirtschaft ist also insgesamt durchaus auch logisch und sinnvoll, denn sie dient der Stillung unserer Bedürfnisse, dem Selbsterhalt (Subsistenz) und also der Reproduktion des Lebendigen.

Es sind in der Wirtschaft insgesamt also logische und unlogische, bzw. elementaren Naturgesetzen widersprechende, Mechaniken am Wirken, und der Zivilisationsmensch ist Beidem ausgesetzt.

Ein geschädigter Mensch sucht nach Ursachen, doch über bestimmte Ursachen schweigt man sich aus

Leidet der Mensch infolge eines Schadens, dann sucht er nach Verknüpfungen zwischen seinem Leid, das Wirkung von etwas ist und der Ursache; dies ist die zweite Annahme. Diese Suche ist nicht Sinnsuche, sondern die Suche nach Schuldigen oder Ursache(n) für eigenes Leid mit dem Zweck, künftiges Leid zu verhindern. Es ist ein komplexer, überlebensnotwendiger Abwehrmechanismus. Die Frage danach, ob man selbst Schuld hat oder ein Anderer ist dabei natürlich von elementarer Wichtigkeit, denn sich selbst kann man ändern, Andere hingegen im Allgemeinen nicht (sicher).

Über die Funktionsweise des Finanzsystems und die Details des Zinsnehmens herrscht gesellschaftliches Schweigen. In öffentlichen Gesprächen wird sich beharrlich über das Zinsnehmen (also die zentrale Perversion eines elementaren Naturgesetzes) ausgeschwiegen. Der zugehörige Latenzbereich im Geist (siehe Luhmann zur Latenz am 09.10.2018), also im Denken und im Gespräch, wird durch das Schweigen ins Unterbewusstsein geschoben und verdrängt, jedenfalls verlagert.

Zur zweiten Annahme in Verbindung mit der ersten Annahme, also der Bevorzugung der Erklärung der Wirklichkeit durch logische Zusammenhänge, kommt als hinzu, dass der Mensch auf der Suche nach Ursachen für das Leid logische Erklärungen bevorzugt und dass der logisch Denkende, weil, wenn und solange über den zentralen Wirkmechanismus der Ökonomie, speziell dem positiv verzinsten Kredit, eine »Glocke des Schweigens« hängt, das Unbewusste mit stückweise logischen (Verschwörungs-) Theorien auffüllt, nachdem er ausgeschlossen hat, selbst an der Situation Schuld zu haben, um die Ursachen des Leids abzustellen. Die Motivation zur Antwortsuche ist also eine natürliche Reaktion in einer unnatürlich verzerrten Umwelt und dient der Vermeidung künftigen Leids.

Der Urmensch ist von Natur aus weder »nur arglos« noch »nur argwöhnisch«

Der berühmt-berüchtigte Gutmensch ist, im Kapitalismus wohlgemerkt (!), quantitativ, doch qualitativ natürlich umgekehrt genauso gestört wie der Paranoide, so die dritte Annahme. Die Welt und die anderen Menschen sind weder »nur gut« noch »nur böse«, doch wird der Kulturmensch aufgrund der existenziellen Zwänge (siehe Zins und das Gleichgewicht der Bestimmung) in Beziehungen hineingenötigt (Begriff des Vertragsabschlusszwangs, ähnlich einem Kontrahierungszwang), muss in Beziehungen auf die Gutmütigkeit der Beziehungs- bzw. Vertragspartner hoffen und auch, dass die Preisbildung (Vertragsinhalt!) fair ist.

Verhandlungen über den Preis finden auf allen Märkten statt, z.B. wenn ein Eigentümer auf der Suche nach neuen Mietern (Besitzern) ist und sich Informationen über diese beschafft, wenn ein Mieter bei der Wohnungssuche die Qualitäten der angebotenen Wohnung betrachtet, wenn ein Konsument im Geschäft seine Auswahl aus unterschiedlichen Angeboten trifft, wenn der Unternehmer oder Betriebsleiter im Verhältnis zu den Angestellten die Grenzen des Arbeitsvertrags auslotet oder wenn der Angestellte über die Gewerkschaft in Tarifverhandlungen eintritt. Preisverhandlungen sind also ein allgegenwärtiges Phänomen, das sich zwar unterschiedlich darstellt, aber immer auf den Vertragsinhalt, das Wertverhältnis der ausgetauschten Güter und Dienstleistungen und also auf das Geben und Nehmen in der jeweiligen Austauschbeziehung abzielt.

Das Zinsnehmen bewirkt Vertragsabschlusszwänge. Der so in vertragliche Beziehungen geratene, auf Fairness hoffende, vertrauensvolle Mensch erwartet, dass die Beziehung Früchte trägt und dass das Verhältnis dessen, was er gibt und dessen, was er nimmt und bekommt (die Frucht der Beziehung, der Nutzen und Sinn des Sicheinlassens) gerecht und also ausgeglichen ist. Diese vertrauensvolle Einstellung in Vertragspartner wird im Grunde gesellschaftlich gefordert und unterstellt (z.B. auch die Unschuldsvermutung in anderem Zusammenhang), ist jedoch eine einseitige Annahme! Was ein gerechter Preis für Güter und Dienstleistungen ist, ist zudem eine hochgradig relative, vom Umfeld der Kontrahenten (siehe nächste Annahme) abhängige Frage. Der arglose Mensch hofft auf die Liebe in der Beziehung, dass das Ganze also mehr ist als die Summe seiner Teile, unterstellt Gutmütigkeit und erwartet nichts Bösartiges, und die Gesellschaft fordert dies auch von ihm ein.

