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17. April 2020

Von wegen bürgerliche Revolution!

Hier beschreibt Alfred Sohn-Rethel in Ökonomie und Klassenstruktur des deutschen Faschismus seine Version davon, wie die NAZIs die völkischen Schafe, die ihnen die politische Machtbasis besorgten, erst gelockt und dann ermordet haben.

YouTube ist heute voll mit Greta-Hassern und Corona-Verschwörungstheoretikern, die zum Sturz der bürgerlichen Mitte aufrufen. Doch was sind das eigentlich für Leute, und wessen Interessen verfolgen sie noch, außer ihren eigenen? Z.B. die AfD, die Deutsche Mitte, Janich, Schrang, Krall, Otte, Schulte, Friedrich und Konsorten, (eigentums) rechts-ökonomische Autoren bei rubicon, Ken-FM und anderen alternativen Medien sprechen von "Klimasozialismus", "Corona-Hysterie" und der Durchsetzung eines autoritären Kontrollsystems durch die Etablierten mit dem Ziel, den Bürger nun vollends zu versklaven - Hysterie in Reinform.

Es sei hier allen, die angesichts eines vermeintlichen Staatsstreichs der Etablierten unter Ausnutzung oder vermeintlicher Inszenierung der Corona-Pandemie von einer bürgerlichen Revolution gegen das etablierte System träumen, gesagt: auch damals wurden die NAZIs insbesondere vom Finanzkapital vor den Volkskarren gespannt und gaukelten den braunen Massen antikapitalistische und soziale Ambitionen vor!

Was sind das bloß für bemitleidenswerte Menschen, die auch heute wieder den ehemaligen Finanzeliten auf die Leimrute gehen?

Von der Demagogie der NAZIs und ihren Verflechtungen mit dem Finanz- und Industriekapital damals schreibt Alfred Sohn-Rethel in "Ökonomie und Klassenstruktur des deutschen Faschismus" 1973 als Beobachter des Mitteleuropäischen Wirtschaftstages, bei dem er von 1931-1935 Mitglied war.

Der unten zitierte Ausschnitt ist nicht repräsentativ für den Inhalt des gesamten Buches, enthält jedoch ganz klar die Aussage, dass die NAZIs nur Fassade waren und von Anfang an das Volk, das Fußvolk und ihre politische Basis täuschten. Man erkennt in dem Text die soziale Gruppe, die heute der "völkische Flügel" der AfD ist und der antikapitalistische Ambitionen hat. Damals waren es die Fußsoldaten der SA, die beim Röhm-Putsch am 30. Juni 1934 in der "Nacht der langen Messer" zum Schweigen gebracht wurden, heute sind es die Gruppen, die früher zu REP, DVU, NPD gehörten: der III. Weg, die Identitären, die RECHTE und die Völkischen der AfD unter der Führung Höckes.

Der Konflikt dieser völkischen Gruppen mit dem ökonomischen Teil der AfD bildet die innere Paradoxie und Spaltung der AfD, also ihre Achillesverse. Wenn man die AfD zerstören will, dann muss man den Völkischen nur erklären, was Zinsen mit dem Kapitalismus zu tun haben. Sie stellen dann fest, dass Weidel, Meuthen & Co Kapitalisten sind und mit den Zielen der Völkischen unvereinbare Zielsetzungen haben.

Mit der gleichen Methode kann man auch die Union kaputt machen, denn Jesus schlägt in Lukas 6:[27-35] eindeutig negative Zinsen vor, ob das Schäuble passt oder nicht! Schließlich muss auch die FDP die Wahrheit fürchten, denn Jesus hat mit seinem Wort die tiefgründigste Definition des Liberalismus abgegeben.

Es ist nicht allein eine Frage des Glaubens, ob das Himmelreich real wird! Sein Werden und Kommen beschreibt Marx in seinem Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate. Wer es nicht glaubt, den zwingt der Zins ans Kreuz, und auch so erreicht der ungläubige Erbsündige das Jenseits!

Ich empfehle in jedem Fall das Studium der Kapitel 10 und 11 in diesem Dokument!

