$ \def\tr{\text{tr}} \def\diff{d} \def\medspace{\enspace} \def\mathbi{\mathbf} \def\euro{€} \def\dollar{\$} \def\textnormal{\text} \newcommand\norm[1]{\left\lVert{#1}\right\rVert} $
08. April 2020

Unwissenheitsmanagement: Kapitalismus, Intuition und Konflikt

Ein etwas älterer Artikel von 2018, den ich aber für sehr wichtig halte. Er wird sich noch ein bisschen entwickeln müssen. Er ist sehr schwergewichtig. Wahrscheinlich schiebe ich seine Bearbeitung deswegen immer weiter auf.


Ich lerne seit Anfang 2015 Jahren dieses „Ding“ zu verstehen, in dem ich und wir alle drin stecken, das über 6.000 Jahre alte „positiv-verzinste Geldsystem“, von dem es die Großen der Geschichte immer wieder hatten. Da hat doch mal einer die Geldtische der Wechsler im Tempel umgestoßen und die Frevler aus seinem Haus gejagt, und seit jeher streiten wir uns darum, entzweit es Völker, Gemeinschaften, Familien und einzelne Menschen.

Ich habe mit der Zeit einigermaßen verstanden, was es mit mir und meinen Beziehungen gemacht hat, wie es mich erzogen und geformt hat. Ich habe verstanden, warum wir diese ökologische und soziale Katastrophe auf dem Planeten haben, diese sprachliche und geistige Verwirrung, die Blödheit, diese Lemminge und Lämmer, die Rücksichtslosen, Skrupellosen, Größenwahnsinnigen, Blindwütigen, die Ignoranz, die Verblendung, die Naivität und die Träumerei, die Durchdringung aller Lebensbereiche durch das Messen, Bewerten, Abwerten und Missachten, die bösartige und lasterhaftige Doppelmoral, das Unvermögen, konsequent das Richtige zu tun und nicht mehr das Falsche. In Bezug auf meine eigene Doppelmoral (wer ist schon frei von Sünde?) bin ich so weit, dass ich wenigstens nicht mehr das Falsche sage. Wie schwer ist es doch, die Dinge beim Namen zu nennen und unangenehmen Tatsachen ins Auge zu blicken?

Lange habe ich gedacht, dass ich selbst Schuld habe. Ich habe diese mir zugeschriebene Schuld angenommen, sie ge- und ertragen bis ich gesagt habe: „Ich habe keine Schuld, das System hat Schuld“. Das war der Punkt, ab dem es besser und weiter ging. Die Ursache lag nun nicht mehr in mir, sondern außerhalb von mir. Ich wusste anfangs (in 2012/2013) noch nicht, welcher Parameter des Systems der entscheidene ist, doch irgendwann sah ich es, und nachdem ich es erkannte, kam es zu mir zurück, als ich sah, dass ich doch selbst Schuld hatte, weil ich nicht schon früher etwas dagegen getan und stattdessen mitgemacht habe.

Wir sind alle aufklärerisch unterwegs. Es geht darum, was Recht ist, das Richtige, die Wahrheit. Wer soll denn aber bitte der oberste Richter sein und wissen, was absolut richtig und falsch ist? Immer wieder muss ich mir Gedanken über das Bewusstsein der Menschen über die zentralen und wesentlichen Zusammenhängen unseres zivilisatorischen Seins machen und mich mit etwas beschäftigen, das einen zentralen Teil meiner Arbeit ausmacht: „Unwissenheitsmanagment” ... denn das ist wesentlicher Teil der Aufklärung. Aufklärung kann nur gelingen, wenn man weiß, was das Gegenüber weiß, denn darauf kann man bauen, und was nicht, denn dieses Feld ist zu bestellen.

Ein Zitat vorweg, das zeigt, wie alt dieses grundsätzliche Problem ist. Matthäus 7 (Vom Richtgeist):

  1. Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet.
  2. Denn mit welcherlei Gericht ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden; und mit welcherlei Maß ihr messet, wird euch gemessen werden.
  3. Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge, und wirst nicht gewahr des Balkens in deinem Auge?
  4. Oder wie darfst du sagen zu deinem Bruder: Halt, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen, und siehe, ein Balken ist in deinem Auge?
  5. Du Heuchler, zieh am ersten den Balken aus deinem Auge; darnach siehe zu, wie du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehst!
  6. Ihr sollt das Heiligtum nicht den Hunden geben, und eure Perlen nicht vor die Säue werfen, auf daß sie dieselben nicht zertreten mit ihren Füßen und sich wenden und euch zerreißen.
Ich nehme hier zur Interpretation des Wortes richten den ähnlichen Begriff urteilen und den Begriff bewerten im Sinne von ethisch bewerten sowie im Sinne von messen hinzu. Ich vermute, dass sich diese Textstelle insbesondere auf die Beurteilung der Anhänger der Erbsünde bezieht, von denen nicht alle genau wissen, was sie tun.

Überall falsche Propheten, Unkrautsäer und babylonische Sprachverwirrung

Uns begegnen in diesen Zeiten viele Konflikte, die auf der Annahme von Halbwahrheiten und Unwissen beruhen. Fakten werden zwar manchmal auch als solche erkannt, doch oft nicht konsequent einbezogen. Hinzu kommt, dass viele Menschen den eigenen logischen Folgerungen nicht trauen, weil sie im Verlauf ihres Lebens verunsichert wurden, weil ihre Erwartungen ausblieben. Man fürchtet sich beim logischen Folgern vor der Einbeziehung scheinbar unberechenbarer, unüberschaubarer Komplexität. Man schneidet diese Komplexität ab, rationalisiert sie, macht es sich so einfach, ignoriert und verdrängt sie. Es geht dabei auch, und sofern es sich um rein intuitives Agieren handelt, vor allem um die Logik unseres Unbewussten und dann natürlich darum, wie sich eigentlich Intuition bildet.