Der Zivilisationsmensch reduziert die Komplexität von marktwirtschaftlichen Netzwerken auf den Einzelvertrag und schneidet ab der ersten Nachbarschaftsordnung ab

Hier nun die vierte Annahme. Aus Zeit- und Kostendruck infolge der Knappheit der Zeit und der Mittel im Kapitalismus muss der Zivilisationsmensch in der Preisverhandlung die Berücksichtigung der komplexen vertraglichen Beziehungen des unmittelbaren Vertragspartners und seines Selbst zu Dritten ab der ersten Nachbarschaftsordnung abschneiden. Es sind die Leihverträge (von der juristischen Terminologie abweichend ist hier mit 'Leihvertrag' der Verkauf von Verfügungsrechten an Sachen gemeint, also nicht zinslose Leihverträge) zu Dritten, die das Marktgleichgewicht zwischen den zwei Kontrahenten in der Preisbildung und also das Geben und Nehmen zwischen ihnen stören.

Die amöbenartigen Gebilde sind an Märkten Handelnde. Der Zinsfluss verläuft über die Störung der Marktgleichgewichte auf den Märkte (die unsichtbare Hand).

Der Zins bewirkt einen subtilen und den Beziehungspartnern unbewussten Diebstahl der Frucht der Beziehung. Dieser Diebstahl ist nicht nur wegen des Schweigens über den Zinsmechanismus unbewusst, sondern auch, weil sein Wirkmechanismus sich in der Netzwerknachbarschaft erster Ordnung befindet, über die Nachzudenken aus Gründen der Knappheit der Zeit unterdrückt werden muss. So ist man sich auch nicht ganz bewusst darüber, unter welchen ökologischen und sozialen Bedingungen an Märkten erwerbliche Produkte hergestellt werden oder wohin eigentlich genau die eigenen Erzeugnisse gehen.

Mögliche Ursachen der Paranoia

Ich bemühe mich nun im Folgenden, durch Kommentierung der Beschreibung von Volker Faust die Ursachen der Paranoia zu erklären.

Ich beschränke mich dabei auf diejenigen Fälle, die ursächlich nicht auf eine Verletzung oder genetische Fehlbildung des Gehirns zurückgehen, sondern (mutmaßlich) auf psycho-soziale Wechselwirkung, also „normaler” Umweltkontakt innerhalb des Zivilisationsprozesses.
Wie schon eingangs erwähnt und vor allem vom DSM-IV-TR, aber auch von der ICD-10 kurz und präzise formuliert, handelt es sich bei Menschen mit paranoider Persönlichkeitsstörung um eine dauerhafte Einstellung von Misstrauen, Argwohn und entsprechend reizbaren bis aggressiven Reaktionen auf grundlos angenommene und vor allem unkorrigierbare Unterstellungen bezüglich aller zwischenmenschlich möglichen Kontakte.

Im Einzelnen nach DSM-IV-TR und ICD-10:

- Menschen mit einer paranoiden (wahnhaften) Persönlichkeitsstörung sind im Grund ständig der Meinung, dass andere sie täuschen, ausbeuten, ja gezielt schädigen könnten. Zwar können sie dafür keine Beweise bringen, das stört sie aber nicht, auch wenn es ihre Besorgnis und damit ständige Anspannung lindern könnte. Denn eines wird schon jetzt deutlich: Mit einer solchen Einstellung, Stunde für Stunde, Tag für Tag, dauerhaft, ohne wesentliche Unterbrechung und damit Entlastung, in einer solchen psychosozialen Situation muss man ja Schaden nehmen: seelisch, geistig, körperlich, vom zwischenmenschlichen Aspekt ganz zu schweigen.

So vermuten sie auf der Grundlage von wenigen, auf jeden Fall nicht stichhaltigen Beweisen (s. u.), dass andere ständig gegen sie Front machen, sich verschwören könnten und sie damit zu jeder Zeit und grundlos einer Attacke ihrer (heimlichen oder in ihrem Sinne bekannten) Widersacher, Gegner, Feinde ausgesetzt sein könnten. Tatsächlich belastet, zermürbt, ja zerstört vor allem dieses permanente Gefühl, von einer anderen Person oder gar Gruppe tief und unwiderruflich verletzt worden zu sein. Beweise dafür – wie erwähnt – gibt es nicht, was aber für den Wahn nicht nur eigentümlich, sondern geradezu charakteristisch ist (siehe das ausführliche Kapitel über den Wahn mit dem alles erklärenden Standard-Satz: „Es ist so!“).
Hier haben wir es schon gleich mit der komplexen Problematik der Begründetheit der Anschuldigungen zu tun. Dem geistig u.U. minderbemittelten Misstrauischen fehlen Beweise für die Begründung der Anschuldigungen. Die Beweisbarkeit von Anschuldigungen ist eines der Kriterien für Krankheit.

Doch kann man sich vielleicht vorstellen, dass der aus hunderttausenden Jahren Evolution hervorgegangene Zivilisationsmensch, der im Vergleich zum Zeitraum seiner evolutionären Entstehung erst seit verhältnismäßig kurzer Zeit (6.000-13.000 Jahre) Subjekt des auf über- bzw. unnatürlichen Prinzipien beruhenden Zivilisationsprozesses und unnatürlich verzerrten Umweltbedingungen ausgesetzt ist (siehe auch Eintrag vom 25.08.2018), große Schwierigkeiten hat, den sein Bewusstsein von den sozialen Zusammenhängen übersteigenden, perversen und bösartigen Mechanismus erkennen und beschreiben zu können. Seine durch die genetischen Anlagen bedingte Natur geht evolutionär, denn seine Natur hat sich im Kontakt mit einer Umwelt ausgebildet, in der der Zins negativ war, nicht davon aus, dass seine sozialen Austauschbeziehungen von einem übergeordneten (überindividuellen, metaphysischen) Mechanismus verzerrt werden, der insgesamt etwas Widernatürliches bewirkt. Jedenfalls kann wohl gesagt werden, dass dies beweisen zu müssen eine Forderung ist, die die kognitiven Fähigkeiten nicht gerade weniger Menschen weit übersteigt. Der Urmensch in uns »rechnet nicht damit«, dass er, wenn er der falschen der beiden Gruppen angehört, und das ist am Ende immer wahrscheinlicher, mit seiner Stoffwechselleistung nur die »Gebärhülse« für die Kinder des geltenden Toten ist.