Alfred Sohn-Rethels Version vom Röhm-Putsch

Die Geschichte des 30. Juni 1934

Das Datum, an dem die Geschichte des nationalsozialistischen Brudermordes anhebt, ist der 2. Februar 1934. Bis dahin hatte Hitler noch nicht den Fuß in das Reichswehrministerium in der Bendlerstraße [Bendlerblock] gesetzt. An diesem Tage trat er nun der versammelten militärischen Führung gegenüber, jener von ihm ehrfürchtig geachteten Macht, in deren Dienst er einst vor vierzehn Jahren als Spitzel für den Hauptmann Ernst Röhm in München seine Karriere begonnen hatte. Jetzt, seit einem Jahre Reichskanzler, war er vor die vereinigte Generalität und Admiralität geladen worden, um sich über seine politischen Intentionen zu erklären. Der Tag entschied über Festigung oder Sturz seines Regimes. Hitler bestand die Probe. Als er um elf Uhr vormittags den Saal betrat, empfingen ihn kalte Förmlichkeit und mißtrauische Zurückhaltung, als er ihn nach knapp zwei Stunden verließ, dröhnte der Raum von einer begeisterten Ovation. Hitler hatte die Militärs erobert. Aber welchen Preis hatte er dafür zu bezahlen? Der Preis war vorerst noch ein bloßes Versprechen, die Erfüllung erfolgte am 30. Juni.

Zum Verständnis der Zusammenhänge müssen wir ein wenig ausholen. Dreieinhalb Monate vor der erwähnten geheimen Sitzung in der Bendlerstraße, am 14. Oktober 1933, hatte Deutschland seinen Austritt aus dem Völkerbund erklärt und die Abrüstungskonferenz verlassen. Die ausländischen Mächte hatten es geschehen lassen. Man war daher die Schranken und Militärkontrollen losgeworden, die bis dahin eine deutsche Aufrüstung im großen, d. h. den wirklichen Zweck und Inhalt der Machtübernahme Hitlers, noch verhindert hatten. Gleich danach machte sich die Reichswehrleitung an die konkrete Ausarbeitung des Aufrüstungsprogramms, und im Januar einigten sich die Stäbe auf ein Gesamtprogramm im Kostenausmaß von 21 Milliarden RM, verteilt über fünf Jahre.

Damit wurde auch die politische Frage akut, wer Herr über die aufzubauende Kriegsmacht im neuen Staat sein würde: die angestammte Militärkaste der Reichswehr oder die neuen Parteimilizen der Nazis? Für die Reichswehrleitung freilich war dies keine »Frage«; sie hatte das Hitler-Regime zum großen Teil »gemacht«, von ihrer Duldung hing sein Fortbestand ab, und die Anerkennung ihrer Souveränität in militärischen Belangen war für sie die Grundbedingung für die Anerkennung der politischen Amtsstellung Hitlers. Und so wie die Reichswehr dachten auch das hinter ihr stehende Finanzkapital, die Großindustrie und die Großlandwirtschaft. Für weite Teile des Volkes jedoch, für die demagogisch aufgewühlte Anhängerschaft der Nazis und vor allem für die Massen der Partei und der SA selbst, erschienen die Dinge in einem anderen Licht. Ihnen war nicht gesagt worden, daß die Hitler-Regierung von dem Monopolkapital, der Reichswehr und den Junkern in die Macht gehoben und geschoben worden war, daß Partei und SA bloß als Massenvorspann und Schutzgarde für deren Herrschaft zu dienen bestimmt waren. Den Nazimassen wurde täglich das Lied von der »Machteroberung« und von der nationalen »Revolution« vorposaunt, so daß sie wirklich glaubten, sie hätten sich die Macht ertrotzt und brauchten jetzt nur die Hände auszustrecken, um sich in »ihrem« Staat alle Positionen anzueignen, die gut und teuer waren. Nicht in der SS, wohl aber in der SA war ein starker, obgleich verworrener und irregeführter revolutionärer Drang wirksam, gerichtet gegen die großkapitalistischen Interessen, die in der Reichswehr ihre Schutzmacht hatten. Und was die Leute der SA-Spitze betraf, den alten Hauptmann a. D. Röhm, den Dortmunder Bäckergesellen Ernst, den Breslauer Fememörder Heines [Liste von Fememord-Opfern in Deutschland während der frühen Zwischenkriegszeit] und alle die anderen SA-Führer ähnlichen Kalibers, so baute sich ihre ganze Hoffnung darauf, daß sie bald von ihrem »Osaf« in die höchsten Wehrmachtstellungen erhoben werden würden, daß ihr Stabschef Röhm das Reichswehrministerium übernehmen und die SA den Grundstock des großen neuen deutschen Heeres bilden werde. Es gab für sie allerlei Gründe, solche Erwartungen zu hegen.