Ich möchte hier erneut darauf hinweisen, dass man besser nicht blind seiner Intuition folgt, denn Intuition wird wie die Sozialisation in einer bestimmten sozialen bzw. kulturellen Umwelt herausgebildet. Wenn sich diese Umwelt ändert, dann kommt man mit seiner Intuition nicht weiter. Man wird anecken, wenn die neue Umwelt sich deutlich von der alten unterscheidet und regelrecht „vor eine Wand” laufen, wenn ein gewisser Teil der altbekannten, herkömmlichen, gewohnten Umwelt regelrecht „Kopf steht”.

Prof. Peter Kruse zu der Frage, wie sich Intuition bildet und warum man nicht blind seiner Intuition folgen sollte.

Wie sich Intuition bildet

Alle Erkenntnis beginnt als Erfahrung der Welt. Unsere Logik entsteht aus erkannten Kausalzusammenhängen, bildet sie quasi nach. Mit der Zeit prägt sich unsere Wirklichkeit, die aufgrund bestimmter Gesetzmäßigkeiten entsteht, in das Gedächtnis unserer Seele ein und formt darin eine Art „Heuristik“ der sozio-ökonomischen Mechanik der Welt. Das Ergebnis dieser Formung ist, dass wir mit der Zeit ein Gefühl dafür entwickeln, wie die Welt funktioniert, ohne viel darüber nachdenken zu müssen. Dieses Gefühl ist die Intuition (in Bezug auf die Welt), eine Art „wages Wissen”. Wenigstens dieses Wissen über die sozio-ökonomische Mechanik des Systems in uns ist etwas Totes. Es ist Teil des kulturellen, geltenden Toten, unseres Kapitals. Genau dieser Teil in uns ist berechenbar und macht uns berechenbar.

Wenn nun aber im Antriebskern der Zivilisation seit Langem ein widernatürlicher, verkehrter Mechanismus wirkt, eine Art „Lüge”, die Perversion eines fundamentalen Naturgesetzes, denn wir lassen durch den Zins Totes wachsen, wie wird dann der Mensch, der im Kontakt mit den Folgen dieses verkehrten Antriebs seine Intuition ausgebildet hat, auf die Wahrheit über diesen Antriebskern reagieren? Er wird intuitiv denken, die Wahrheit darüber sei eine Lüge oder falsch. Genau dann, wenn der Konstruktionsmechanismus, der den „Rahmen” unseres Seins und unser Denken hervorgebracht hat, umpolt, werden wir heftige seelische Konflikte erleben. Wir werden uns zutiefst verunsichert fühlen, solange wir die Umpolung nicht verstanden haben.

Als Beispiel sei ein Rugby-Profi genannt, der auf einmal Basketball spielen soll. Das geht auf jeden Fall schief, wenn er nicht bewusst reflektiert und aktiv steuert, was er tut, denn Rugby ist ein Vollkontakt-Sport, und Basketball ist das exakte Gegenteil!

Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit polt das Zinsvorzeichen im Geldsystem kontrolliert um. Unsere gesamte Intuition hat sich jedoch im Kapitalismus gebildet. Wie wird unser im Kapitalismus herangebildetes Unterbewusstsein wohl auf die Veränderungen reagieren? Einfache Antwort: Es wird sie zunächst intuitiv als 'verkehrt' einordnen. Wenn aber der Kapitalismus selbst verkehrt ist, und das ist er vom Standpunkt der Naturgesetze aus betrachtet, dann ist das verkehrte Verkehrte nun richtig herum! Es tut mir Leid, wenn ich mit diesen Aussagen Verunsicherung bewirke, aber es geht leider nicht anders. Nur ein verunsicherter Mensch ist dazu bereit, die Realität zu hinterfragen.

Der Rahmen der Weltanschauung und -erfahrung

Zurück zu unseren Konflikten. Ich glaube daran, dass jeder Mensch von sich ein positives Selbstbild hat. Jeder Mensch glaubt, das Richtige zu tun und zu sagen. Nur ganz wenige sind absichtlich, also vorsätzlich, böse oder lügen. Wenn in unserer kapitalistischen Kultur, die die Menschen aufgrund der vom Zinsnehmen verursachten Knappheit der Ressourcen zueinander in einen gnadenlosen Wettbewerb setzt und dann der Eine das Verhalten, die Einstellung oder die Ansicht des Anderen als „verkehrt” einordnet, dann entstehen Konflikte. Um diese Konflikte zu lösen, muss man diskursiv den dem Konflikt übergeordneten Rahmen, der letztlich die Ursache des Konflikts ist, verlassen. Außerhalb dieses Rahmens besteht der Konflikt nicht. Außerhalb dieses „Denkrahmens” sind wir alle Menschen, wollen in der Heimat in Frieden mit Familie, Freunden und Bekannten arbeiten und leben. Verlassen wir also den Rahmen (Framing, Rahmung nennt es Mausfeld). Das ist einfacher gesagt als getan, doch es ist in der Regel immer möglich.

Rechte Nichtreiche gegen linke Nichtreiche ist so ein Beispiel. Der Konflikt besteht eigentlich nicht zwischen vermeintlich Rechten und Linken, sondern zwischen oben und unten. Ich kann mittlerweile viele Extremisten verstehen: Rechts- und Linksradikale, Libertäre, Kommunisten, Neoliberale, Sozialisten, Konservative, Spirituelle und Atheisten, Glaubensradikale und Ungläubige. Es dauert immer eine gewisse Zeit, den Rahmen zu verstehen, sich also durch kleine Perspektivwechsel im Gespräch aus seinem eigenen Rahmen hinaus und wieder hinein zu begeben, aber irgendwann erkennt man ihn, und dann kann man ihn verlassen. Man muss also an die impliziten, unbewussten, „Fleisch gewordenen” Prämissen heran, und da kommt man nur hin, indem man Aussagen hinterfragt, die als feststehend gelten, also gewissermaßen „tot” sind. Niklas Luhmann nennt das „Temporalisierung der Komplexität”. Diese Verzeitlichung des scheinbar Unüberschaubaren, Unberechenbaren geschieht durch miteinander Handeln und Reden.