Es ist auch verständlich, dass sich ein auf die Erbanlage, die sich im Kontakt mit einer anderen Umwelt ausgebildet hat, zurückgehendes Verhalten in einer kapitalistischen Kultur in tendenziell zunehmendem Widerspruch zum äußerlich vom Individuum geforderten Verhalten befinden muss. Zwischen der impliziten »Umwelterwartung« der Erbanlage und den Lebensbedingungen des Individuums innerhalb der kapitalistischen Kultur klafft eine größer werdende Lücke, und diese Diskrepanz wird irgendeine Art innere Anspannung bewirken, wenn sie das individuum internalisiert, statt diesbezüglich in den offenen Konflikt mit der Umwelt zu treten (siehe oben das Bild des altägyptischen Gottes Schu). Für die Wahrung des sozialen Friedens schluckt der Brave doch so manche Zumutung einfach herunter.

So plagen sie ständige Zweifel (das Wort „plagen“ charakterisiert dabei die vom „genervten“ Umfeld gerne vergessene Tatsache, dass auch der Betroffene selber ein gequältes Opfer seines Krankheitsbildes zu sein pflegt), so plagen sie also ständig ungerechtfertigte Zweifel bezüglich der Glaubwürdigkeit, ggf. Loyalität ihrer Untergebenen, Vorgesetzten, Mitarbeiter, ja Freunde und sogar Partner, Eltern, Kinder. Und weil sie diese Zweifel nicht abstreifen können, müssen ständig deren Bemerkungen und Handlungen auf Beweise feindseliger Absicht hin überprüft werden, und zwar nicht nur ständig, sondern auch minutiös, bis ins kleinste Detail, von dem die „Verursacher“ aber nicht die geringste Ahnung haben. Daran knüpften sich dann auch die unseligen Konsequenzen. Denn jede subjektiv wahrgenommene Abweichung von der Glaubwürdigkeit oder Loyalität des Umfeldes dient zur Unterstützung der zwar nicht beweisbaren aber eben auch unerschütterlichen Annahme: „es ist so, es gibt keine Zweifel“.

Diese falsche Interpretation geht so weit, dass Menschen mit einer paranoiden Persönlichkeitsstörung sogar erstaunt sind, wenn sich ein anderer, d. h. Freund oder Partner, ganz offensichtlich so loyal verhält, wie er es nicht erwartet hat, weshalb er ihm trotzdem, ja gerade deshalb nicht glauben oder trauen kann. Ein Teufelskreis. Denn gerade wenn sie in Schwierigkeiten geraten, erwarten diese Menschen, dass gemäß ihrer verqueren Einstellung alle, einschließlich Freunde oder Partner, sie entweder ignorieren, demütigen, beschämen, kränken, verunglimpfen oder gar attackieren, schädigen – und damit in ihrer krankhaft-falschen Meinung bestätigen.
Wer sich heimlich vom Umfeld bestohlen fühlt und nach dem Dieb sucht, den plagen natürlich Zweifel an der Vertrauenswürdigkeit seiner Beziehungspartner. Sucht er nach Erklärungen und möglichen Verschwörungen, dann wird er wohl, je logischer er denkt und je strukturierter er dabei vorgeht umso komplexere Erklärungsmodelle erschaffen, die u.U. alle nicht die subtilen Störungen der Beziehungsgleichgewichte erfassen, die das Zinsnehmen der Kultur in seinem Umfeld des Geldnetzwerks bewirkt. Die Störung zu finden erscheint dem Unwissenden wie die Suche nach einer Nadel im Heuhaufen oder wie dem Kamel, das durch ein Nadelöhr gehen soll. Je reicher er an Erklärungsmodellen wird, desto schwerer wird ihm die Anerkennung der relativ einfachen Ursache fallen.
Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich.
Opfer der Störung sind in jedem Fall die psychosozialen Grundgüter des Vertrauens, der Loyalität, der Solidarität, der Sympathie, also der Glaube an und die Erwartung der Gutmütigkeit der Beziehungspartner.

- Wer mit dieser Störung geschlagen ist, dem widerstrebt es auch, sich anderen anzuvertrauen, ja mit ihnen in (engeren) Kontakt zu treten, Vereinbarungen zu treffen, Verträge zu schließen. Kurz: Menschen mit paranoider Persönlichkeitsstörung sind zwischenmenschlich blockiert, unfähig, ohne Argwohn, Skepsis und Misstrauen etwas in die Wege zu leiten. Denn „irgendwas droht immer“, das war so, das ist so, das bleibt so – leider, wie die (ja falsch interpretierte) Erfahrung lehrt. Denn bei allem müssen sie befürchten, dass ihre eigenen Informationen gegen sie verwandt werden und dass das, was ihnen an Informationen übermittelt wird, falsch, heimtückisch, auf jeden Fall kritisch zu hinterfragen ist.
Kann man es jemandem, der im Verlauf seines Lebens schon oft Opfer der kapitalistischen Mechanismen wurde, verübeln, dass er mit der Zeit immer misstrauischer wird, sich vor dem Sicheinlassen fürchtet und dieses in Erwartung neuen Übels abwehrt oder wenigstens streng überwacht? Ist nicht eher zu erwarten, dass er die empfindlichsten Teile seiner Seele in eine »innere Trutzburg« zurückzieht und ängstlich die Mauern und Zugbrücken bewacht?

So lehnen sie beispielsweise die Beantwortung persönlicher Fragen mit der Bemerkung ab: warum eigentlich, zu welchem Grund (des Missbrauchs), wieso hier, jetzt und von dieser Person u. a.? Dies gehe schließlich niemanden etwas an. Das mag zwar im Allgemeinen richtig sein, führt aber im Einzelfall zu Verunsicherung, Frustration, Verärgerung – und damit zur Erfolglosigkeit, falls sich ein Mensch mit paranoider Persönlichkeitsstörung hier etwas erhofft haben sollte (und auch hätte können, allerdings nicht mit einer solch für alle unverständlichen bis verärgernden Reaktion).

Da wäre es gut, wenn der irritierte Gegenüber wissen dürfte, dass Menschen mit einer paranoiden Persönlichkeitsstörung selbst in harmlosen Bemerkungen, Fragen oder Kommentaren und vor allem Ereignissen abwertende, ja bedrohliche Bedeutungen hinein lesen. Beispiele: Geschieht irgendwo ein echter Fehler (bei einer Abrechnung u. a.), wird dies gleich als vorsätzlicher Betrugs-Versuch gewertet. Oder es wird eine beiläufige humorvolle Bemerkung als ernst gemeinter Angriff fehl-interpretiert. Selbst ein Kompliment muss erst nach allen möglichen und vor allem unmöglichen Kritik-Punkten abgeklopft werden, beispielsweise zur Frage der Eigennützigkeit, also ob hier etwas zum eigenen Vorteil geschehen ist, oder zur Anspornung einer noch besseren Leistung, vielleicht sogar als pure Ironie. Und so verwundert es auch nicht, dass sogar freundliche Hilfsangebote, selbstlos, gut gemeint, sinnvoll, den gewünschten Erfolg absichernd, eher als Kritik gesehen werden, beispielsweise selber nicht gut genug zu sein.
Mir persönlich erscheint die Einordnung und Bewertung der u.U. verzweifelten Versuche des Paranoiden, den Diebstahl von Lebenszeit und Glück aufzudecken als Ausdruck des als vierte Annahme aufgeführten Abschneidens der Komplexität sozialer Beziehungen und Netzwerke ab der ersten Nachbarschaftsordnung - auch seitens des Arztes. Im Eintrag vom 17.11.2019 habe ich außerdem begründet, warum die Zinsschulden nicht nur eine Abwertung der Arbeit bewirken, sondern auch die Erniedrigung des Selbstwerts. Es ist vor diesem Hintergrund nicht verwunderlich, dass sich ein Subjekt dieses Abwertungsmechanismus' von der Umwelt angegriffen fühlt.

- Die Humor-Bereitschaft ist übrigens ein Punkt, der ebenfalls das Umfeld verdrießt. Humor vermitteln und empfangen, sich in einer Humor-Atmosphäre frei und problemlos, gebend wie nehmend, auf jeden Fall aber arglos und ohne Hintergedanken zu bewegen, das ist ein guter Indikator für den inneren Zustand eines Menschen. In einigen Fällen, z. B. bei bestimmten Persönlichkeitsstörungen, bei den paranoiden aber besonders, ist nur selten damit zurechnen. Eigentlich nie. Hier wird der Humor, falls überhaupt als solcher ins Gespräch gebracht, eher ironisch, zynisch oder gar sarkastisch getönt sein, und zwar entweder selber vorgebracht oder so empfunden.
Sicher gibt es Psychiater, die sich heimlich über die Irrationalität der Verschwörungstheorien des Paranoiden lustig machen, und gewiss erscheinen vielen manche paranoiden Annahmen, Glaubenssätze oder Überzeugungen als skuril, lustig, lächerlich oder komisch. Wenn man sich jedoch vorstellt, wie der Paranoide seelisch darauf reagieren würde, würde ihm bewusst, dass man zu dem, dass er das Gefühl hat, bestohlen worden zu sein, noch über ihn lacht, dann bekommt man eine Ahnung davon, welche Rolle Wut und Verzweiflung im Erleben des Paranoiden spielen. Lustig ist sein Empfinden jedoch sicher nicht, und Spaß wird er in solchen Fragen sicher überhaupt nicht verstehen.

Dort übrigens, wo der Humor ansonsten gerne gesehen und wechselseitig ausgetauscht wird, plötzlich aber einen kritischen Stellenwert annimmt, hat sich in der Wesensart bzw. innerseelischen Stabilität des Betreffenden etwas verändert. Das geht von einem plötzlichen oder schließlich dauerhaften Schmerz-Leiden über depressive Zustände, vor allem aber eine ansonsten medikamentös gut eingestellte Schizophrenie, wenn sich ein Rückfall anzudeuten droht. Hier und in einer Reihe weiterer Krankheitsbilder auf seelischer Ebene (s. u.) ist die Humor-Bereitschaft ein guter Gradmesser dessen, was sich gerade in negativer Hinsicht abzuzeichnen droht. Negativ im Sinne von entsprechenden Konsequenzen im zwischenmenschlichen Bereich, man kann es sich denken; negativ aber auch was die Ursachen anbelangt, nämlich dass er erneut oder erstmals oder wie auch immer in seelische und psychosoziale Not gerät, die ihm die Humor-Fähigkeit folgenschwer wegzuschmelzen droht. Interessant dabei auch die Erkenntnis, dass sogar Überforderungs- und Erschöpfungs-Syndrome (Leidensbilder), allen voran das heute überall diskutierte Burnout-Syndrom (erschöpft, verbittert, ausgebrannt), ebenfalls die Humor-Bereitschaft zu untergraben vermag.
Wen wundert es denn eigentlich, dass einer, der evtl. ahnt, dass etwas ganz und gar nicht stimmt, keinen Spaß in solchen Fragen versteht?