„Wir schaffen das!“, ja richtig, wir werden es schaffen, doch wird erklärt wie? Wer kann es sich schon selbst in eigenen Worten erklären? Was geschieht eigentlich gerade? Irgendetwas Großes passiert, doch was? Was ist der Plan? Gibt es überhaupt einen?

„Nein!“ sagen da Einige, und so neigen die Besorgten zu vorbeugendem Aufstand, denn „glauben kann man Denen da oben nicht mehr“ und „die scheinen auch nicht zu wissen, wer denn hier eigentlich bestimmt“. Wer von uns weiß denn schon, was Selbstbestimmung wirklich bedeutet, wenn 90% von uns nicht selbstständig beschäftigt sind und in ihrem Gelderwerb von der Bestimmung des Staates oder der der 4,2 Millionen Selbstständigen, den übrigen 10% der Erwerbstätigen, fremdbestimmt sind (Grafik: Selbstständigkeit unter den Erwerbstätigen: 90% Fremdbestimmte, nur 10% Selbstbestimmte)?

„Echte“ Linke haben in diesen Zeiten wahrlich Grund zum Jubeln - nachdem sie es verstanden haben und ihrem Ärger und ihrer Traurigkeit über das Geschehene Luft und der Freude und der Euphorie über das Kommende Platz gemacht haben, doch was ist mit den Rechten? Was heißt denn eigentlich links und rechts?

Kapitalistische Sozialisation

In unserem In-der-Welt-Sein bestehen zwei Wirklichkeiten, die wir oft zu einer (dualen) Wirklichkeit vereinfachen: es gibt zum einen die Wirkung der Umwelt (außen) auf das Selbst (innen), wodurch unsere Sinneseindrücke und nachgeordnete Wirkungen entstehen, einfach weil die entsprechenden Organe (Ohren, Augen, Nase, Mund und Haut) existieren und dem Weltfeld ausgesetzt sind, die passive Wirklichkeit, und es gibt zum anderen die Einwirkung des Selbst auf die Umwelt, die aktive Wirklichkeit, also \begin{eqnarray} \textrm{Aktiv:}\textrm{Innen} & \stackrel{\textrm{wirkt auf}}{\mapsto} & \textrm{Außen}\\ \textrm{Passiv:}\textrm{Außen} & \stackrel{\textrm{wirkt auf}}{\mapsto} & \textrm{Innen}. \end{eqnarray}

Das Bewusstsein vermittelt zwischen folgenden seelischen Instanzen:

und leitet daraus Handlungen ab, die auf ein begehrtes Ziel, das Eintreffen von etwas Gewolltem, einen Zweck in der Zukunft gerichtet sind. Die Vermittlungsinstanz bezeichnet man als den Intellekt, als Ratio oder Verstand, und seine Operationen heißen rationales Kalkül. Auch und gerade der zivilisatorische Intellekt ist das Ergebnis des Zivilisationsprozesses (Erich Fromm zu den psychischen Folgen des Sündenfalls am 09.08.2019).

Projektion auf der Grundlage des inneren Weltmodells

Bei einem dem Verstand, der Vernunft folgenden Lebewesen wird mit Hilfe des Intellekts die Bestimmung gegenwärtigen Handelns aus den Erfahrungen, dem Wissen und den gegenwärtigen Sinneseindrücken und Affekten abgeleitet. Bei der Entstehung eines Handlungsimpulses, der Planung der Realisierung des gegenwärtigen Wollens wirkt ein Mechanismus unseres Gehirns, den ich als Projektion bezeichne. Damit meine ich eine Art „Berechnung“, die unter Eingabe der Daten des Gedächtnisses, der Erfahrungen, der gegenwärtigen Sinneseindrücke und Affekte eine Abwägung, Einschätzung oder Bewertung von Mitteln und Zwecken (griechisch τέλoς heißt Ende, Ziel oder Zweck) vornimmt.

Die Teleologie ist die Wissenschaft vom zweckmäßigen Handeln (siehe teleologische Reihen).

Es werden auf der Grundlage der (sinnlichen) Erfahrungen Mittel und Zweck berechnet. Es gibt also sowohl einen projizierten Zweck, der als eine Art Erwartung von etwas Zukünftigem, von etwas, das hinzu kommt, unserer Gegenwart vorgestellt ist, wie z.B. die Stillung eines Bedürfnisses (eines Wollens) oder die Abwehr einer Angst (eines nicht gewollten Müssens oder Sollens), als auch ein projiziertes Mittel, also z.B. ein Weg, ein Werkzeug oder eine Handlung. Zum Erreichen des Zweckes bestimmen, berechnen, projizieren wir den Weg der, die Handlung die, das Werkzeug das das Erreichen des Zwecks ermöglicht. Das Mittel ist projizierte Ursache, der Zweck ist die projizierte Wirkung.

Das Selbst erzeugt (setzt) die projizierte Ursache, das Mittel, von dem es erhofft, dass es die gewünschte Wirkung erzielt, also den Zweck erreichbar macht, aus einem Wollen und einem Kalkül, der Projektion, heraus. Das Begehren gibt die Richtung im Raum der Möglichkeiten vor, das Kalkül den Weg. Die Projektion, das Kalkül, die Berechnung ist dabei also abhängig von unserer Vergangenheit, dem Realitätskontakt, aufgrund dessen unsere Erfahrungen enstanden sind. Das Gewollte ereignet sich als Folge der Herbeiführung der Ursache, wie es das Gedächtnis aufgrund des erlernten Kausalzusammenhangs erwartet oder erhofft. Die Erwartung an die Zukunft hängt also von unserer im Gedächtnis gespeicherten Erfahrung, der Erinnerung ab. Das Datum darin ist die Erfahrung, die Berechnung geschieht auf ihrer Grundlage.