- Im zwischenmenschlichen Bereich spielt der Faktor „verzeihen“ bzw. die Bereitschaft dazu, eine große, heilsame, auf jeden Fall die Gemeinschaft stabilisierende Rolle. Wehe dem, der dazu nicht in der Lage ist, aus welchen Gründen auch immer. Doch Menschen mit paranoider Persönlichkeitsstörung tragen lange nach und sind unwillig, subjektiv empfundene Kränkungen, Herabsetzungen oder Verletzungen zu verzeihen. Ja, sogar leichtere Vernachlässigungs-Vermutungen rufen Groll, Reizbarkeit, Aggressivität, wenn nicht gar schwere Feindseligkeit hervor. Und gerade diese feindlichen Gefühle wollen und wollen kein Ende nehmen, bestehen jedenfalls unverständlich lange Zeit – und vergiften die Atmosphäre schließlich auf Dauer.
Wer schon mal selbst einen Schaden erlitten hat, der kennt die Forderung Anderer an ihn, doch den Groll aufzugeben und zu verzeihen. Geht man davon aus, dass die Ursache für die paranoiden Gefühle in dem dem Individuum und seinen unmittelbaren Beziehungen übergeordneten Kontext zu finden sind, dann stellt sich dem Paranoiden der Dieb als eine amorphe, chameleonartige Person mit bösartiger Fratze dar. Jedenfalls ist das Gefühl, Opfer einer Verschwörung zu sein ein nicht lokalisierbares und diffuses, und Täterschaft ist an keiner Person des Umfelds etwas definitiv Feststellbares.
Ist nicht etwas Wahres an den „Wahn”vorstellungen dieses Mannes?

Dies ist vor allem darin begründet, dass die Verteilung von Zinsschulden im Geldnetzwerk von den in komplex vernetzten Austauschbeziehungen Stehenden durch Einzelentscheidungen über das jeweilige Geben und Nehmen geschieht und auch nicht unbedingt bewusst. Bewusst ist es vielleicht, wenn der Abteilungsleiter mit den Geschäftszahlen im Kopf im Betrieb auf der Suche nach Faullenzern oder Zeitdieben ist, in den »Überwachungsmodus« schaltet und bei den Mitarbeitern dieses Gefühl des Überwachtseins hervorruft oder wenn einer, der knapp bei Kasse ist, dem Käufer oder Verkäufer misstraut, weil er Angst hat, betrogen zu werden. Ist ein Mensch sich seines im Umgang mit Geld entstehenden Misstrauens nicht bewusst, dann wird er auch im Privaten ein Gefühl der Überwachung und des Kontrolliertwerdens verbreiten, wodurch sich das Misstrauen überträgt.

Über welche Beziehung sich jeweils wieviel Störung im u.U. von Natur aus empfindlichen und mit Logik und Vernunft begabten Individuum akkumuliert, bis für es die Reizschwelle, wo auch immer sie liegt, überschritten ist, ist eine hoch komplexe Frage. Der Haupteinfluss wird sich daher nicht sicher einer begrenzten Zahl von Schuldigen in der unmittelbaren Umgebung zuschreiben lassen. Grundvoraussetzung dafür, einem Täter wirklich verzeihen zu können ist jedoch, dass derjenige eindeutig feststeht. Wie soll man also verzeihen, wenn man gar nicht weiß, von wem man betrogen wurde?

Und da sie konstant auf die schlecht gemeinten Intentionen, d. h. Absichten, Pläne, Ziele und Tendenzen anderer achten, meinen sie oft, dass ihre Wesensart, ihr Charakter, ihre Reputation, d. h. ihr Ansehen in Frage gestellt, wenn nicht angegriffen worden seien. Und wenn sie dafür keine Beweise bringen können, dann heben sie das auf eine andere Verstandes-, zumindest Interpretations-Ebene, auf die ihnen dann niemand folgen kann. Und schon dürfen sie sich wieder ohne für sie nachvollziehbare Einwände ihrer Verdächtigungen sicher sein: Erneut sind sie missachtet, wenn nicht gar verachtet, hintergangen, zumindest benachteiligt worden. Und das bringt sie so schnell in fast blinde Wut, dass sie rasch einen Gegenangriff starten, ungezügelt und vor allem nicht abgewogen, was die Konsequenzen anbelangt; dafür zornig, haltlos, ohne die Scherben bedenkend, die sich daraus ergeben könnten – nicht zuletzt für sie selber.
Der Text suggeriert, dass die Störung beim Paranoiden in einen intimen Bereich der Seele vorgedrungen ist. Einige (Sozial-) Psychologen sehen in der Seele des Zivilisationsmenschen eine Art »Struktur«, die mit der Identität verknüpft ist und gewissermaßen in Beziehungen die Grenze zwischen Innen und Außen definiert. Norbert Elias spricht z.B. von der Form der Seele, Erich Fromm vom Sozial- oder Gesellschaftscharakter und bei Karen Horney ist es vielleicht die individuelle Abweichung von der Norm, bzw. die individuelle Neurosenstruktur. Wenn dieser kulturelle Teil der Identität des Individuums ständig von seinem Umfeld in Frage gestellt, abgewertet und mit (monetärer) Schuld, jedenfalls mit Forderungen, belegt wird, dann wird der so intim Angerührte irgendwann »allergisch« reagieren.

- Das kann vor allem auch die pathologische Eifersucht betreffen, wo sie ohne jede Berechtigung den Ehe- oder Lebenspartner verdächtigen, untreu zu sein, in Träumen, Worten, wenn nicht gar Taten hintergangen zu werden. Deshalb sammeln sie banale und beiläufige „Beweise“ zur Unterstützung ihrer eifersüchtigen Vorwürfe und versuchen jegliche (!) Partnerschaft so vollständig und für den anderen „entnervend“ bis „emotional strangulierend“ zu kontrollieren, wie es nur irgend möglich ist. Dadurch wollen sie vermeiden, betrogen zu werden, wie sie unbeirrbar annehmen. Und wenn dies fast lückenlos gelingen sollte, bezweifeln sie trotzdem die Treue des anderen, stellen alle Beweise in Abrede, bringen eigene „Beweise“ vor, „befragen“ den anderen in fast kriminalistischer und auf jeden Fall demütigender bis kränkender Weise. So bleiben die Beziehungen schwierig, oft ein Martyrium, häufig die Hölle auf Erden. Auf jeden Fall verwundert es nicht, dass diese Art von Persönlichkeitsstörungen größte Probleme mit einer vertrauensvollen und engen Beziehung hat. Ihr ungewöhnliches Misstrauen bis hin zu gnadenloser Feindseligkeit muss sich aber nicht nur in offensiver Wut, Streitbarkeit und vielleicht sogar aggressiven Durchbrüchen äußern, es kann sich auch in wiederholten Klagen (der Mensch mit paranoider Persönlichkeitsstörung als Opfer), ja sogar durch stille, aber offensichtlich feindselige Reserviertheit, Distanzierung, Unnahbarkeit ausdrücken.
Zusammen mit seinem Geschlechtspartner bildet der Einzelne ein Paar und die Keimzelle der Gesellschaft. In einer als bedrohlich empfundenen Umgebung dehnen gerade besonders fürsorgliche und empathische Menschen die Sphäre ihres Bewusstseins auf das Umfeld des Partners aus. Dass es sich bei dem Umfeld des Partners, das der Paranoide im Kopf hat, um seine Projektion handelt, ist dem Paranoiden und auch vielen »gesunden« Menschen nicht bewusst.

Da sie – von ihrer „gnadenlosen Störung getrieben“ – hinsichtlich möglicher Bedrohungen überaus wachsam sind, gelten sie nicht nur als vorsichtig, abwägend, kalkulierend, ja abweisend, sondern wirken oft auch „unterkühlt“, wenn nicht „kalt“, auf jeden Fall ohne echte menschliche, vor allem aber zärtliche Gefühle mit der entsprechenden Fähigkeit zur emotionalen Zuwendung. Das lässt sie – zumindest zunächst – als rationale und nüchtern urteilende Persönlichkeiten erscheinen, manchmal auch als „knallharte Verstandesmenschen“, für die sie sich auch gerne selber halten; doch dahinter findet sich ein instabiles Gemütsleben, fachlich als „schwankender Affektbereich“ bezeichnet. Und weil sie innen so verwundbar sind, müssen sie nach außen förmlich, unflexibel, ja stur, unnahbar bis feindlich, ironisch, vielleicht sogar zynisch bis sarkastisch auftreten. Aber das ist ein „Schuss in den eigenen Rücken“. Denn diese misstrauische, ja kämpferische Wesensart pflegt nicht jeden in die Knie zu zwingen, führt letztlich zur Distanzierung (und damit Ausgrenzung, ggf. Isolierung), vielleicht sogar zu einem Feindbild der anderen, auf jeden Fall zu abwehrenden bis selber feindlichen Reaktionen. Und genau das ist es, was ein Mensch mit paranoider Persönlichkeitsstörung dann als Bestätigung erwartet und – tragischerweise – auch findet, also Bestätigung für seine nicht beweisbaren, unflexiblen bis starren Negativ-Erwartungen („ich wusste es ja“).
Man sieht an den fett markierten Stellen, dass sowohl der Verstand, also auch das logische Denken, als auch die innere Empfindsamkeit bei so manchem Paranoiden besonders stark ausgeprägt sind.

- Da solche Menschen also fast schon grundsätzlich anderen misstrauen, haben sie naturgemäß ein großes Bedürfnis, sich selber zu genügen, um damit jene Stabilität zu erringen, die sie sich durch eigenes (Fehl-)Verhalten verbauen. Oder kurz: Sie entwickeln ein übersteigertes Bedürfnis, ja sie ringen förmlich um Autonomie („ich bin ich“). Autonomie aber setzt ein hohes Maß an Kontrolle über alle möglichen Umstände, auf allen möglichen Ebenen, zu jeder Zeit voraus. Wie kann man sonst autonom denken, handeln und planen, wenn man nicht weiß, was im Umfeld möglich ist, sich gar bedrohlich entwickelt, wahrscheinlich zum Schaden des um Autonomie Ringenden.
Hier an dieser Stelle werden nun deutliche Parallelen zum sogenannten »Schizoiden« des Riemann'schen Modells sichtbar. Der Schizoide hat Angst vor Hingabe, lebt daher die Individualität überwertig und strebt nach Autonomie, und genau das passt zu der perversen Mechanik des Zinses, die im Metaphysischen, Überindividuellen unterhalb der Wahrnehmungsschwelle auf das Subjekt einwirkt, ganz wie ich es in den Annahmen aufführte. Die Ausbildung der schizoiden Charakterstruktur ist daher eine unbewusste seelische Abwehrhandlung gegen die Angst vor der Hingabe.

Die Stichworte in der Psychopathologie der paranoiden Persönlichkeitsstörung sind also: rigide (starr, was die Denk- und Handlungsweise angeht), (über-)kritisch gegenüber anderen und vor allem zur Zusammenarbeit unfähig. Dafür große Schwierigkeiten, Kritik an der eigenen Person zu akzeptieren, vielleicht sogar noch nützlich umzusetzen; und die zwiespältige Fähigkeit, andere für ihre eigenen Unzulänglichkeiten verantwortlich zu machen.
Die oben genannte Trutzburg, bzw. der „Charakterpanzer”, die harte Schale in rauer Umwelt, wie manche sagen.