Es wird wohl nur wenige Evolutionspsychologen geben, die der Aussage widersprechen, dass unsere Natur implizit von Umweltbedingungen ausgeht, in denen die Bilanz von Geben und Nehmen allein von Naturgesetzen abhängt (vgl. Eintrag vom 25.08.2018), denn wir erleben die Beziehung zur Umwelt als einen Austausch. Wurde der Welt mehr gegeben als von ihr empfangen, dann wird der Urmensch in uns an die Zukunft die Erwartung einer Art Belohnung stellen, denn er geht aufgrund seines in seinem genetischen Gedächtnis gespeicherten, vergangenen Umweltkontaktes davon aus, dass alles gegenwärtig Hingegebene von etwas Hinzukommendem in der Zukunft begleitet wird. Frustiert wird der Mensch sein, wenn diese unbewusste Erwartung ausbleibt, wenn das Versprechen, das der Kapitalismus gab, nicht erfüllt wird (vgl. zu den wahnhafte Erwartungen am 28.11.2019).

Durch das Kapital und seine Fortpflanzung bedingte soziale Kausalität

Unsere Welterfahrung enthält nach über 6.000 Jahren Kapitalismus Kausalzusammenhänge in Form von Wissen über geschichtliche Ereignisse und Zusammenhänge, das durch den Kapitalismus bedingt ist. Es kann ohne Weiteres wohl niemand genau sagen, wie sich bestimmte Entscheidungen oder Ereignisse ausgewirkt, welchen Weg bestimmte Entwicklungen genommen, wie sich Persönlichkeiten oder soziale Beziehungen entwickelt hätten, wäre nicht alles unter dem Kapitalismus geschehen. So fällt die Übertragung von Kausalzusammenhängen, wie es bei der Berechnung gegenwärtigen Handelns im Angesicht der Umpolung des konstituierenden Mechanismus' der Realität notwendig ist, besonders schwer, denn dazu muss diese Bedingtheit der Erfahrung, die Abhängigkeit des Verlaufs in der Vergangenheit vom Kapitalismus verstanden werden. Weil es besonders nah ist, möchte ich hier betonen, dass auch in den Persönlichkeiten der Zivilsationsmenschen, in ihren Charakteren und Bindungsmustern implizit diese Bedingtheit steckt, die nun gerade dadurch infrage gestellt ist, dass man sich am Rande einer Geldordnung bewegt, die dem Kapitalismus entgegengesetzt ist, nämlich der Negativzins-Ökonomie. Zu sagen, dass das Gegenteil eintritt wie im Kapitalismus, wird nur in solchen Fällen zutreffen, die besonders nahe am Zinsmechanismus gelagert sind, bei allen anderen Kausalzusammenhängen, die nur indirekt vom Zinsmechanismus affektiert sind, ist diese Abhängkeit und die Korrelation schwächer und der Kausalzusammenhang komplizierter.

Da alles Endogene der Zivilisation vom Verhalten von Menschen abhängt, ist es besonders wichtig zu analysieren, wie sich gewöhnliches, unbewusstes, intuitives Verhalten, bestimmte Angstreflexe und -reaktionen, als Folge des Zinsmechanismus gebildet haben, denn nur so ist die Wahrscheinlichkeit gegeben, dass man vorhersagen kann, wie sich Menschen unter der Umpolung des gesamten Rahmens der Wirklichkeit wahrscheinlich verhalten werden - sofern sie unbewusst handeln. Bei den Aufgeklärten wird man hingegen nicht so effektiv Vorhersagen über künftiges Verhalten anstellen können, außer solche, die sich aus der Negativzinsmechanik ergeben, wenn man annimmt, dass der handelnde Mensch der impliziten Gesetzmäßigkeit von Belohnung und Bestrafung folgt und damit entgegen seiner kapitalistischen Sozialisation handelt.

Der Systemanteil im Selbst

Um den begrifflichen Gegenstand hier etwas schärfer hervorzuheben benutze ich eine philosophische Metapher. Das geltende Tote hat seinen Abdruck in der Seele und im Gedächtnis des Menschen hinterlassen und ist eine Art „Stein”. Der Stein ist in der Vergangenheit entstanden und steht für das uns genommene mögliche Leben, das Hingegebene, das tote, entrissene Kind in der vom Zins gestörten Beziehung zur Welt, das wir gehabt hätten, wenn das geltende Tote nicht von uns gefressen hätte. Solange der Mensch positive Zinsen nimmt, bindet uns dieser Stein, den man auch also die Projektion des geltenden Toten begreifen kann. Er zwingt uns, unser Leben der Vermehrung des geltenden Toten und also der Vergrößerung des Steins in der Seele hinzugeben.

Woraus besteht dieser Stein und wie stellt sich uns seine Existenz in der Seele dar?

Alle unsere Beziehungen untereinander (Interaktionen, Wechselwirkungen, Austauschbeziehungen) lassen sich in drei fundamentale Kategorien aufspalten:

Man kann nun grob Beziehungen, die direkt mit Geld zu tun haben (also die Verträge innerhalb der Privatwirtschaft und die Beziehung zum Staat) und die übrigen Beziehungen unterscheiden. Die zwei Beziehungsarten bilden zwei Netzwerke, nämlich das Geldnetzwerk bestehend aus den Beziehungen zum Staat und zur Privatwirtschaft und das Netzwerk der Nichtgeld-Beziehungen. Im Kontakt mit dem Geldnetzwerk, der Einkopplung darin über Verträge (Arbeitsverträge, Eigentums- und Besitzbeziehungen) und Gesetze, befinden sich die Menschen in einem Gleichgewicht der Bestimmung, das zwischen den Wirklichkeiten und gegenseitigen Wirkungen beider Netzwerke vermittelt.

In den Menschen bildet sich im Kontakt mit dem Geldnetzwerk in der Seele durch die Erfahrungen im Umgang mit Geld eine Art Abdruck des kapitalistischen Systems, der der Seele eingeprägt wird. In diesem Abdruck, dem eingangs erwähnten „Stein”, enthalten sind sämtliche Erinnerungen an den Umgang mit Geld und das Wissen darüber, welches Verhalten in der Vergangenheit zur welchen Ergebnissen geführt hat. Dieser seelische Systemabdruck, der Systemanteil im Selbst, enthält also durch Erfahrung erlernte Kausalzusammenhänge des Systems, Ordnungen von Ursache, Vermittlung und Wirkung. Mit dieser Rechtfertigung lässt sich der Systemabdruck in der Seele als der Systemanteil im Über-Ich betrachten, denn das Über-Ich enthält ja nicht nur direkt von den Bezugspersonen anerzogene Gebote, sondern auch das aus den Erfahrungen erlernte, erworbene Wissen.

Andere Ausdrücke für den Abdruck in der Seele lauten daher auch zivilisatorische Neurosen und Formen der Seele (z.B. Oswald Spengler, Norbert Elias, Niklas Luhmann). Die sog. Neurosendispositionen sind in den Abdrücken fixierte Antizipationen - man kennt das schon, fürchtet es und wehrt es entsprechend ab -, die durch sich wiederholende Muster (vgl. zum Begriff Samsara und zu den Konjunkturzyklen) ausgelöst werden und die von Generation zu Generation weitergereicht werden, um den Kindern ein Überleben im Kapitalismus zu ermöglichen. Das Übrige, zum Systemanteil Komplementäre des Selbst ist das Tierische in uns, das weitgehend affektiv autonom also triebgesteuert ist, unser Es.

In der Psychologie gibt es Auffassungssysteme seelischer Formen, die die Seelenformen auf bestimmte Eigenschaften hin klassifizieren. Durch die Betrachtung dichotomer (gegensätzlicher) seelischer Eigenschaften lassen sich komplementäre Seelenformen definieren und beobachten. Als ein Beispiel solcher Auffassungssysteme dichotomer Seelenmerkmale sei das Modell Grundformen der Angst Fritz Riemanns genannt, das die sog. klassische Neurosenlehre auf die 4 fundamentalen Archetypen Schizoide, Depressive, Zwanghafte und Hysterische reduziert. Andere, weitaus detailliertere und differenziertere Auffassungssysteme sind das amerikanische DSM und die ICD. Auch Erich Fromm hat in Furcht vor der Freiheit ein Charaktermodell entwickelt, das in Zuschreibungen von Verhaltensweisen und Einstellungen an seelische Eigenschaften (autoritär, destruktiv, konformistisch) besteht, siehe Zuordnung der Modelle Fritz Riemanns und Fromms am 21.09.2019.

Zwei Klassen und zwei Wahrheiten

Die individuelle Geschichte der Erfahrungen eines Menschen im Umgang mit Geld prägt sich in sein Gedächtnis als die Summe von Einzelerfahrungen ein. Hat der Zins (in allen seinen Formen) ein Vorzeichen, existiert also ein positiver oder negativer Zins, zusätzlich zum Negativzins der Natur der Umwelt des Systems, dann sind die Menschen des Währungsraums implizit in zwei Gruppen unterteilt, nämlich: die Eigentümer, Gläubiger und Leihgeber und die Besitzer, Schuldner und Leihnehmer. Es bilden sich auch grundsätzlich zwei Wahrheiten. Die Wahrheit der oben Stehenden wird für die unten Stehenden immer mehr zu einer Lüge, je schiefer die Vermögensverteilung wird. Abhängig vom Vorzeichen des Zinses bekommt die eine Gruppe Zins, die andere gibt ihn her (NETTO Zins-Bilanz). Im Hinblick auf den Zinsfluss kann in einem geschlossenen System letztlich mit mathematischer Sicherheit exakt bestimmt werden, in welchen Zeitspannen seines Lebens ein einzelner Mensch wieviele Zinsen gegeben oder genommen hat, ob er also Quelle oder Senke von Zinsen war. Mit welcher Gewalt und Macht das für den Kapitalismus konstitutive materielle Element, das Eigentum, mit der Wahrheit und dem Rechthaben der Gruppe der Zinsnehmer zusammenhängt, beschreibt Pierre-Joseph Proudhon in 'Theorie des Eigentums' mit folgenden Worten:

Das Eigentumsprinzip steht außerhalb von Recht und Gesetz, ist seinem Wesen nach absolutistisch und bis hin zu einer zum Himmel schreienden Ungerechtigkeit egoistisch: aber, das muss so sein.
Es hat zum Gegengewicht die Staatsräson, die ihrerseits absolutistisch ist, jenseits des Gesetzes steht, freiheitsfeindlich ist und bis hin zur Unterdrückung regiert: aber, das muss so sein.
Voilà, so wird in den vorausschauenden Plänen der universal wirkenden Vernunft das seinem Wesen nach usurpatorische und unredliche Prinzip „Egoismus“ zu einem Instrument von Recht und Ordnung, und zwar so weit, dass Eigentum und Recht zwei voneinander untrennbare, ja fast synonyme Ideen werden. Eigentum ist idealisierter, geheiligter und mit einem politischen sowie rechtlichen Auftrag ausgestatteter Egoismus.
All' das muss so sein: weil das Recht nie mehr geachtet wird, als wenn es im Egoismus und im Zusammenschluss von Egoismen einen Verteidiger findet. Und nie wird die Freiheit sich gegen die Staatsmacht schützen können, wenn sie über kein Mittel zum Schutz verfügt, wenn sie nicht ihre uneinnehmbare Festung hat.
Von diesen wahren Aussagen abgesehen kann ich dem Kommunismusbegriff von Proudhon fast nichts abgewinnen. Ich denke, er meint dabei den Sozialismus.