- Da sie zu den erwähnten (vor-)schnellen Gegen-Angriffen als Reaktion auf vermeintliche Bedrohungen neigen, gelten sie als streitsüchtig und sind häufig in rechtliche Auseinandersetzungen verwickelt. Auf solche Eskalationen angesprochen, versuchen sie, oftmals rhetorisch nicht ungeschickt, ihre vorgefasste Meinung über andere Personen oder Situationen zu beweisen, in dem sie böswillige Absichten unterstellen. Psychodynamisch sind das natürlich die eigenen, auf andere projizierten Ängste (Einzelheiten s. später). Im Alltag aber machen sie das Geschehen noch komplizierter, weil ein um Objektivität bemühter Neutraler natürlich erst einmal versuchen muss, diese Vorwürfe zu entkräften. Das spielt aber wieder den Menschen mit paranoider Persönlichkeitsstörung in die Hände: Zeitgewinn, Unsicherheit, Beschwichtigung, Kompromiss, damit die Möglichkeit, vielleicht den Kopf wieder aus der Schlinge zu ziehen – um aber gleich wieder neue Fronten aufzubauen.
Sie sind sprachbegabt (logos heißt Sprache), und sie streben nach Gerechtigkeit. Man sieht am Text Volker Fausts schon, dass die Schwierigkeit im Kampf um Objektivität und also Neutralität und Mitte besteht.

- Menschen mit paranoider Persönlichkeitsstörung können auch unrealistische, ja grandiose Phantasien entwickeln; und sie verfügen über ein feines Gespür für Macht und Rangstellung. Auch neigen sie dazu, negative Stereotypien (starre Vorurteile) über andere zu entwickeln, nicht zuletzt aus fremden Bevölkerungsgruppen. Häufig werden sie auch als Fanatiker angesehen, gründen eng verflochtene Sekten und Gruppen mit anderen, die ihre paranoiden Werte-Systeme teilen. Einzelheiten dazu siehe später das Kapitel „zur Psychodynamik paranoider Persönlichkeitsstörungen“.
Die möglicherweise anlagebedingte soziale Feinfühligkeit hat auch Riemann in seinem Modell zu den Erklärungsansätzen für die Entstehung der schizoiden Persönlichkeit herangezogen.

- In der ICD-10 der WHO (s. u.) wird als charakteristisches Beschwerdebild noch auf folgende Symptome hingewiesen:

Möglich sind nicht nur ungerechtfertigte Gedanken an Verschwörungen als Erklärung für Ereignisse in der näheren Umgebung und in aller Welt, die einen Menschen mit paranoider Persönlichkeitsstörung belasten können. Möglich sind auch ungewöhnliche Wahrnehmungs-Erlebnisse mit so genannten Körpergefühls-Störungen oder anderen illusionären Verkennungen, d. h. krankhaft verfälschte Wahrnehmungen realer Gegebenheiten; oder das Hinzufügen vermeintlicher Wahrnehmungen zu den wirklichen, so dass sich ein komplexes Täuschungs-Phänomen ergibt (z. B. Baumstumpf als kauernde Gestalt). Bei den illusionären Verkennungen (vom lat.: illudere = verhöhnen, verspotten) ist somit im Gegensatz zur reinen Halluzination ein Sinnesreiz vorhanden, der jedoch subjektiv in der Wahrnehmung umgedeutet wird. Ähnliches gilt für so genannte Depersonalisations-Erlebnisse (auf einen kurzen Nenner gebracht: Ich bin nicht mehr ich selber) und Derealisations-Erlebnisse (alles so sonderbar, fremd, unwirklich um mich herum).
Eine psychotischer Zustand des Bewusstseins wird in unterschiedlichen Quellen als ein akuter Abriss des Bezugs zur Realität definiert. Anhand von Äußerungen und Handlungen eines psychotischen Menschen schließen Außenstehende, dass die Vorstellung (Projektion) von Welt im Inneren des Psychotikers in Bezug auf das Norm- oder Standardbewusstsein der Welt eine mehr oder weniger krasse Diskrepanz aufweist. Der radikale Konstruktivist sagt natürlich sofort, dass auch das Norm- oder Standardbewusstsein keinerlei Anspruch auf Absolutheit, Objektivität oder gar Neutralität hat. Es handelt sich daher um eine relative Verschiebung des Bewusstseinsprozesses gegenüber gewohnten Bahnen, eine Ausnahmesituation eben.

Vorübergehend kann es auch zu so genannten quasi-psychotischen Episoden mit intensiven illusionären Verkennungen, akustischen (Gehörs-) oder anderen Halluzinationen (Sinnestäuschungen, Trugwahrnehmungen) sowie wahn-ähnlichen Ideen kommen. Diese Episoden psychose-naher oder psychotischer Zustände treten im Allgemeinen ohne äußere (sichtbare, nachvollziehbare) Veranlassung auf, können aber auch als Reaktion auf (subjektiv empfundenen) Stress ausgelöst werden. Die Dauer erstreckt sich aber in der Regel auf nur wenige Minuten bis höchstens einige Stunden.
An dieser Stelle der Beschreibung wird Stress als eine der Ursachen für einen psychotischen Schub genannt. Das Wort 'Stress' deutet bereits an, dass es sich dabei um das subjektive Erleben einer Anspannung oder Diskrepanz zwischen Ist und Soll handelt.