Bei der Übertragung von Zinsschulden wird oft nicht die volle Höhe, sondern nur ein Anteil an einzelne Marktteilnehmer übertragen (Zins, Preis und Stoffströme und nomisches Gleichgewicht im Unternehmen). Die gesamte Zinsschuld verteilt sich also auf mehrere Menschen und nicht allein auf die unmittelbaren Zins-Schuldner. Integriert man die partiellen Zinsschuldbeträge, die an einem Einzelnen anfallen über seine gesamte Lebensspanne auf, wobei über alle Transaktionen integriert werden muss, die direkt oder indirekt in ihrem Wertumfang (Umsatz) von Zinsen beeinflusst waren, so erhält man eine Zahl, die aussagt, wieviele Zinsen ein Mensch NETTO gegeben oder genommen hat. Diese NETTO Zinsbilanz wird korrelieren mit dem Gefühl der Welterfahrung, und so wie an jedem Zeitpunkt exakt berechenbar ist, ob ein Mensch da insgesamt Zinsen nimmt oder gibt, steht am Lebensende fest, wo genau zwischen 'Hingabe an die Welt' und 'Beschenktsein von der Welt' sich diese Welterfahrung bemisst.

So kann man in diesem Zusammenhang von einem individuellen Zinsschuldgedächtnis sprechen und also davon, welchen Abdruck die Zinsschulden in der Seele des Einzelnen hinterlassen haben, was der Mensch durch sein In-der-Welt-Sein gelernt hat, denn eine Art Lernvorgang besteht im Auffinden von Notwendigkeiten, und die Zinsschulden erzeugen Nöte, aus denen man sich durch Anpassungen an diese befreien kann. Man überträgt die Schuld an andere, was einem bestimmten Verhalten entspricht, oder man absorbiert die Schuld in sich, wobei sich das Erlernte dann in der seelischen Anpassung findet (Zins-Allokation).

Ich bemühe mich hier nun eine Definition einer der wichtigsten Achsen des politischen Spektrums abzugeben, muss jedoch auch sagen, dass dies meine Definition von „rechts” und „links” ist und dass die Verwendung dieser Begriff nicht einheitlich ist. Rechts- oder Links-Extremität ist dabei nur ein Maß für die Intensität der Ausprägung der Wesensmerkmale. Ich komme dabei auch nicht umhin, einen Rechten relativ zu einem Linken zu definieren und beide anhand ihrer Einstellung zum Kapitalismus einzuordnen. Die Linken sind gegen den Kapitalismus, also müssen die Rechten für den Kapitalismus sein. Um also einen Linken zu erhalten, muss man einen Rechten nur „umkrempeln”. Im Hinblick auf den Seelenstein ist der Rechte ein Hüter des Steins, der Tugendhafte im ökonomischen Jenseits, während der Linke nicht (mehr) dem Stein anhaftet, sondern dem Lebendigen. Versöhnt werden die zwei Typen am Übergang von positiven zu negativen Zinsen.

Der wesentliche Teil des rechten Typus hängt mit Verhaltensweisen zusammen, die im Kapitalismus das Überleben garantieren. Die Rechten sind also an den Kapitalismus angepasst, und sie machen die große Mehrheit der Bevölkerung aus. Sie sind vertrags- und ordnungstreu, respektieren das Eigentum, sind leistungsbereit, pflichtbewusst, ordentlich, korrekt, stören sich also nicht an Fremdbestimmung, fügen sich in Hierarchien und denken folglich auch im Schema der Ungleichwertigkeit von Menschen, da dies ein konstitutives Merkmal jeder Hierarchie ist (Rang). Insgesamt ist der Rechte also ein „wohlerzogenes Kind des Herren”.

Die Linken sind all dies nicht (Dichotomie und Komplementarität). Die Linken sind für den Kommunismus (die Negativzins-Ökonomie), sie verachten die kapitalistische Werteordnung, sie halten sich (im Kaptialismus) nicht gerne an Verträge, kehren der Leistungsgesellschaft den Rücken, streben nach Heterarchie, bevorzugen die Selbstbestimmung und die Ausübung von Rechten gegenüber dem Dienen und dem Erfüllen von Pflichten, und sie verachten das Eigentum. Sie sind also die „unartigen”, „frechen” und „aufmüpfigen Kinder des Herren“.

Unterscheidung von Anarchie und Heterarchie anhand des Gleichgewichts der Bestimmung.

Im Mischbereich beider Typen geht es um die Einstellung zur Anarchie und zum Sozialismus. Den extremistischen Ausprägungen beider Typen ist gemein, dass sie sich einer bestehenden Ordnung widersetzen würden, dass sie also anarchistisches Handeln zur Durchsetzung ihrer Interessen akzeptieren und wohlmöglich selbst praktizieren. So widersetzen sich die AfD und ihre Anhänger (bzw.die Rechtsextremen) der Einführung negativer Zinsen, indem sie auf allen ihnen offen stehenden Kommunikationskanälen die sich entwickelnde Ordnung negativer Zinsen sabotieren, gleich wie Linksautonome bei den Protesten gegen den G20 Gipfel in Hamburg das Eigentum angriffen, wie es auch sonst „traditionell” am 1. Mai an bestimmten Orten geschieht. Und so könnten sich beide Typen auch auf eine sozialistische, also zentral verwaltete Wirtschaftsordnung einigen (siehe Marktwirtschaft vs. Planwirtschaft).

Hierarchie
links Mischbereich rechts
Anhänger der Ideologie negativer Zinsen, sind für Vermögenssteuern kein Zins, keine Vermögensbesteuerung Anhänger der Ideologie positiver Zinsen
Kommunismus Sozialismus Kapitalismus
Heterarchie Anarchie
Freiheit mit Gleichberechtigung, eigentums-unbedingte Freiheit Freiheit durch Konformität mit der bestehenden Ordnung Freiheit ohne Gleichberechtigung, (durch das Kapital) bedingte Freiheit
denkt nicht (mehr) in Kategorien der Wertigkeit von Lebewesen Gleichwertigkeit von Menschen Ungleichwertigkeit von Menschen
Rechte und linke soziale Verhaltensmuster und Einstellungen.

Schluss mit der Spalterei und dem blinden, unhinterfragten Gehorsam den eigenen Affekten gegenüber!

Solange die von der AfD angeführten Aufständischen nicht begreifen, wer sie da eigentlich gegen was anführt und warum Angela Merkel eben doch Recht hat, könnte sich Geschichte wiederholen. Ökonomisch Unwissende, Unmündige, Verblendete, jedoch vor dem Hintergrund ihrer bisherigen kapitalistischen Welterfahrung zu Recht Wütende, dem System Misstrauende und an der Basis der Pyramide Stehende richten ihre Wut gegen sich selbst („rechts gegen links“, Neo-NAZIs gegen Antifa, Hooligans gegen Salafisten), denn immer hat nur das Volk die Macht, und wir alle sind das Volk und machen mit unserem selbstzerfleischendem Hick-Hack die Erreichbarkeit ihres (unseres) eigenen Ziels zunichte (vgl. Proteste gegen die Eröffnung des Neubaus der europäischen Zentralbank im März 2015). Die Medienleute schauen dabei zu, obwohl sie die Macht hätten, den „Druck aus dem Kessel zu lassen”, indem sie den Menschen das fehlende Wissen um die Funktionsweise des alten Systems, nach dessen Logik und internalisierten Mechanik die Wütenden und Misstrauenden agieren, in die Hand zu geben und ihnen so die Angst zu nehmen.

Im Hinblick auf das gegenseitige Misstrauen, die Ausgrenzung, den Hass usw. neige ich dazu, nicht mehr Menschen die (Zins-) Schuld zu geben, sondern den Sachen, dem Geld, dem Kapital, dem wuchernden, geltenden Toten und natürlich dem Zins selbst. Das ist auf jeden Fall das Sicherste, denn es schadet Sachen nicht, wenn man ihnen die Schuld gibt, und am sichersten ist es, weil hier doch wohl kaum einer den vollen Durchblick zu haben scheint - ich auch nicht.

Von all den immateriellen Irrtümern, die es hätten sein können, war es am Ende nur die eine: das Zinsvorzeichen, von dem alle anderen Irrtümer, Dummheiten, Fehlentscheidungen und unser Fehlverhalten kausal abhängen. Die nicht-sachliche Ursache ist unsere menschliche Natur, die mit der Umkehrung des für das Leben wohl wichtigsten Naturgesetzes, des zweiten Hauptsatzes der Thermodynamik, des „Zahns der Zeit“ (Shakespeare), nach 6.000 Jahren trotz Anpassung nicht klarkommt und aber auch niemals klarkommen kann. Der positive Zins und alle seine Verwandten ist einfach zu verführerisch, doch er verführt nicht zur Vermehrung des Lebendigen, sondern zur Vermehrung des geltenden Toten. Wer schon hat, bekommt noch, und das bekommt er von dem, der nichts hat und borgen muss. So kann der Reiche die Not des Armen nutzen und ihn zwingen, den Zwecken des Reichen zu dienen.

Den Fehler zu erkennen ist wohl am einfachsten, wenn man sich einen Währungsraum mit 5% Zins und nur zwei Personen anschaut. Der eine hat Geld, der andere nicht. Wie lange kann das gut gehen? Dann nimmt man drei Personen und drei Geldbeträge. Da geht es schon etwas länger, und es ist auch nicht mehr ganz so einfach zu durchblicken, weil der Schuldner noch eine Austauschbeziehung zu Dritten hat, aber auch hier endet es sicher! Hat man dann in der Fortsetzung dieses Gedankenexperiments sehr viele Leute und irgendeine nicht allzu ungleiche Verteilung am Anfang, dann ist es ziemlich kompliziert. Man kann nur noch statistische Aussagen treffen, aber immer noch ist die Laufzeit des Spiels endlich. Wer es nicht glaubt, der kann sich hier anhand eines kleinen Modells vergewissern, dass und wie sich der Prozess zuspitzt, aber jedenfalls, dass er immer endet, Beschränktheit des Kapitalismus.

Damit ist es nun vorbei, doch wie geht es nun eigentlich weiter?

Negative Zinsen, wer weiß schon, wie das geht?

Wo gibt es Informationen zur anderen Hälfte der Ökonomie? Eins ist schon einmal klar: es ist nicht damit getan, einfach die Zinsen negativ zu machen. Es wäre in vielen Bereichen sogar gefährlich, trotz negativer Zinsen so weiter zu machen wie bisher. Alles Konsumierbare wird anfangs durch die negativen Zinsen billiger, das Gute wie das Schlechte. Zu nennen ist dabei insbesondere nicht-nachhaltiger Konsum, der durch die negativen Zinsen nur noch weiter verbilligt würde. Andererseits wird Menschen dadurch ein vernünftiger, nachhaltiger Konsum ermöglicht. Sie sind nicht mehr gezwungen (Massen-) Ware zu kaufen, die unter ökologisch, sozial und ethisch nicht-nachhaltigen Bedingungen hergestellt wurde.

Jedenfalls steht fest, dass die Negativzins-Ökonomie Wandlungsmöglichkeiten zugänglich macht, die bei positivem Zins nicht bestehen, denn die Kredithürde (Budgetrestriktion) verschwindet, und die Etablierten können sich nicht weiter auf ihrem in der Vergangenheit Akkumulierten „ausruhen” und werden auch nicht mehr bedingt durch ihr zinsträchtiges Kapital (ihre künstliche Kuh) alimentiert wie Säuglinge des Satans. Weil den Unternehmen und den Privathaushalten neue Möglichkeiten offen stehen, fällt ihnen in diesen Zeiten des fundamentalst möglichen Wandels eine lenkenden Funktion zu.