Ein autonomer Teil des Bewusstseinsprozesses, der von einigen Psychologen und Psychiatern (Paul Watzlawick, Alice Miller) in bestimmten Situationen auch als Realitätsbestätigung bezeichnet wird, dient dem Zweck, das mit der Persönlichkeit des Individuums verknüpfte (Um-) Weltmodell ständig mit den Umweltreizen abzugleichen, es evtl. daran anzupassen (z.B. Lernen durch Introjektion) oder, soweit möglich, umgekehrt die Umwelt an die Projektion (Vorstellung) anzugleichen und entsprechend Einfluss zu nehmen (Dualität der Wirklichkeit). Dieser autonom und permanent ablaufende Prozess der Herstellung des Realitätsbezugs ist an sich etwas Konservatives und vermittelt dem Subjekt ein Gefühl von Sicherheit, wenn alles in gewohnter Ordnung vorgefunden wird (Ich-Syntonie). In Hirnforschung und Neuropsychologie fällt dieser Teilprozess des Bewusstseins in den Bereich der exekutiven Funktionen des Gehirns. Ich denke, dass Luhmann diesen Teilprozess des Bewusstseins als Sinn bezeichnet.

Wie oben dargestellt erzeugt die kapitalistische Kultur durch den inhärenten Mechanismus der Verteilung von Zinsschulden bzw. monetären Zwängen, ähnlich wie das die bildliche Darstellung des Gottes Schu suggeriert, im Menschen der beherrschten Klasse im Mittel permanent, jedoch stochastisch verteilt, seelische Divergenzen zwischen der inneren Vorstellung von Welt und äußerlichen Gegebenheiten, die dem Menschen in einen inneren Konflikt mit der Welt setzen und ihm die Entscheidung zwischen Konflikt oder Anpassung durch Sublimierung der konftlikträchtigen Triebe aufnötigen (Internalisierung). Die Sublimierung besteht in der seelische Annahme der wirksamen Mechanik durch Unterwerfung (Akzeptanz der sozialen Kausalität).

Der den Konflikt vermeidende Kulturmensch erlernt also mit der Zeit Mechanismen und akzeptiert Verhältnisse, die ihm ein physikalisch paradoxer, perverser, übergeordneter Prozess, nämlich das Wachstum des geltenden Toten aufnötigt. Dieses »kapitalistische Lernen«, der Ausbau des (Um-) Weltmodells im Menschen, tritt im Erleben an die Stelle der Erwartung, die in einer ungestörten Umwelt die Belohnung der Handlungen der Vergangenheit ist. Es ist gewissermaßen das exakte Gegenteil der Belohnung, nämlich die Absorption (Annahme) einer Schuld, und sie wird vermutlich, wenigstens unbewusst, auch genauso erlebt, nämlich als Bestrafung (siehe Begriff der Deprivation).

Ist das wahrnehmende Subjekt jedoch einer (äußeren) Situation ausgesetzt, die nicht mehr ausreichend gut auf das innere Modell abbildbar ist, dann ist das ein Abriss der wahrgenommenen Außenwelt von der Modellvorstellung, eine Diskrepanz zwischen Realität und Projektion. Das Ergebnis wird sein, dass eine tiefe Verunsicherung über sich selbst angesichts der Situation oder in Bezug auf die Situation vor dem unbewussten Selbst empfunden wird, und dass der Bewusstseinsprozess (verzweifelt) auf die Sinnsuche geht, um wieder Passgenauigkeit zwischen der in situ und faktisch gegebenen Welt und der Modellvorstellung von Welt (Ich-Syntonie) herzustellen. Folglich spielt sich das Erleben zwischen Depersonalisation (bzw. Ich-Dystonie) und Realitätsverlust ab.

Ich denke, dass dieser Zustand der Sinnsuche, der Versuch des Bewusstseinsprozesses, wieder in die Realität „einzuklinken” oder „einzurasten”, letztlich aus der starken Abweichung des inneren Weltmodells von der Realität erklärbar ist. Die Frage der Entstehung von Psychosen verlagert sich daher auf die Frage nach den Mechanismen zur Entstehung der potenziell diskrepanten Vorstellungen und Modellen von der Welt.

Die Frage, welchen Stellenwert nun eine solche Symptomatik im Rahmen eines psychotischen Spektrums (was also alles dazu gehören kann) einnimmt, wird unterschiedlich beantwortet. Unter gewissen Umständen kann aber eine paranoide Persönlichkeitsstörung nach ICD-10 auch als prämorbider Vorläufer (also vor Ausbruch der eigentlichen Erkrankung) einer wahnhaften Störung oder gar Schizophrenie interpretiert werden. Auch eine Major Depression (früher am ehesten mit einer endogenen, also biologisch angelegten und häufig vererbten Depression vergleichbar) kann sich daraus entwickeln. Gleiches gilt für ein offenbar erhöhtes Risiko für bestimmte Angststörungen (z. B. eine Agoraphobie) oder Zwangsstörungen. Einzelheiten siehe die entsprechenden Kapitel in dieser Serie.

Um aber gleich eine Folge-Frage zu beantworten: Paranoide Persönlichkeitsstörungen sollten nicht diagnostiziert werden, wenn das Verhaltensmuster ausschließlich im Verlauf einer schizophrenen Psychose, einer affektiven Störung (z. B. manisch-depressiven oder nur depressiven Erkrankung mit psychotischen Merkmalen) oder einer anderen psychotischen Störung auftritt. Und natürlich nicht, wenn sich das Beschwerdebild auf die direkte körperliche Wirkung einer organischen Krankheit zurückführen lässt, z. B. in neurologischer Hinsicht auf eine Temporallappen-Epilepsie (Schläfenlappen-Epilepsie, heute komplex-fokale Epilepsie genannt).

Querverweise auf 'Wahnhafte Erwartungen: Paranoia'