Damit die Selbstbestimmung in nachhaltigen Bahnen verläuft, stehen dem Staat Instrumente wie die Steuergesetzgebung zur Verfügung. Es darf gehofft werden, dass mit der Zeit wieder mehr Logik (im Sinne von Kausalität) in die lenkende Funktion der Steuergesetzgebung kommt und Steuern wirklich wieder Steuern bedeutet, dass also die Wirkung von Fehlverhalten dazu verwendet wird, die Ursache des Fehlverhaltens abzustellen. Freiheit sollte nur da bestehen, wo sie nach bestem Wissen auch sinnvoll ist, jedenfalls muss sich jeder frei und selbstbestimmt Handelnde für seine Handlungen verantworten.

Viele der neuen Freiheiten und Wandlungsmöglichkeiten liegen in einer bestimmten Richtung. Welche Richtung ist das und wer bestimmt, welche Freiheiten sinnvoll sind?

Das „Göttliche“ in Luhmanns Theorie ist der Aufbau seiner Systeme auf den Prinzipien der doppelten Kontingenz (Gleichgewicht der Bestimmung) und der autopoietischen Reproduktion (selbstbestimmter Erhalt und Fortpflanzung, Reproduktionskopplung zwischen dem Lebendigen und dem geltenden Toten bei positivem Zins), das Grundprinzip alles Lebendigen (Würde des Lebens), Exodus 3:14.

Das Begehren (das Wollen) ist nicht etwa das Böse oder Sündhafte, es nichts weniger als die das Leben treibende Kraft! Luhmann verpackt dieses Faktum in dem als unverdächtig erscheinenden Wort Erwartung, das gegenüber dem Wollen weniger gierig erscheint. Erwartung ist ein vornehmere Bezeichnung für Begehren. In Soziale Systeme, Kapitel 8 'Struktur und Zeit' liest man nach, dass doppelte Kontingenz die Anschlussbedingung bei der Ausbildung sozialer Systeme ist. Solche sozialen Systeme könnten z.B. Unternehmungen sein, Vereine, Bewegungen usw..

Abstrakter formuliert ist doppelte Kontingenz die Anschlussbedingung bei der Strukturerweiterung sozialer Systeme. Die Struktur bildet insgesamt gegenseitige Erwartungshaltungen ab, denn Verträge benennen sowohl gegenseitige Schulden (Vertragspartner schulden einander) als auch gegenseitige Forderungen, deren gegenseitige Begleichung erwartet werden darf, denn pacta sunt servanda!

Das Wort Kontingenz (das Enthaltene, Kontingenz in der Philosophie, Kontingenz in der Systemtheorie) bedeutet in etwa alles, was irgendwie möglich (bzw. was weder unmöglich) aber nicht notwendig ist.

Kein Zwang also? An der Systemgrenze zwischen positivem und negativem Zins bindet dieser Seelenstein in uns nicht mehr das lebendige Sein, indem es zu seinem Wachstum Erwartungen an das Lebendige stellt, sondern wird selbst zum Adressat der Erwartung, damit das Lebendige wächst. Der Stein spendet Leben, wenn das Vorzeichen des Zinses negativ wird. Der Zwang wird aus der Umwelt sozialer Systeme auf das System rückverschoben: das Kapital ist tot, und es ist bei negativem Zins einer permanenten Abwertung unterworfen. Der Antrieb sozialer Systeme besteht gerade darin, dass die Eigentümer gezwungen sind Leihnehmer zu finden, die weniger Zins nehmen als die Bank bzw. der gegenwärtige Vermögensverwalter bzw. Besitzer. Erzwungen wird also Kapital und nicht, wie bei positivem Zins, Arbeit, weswegen sich doppelte Kontingenz auf die mögliche, nicht (extrinsisch) notwendige Arbeit bezieht, aber vor allem auf das Ideal eines wirklich freien Marktes! Damit verhält sich Geld unter einer Negativzins-Ökonomie wie jede Art verderblicher Güter: es gammelt, rottet, schimmelt und fault, wenn es einfach nur „rumliegt”. Genau das erzeugt die doppelte Kontingenz im Sozialen.

Die langfristige Wirkung einer Negativzins-Ökonomie wird sein, dass der Zivilisationsmensch sein „zivilisatorisches Kleid” verliert, das anfangs nur ein Feigenblatt war und im Physischen mittlerweile zu Kleidungen, Wohnungen, Siedlungen, Städten, Staaten und Staatenbunden und im Psychischen zu zivilisatorischen Gewohnheiten, Denkmustern, Neurosen, Persönlichkeitsstrukturen usw. ausgebaut ist. Aus diesem versteinerten Kleid werden wir tendenziell aussteigen und uns ein Stück weit wieder in die primären Bindungen, den ewige Bund mit der Schöpfung, hinein begeben müssen, aus dem wir uns in Folge des Sündenfalls (der Entdeckung des Zinsmechanismus vor über 6.000 Jahren) herausgelöst haben. Wir werden also eine neue (uralte) Beziehung zur Umwelt (unseres Systems) entwickeln (bzw. wieder entdecken) müssen, die, wie jede Beziehung unter doppelter Kontingenz, nicht nur Freiheiten, sondern auch durch das Sein des Anderen implizite Zwänge mit sich bringt, denn Voraussetzung jedes Seins in Beziehungen (Existenz in Gemeinschaften) ist Erhalt (Subsistenz) und Fortpflanzung (Reproduktion) beider Beziehungsteilnehmer! Voraussetzung dafür ist das Wollen, man muss es wollen dem Nächsten und insbesondere der nächsten Art auf dem Baum des Lebens zu dienen, alles andere ist Zwang! Wer das nicht will, der muss sterben, wenn man voneinander abhängt, und so ist das nun mal für uns, denn wir brauchen die anderen Spezies und die Natur.

Querverweise auf 'Unwissenheitsmanagement: Kapitalismus, Intuition und Konflikt'