Im Frühjahr und Sommer 1933 hatten Hitler und Röhm die SA bis zu einer numerischen Stärke von 3 Millionen Mann aufgebläht, und dies nicht bloß zur Zerschlagung der Opposition im Innern; der Hauptzweck war, wie schon oben ausgeführt, nach außen gerichtet. Aber gerade für diesen Außenzweck mußte die Scheinmacht der braunen Armee vor dem Ausland als fanatisiertes »Volk in Waffen« präsentiert werden. Dazu gehörte, wenn der Trick gelingen sollte, ein übertriebener Militärdrill bei der SA, Tag- und Nachtübungen, Aufmärsche in allen Landesteilen, besonders den Grenzgebieten, also ein Gebaren, dessen Täuschungsabsichten die SA selbst zu allererst zum Opfer fiel. Sie mußte vom Ernst ihres Kriegspielens überzeugt sein, bevor sie das Ausland daran glauben machen konnte.

Schon im Herbst 1933 hatten sich die Gegensätze zwischen Reichswehr und Partei so zugespitzt, daß der französische Botschafter François-Poncet nach dem 14. Oktober an seine Regierung berichtete, es sei nicht nötig, etwas zu unternehmen, das Regime werde nur noch wenige Wochen fortbestehen. Daran war soviel richtig, daß das Hitler-Regime sich in den Augen der Reichswehr noch im Versuchsstadium befand. Und sie war auch entschlossen, eher das Regime wieder zu beseitigen, als die Substanz ihrer Autorität an die Partei auszuliefern. In den Reihen der Partei und besonders der SA aber wuchs die Ungeduld. Mißtrauen machte sich breit, ob es mit der »nationalsozialistischen Revolution« ernst gemeint sei. Die SA-Leute begannen »Betrug« zu wittern. Ihre Forderung ging auf die »zweite Revolution«, das hieß: die Revolution gegen rechts, nachdem die erste Revolution mit der sozialistischen Arbeiterbewegung, den »Marxisten«, aufgeräumt hatte. Seit Juni 1933 war diese Forderung laut geworden, und sie hatte die wahren inneren Widersprüche des faschistischen Regimes immer tiefer aufgerissen. Die SA sah insbesondere in der Reichswehr den »Fels der Reaktion«. Nicht nur für ihren Stabschef Röhm und die höheren Führer, für jeden halbwegs intelligenten SA-Mann war es offenbar, daß der Nationalsozialismus so lange nur eine Scheinmacht im Staat innehatte, als man nicht die Reichswehr in die Hand bekam. Röhm sollte Reichswehrminister werden: dann würde er schon dafür sorgen, daß seine SA-Ränge die guten Posten im Heer bekämen und daß die Stürme der »alten Kämpfer« in geschlossener Formation in die Armee übernommen würden. Eben dagegen aber sperrte sich die Reichswehr. Hitlers Haltung war bewußt zweideutig gemäß der Verschlagenheit, die einen Hauptzug seines Charakters bildete. Im August hatte er erklärt, das Militär sei der alleinige Waffenträger im Staat, im September gab er neue Zusicherungen an die SA. Er durfte sich die Massen nicht entfremden, deren blinde Gefolgschaft ihn den reaktionären Mächten teuer machte. Dieselbe Erwägung zwang aber auch die Reichswehr zu vorsichtigem Lavieren, da sie sich ihrer Abhängigkeit von einer politischen Massenbasis wohl bewußt war. Diese Schwäche gab Röhm beiden, Hitler und der Reichswehr, gegenüber seine Chance. Nach härtesten Bemühungen und zwei Monate später als geplant gelang es Röhm im Dezember, die »Gruß-Verordnung« durchzusetzen, wonach die SA-Ränge entsprechenden Reichswehr-Rängen gleichgeordnet und beide Teile zur gegenseitigen Ehrenbezeigung verpflichtet wurden. Leute wie Heines und Ernst waren damit dem Range nach Kommandierenden Generälen gleichgestellt. Die Erbitterung in der Bendlerstraße über diese Demütigung kann man sich leicht vorstellen. Zähneknirschend wurde der Befehl befolgt. Tatsächlich war er auch die äußerste Grenze von »Erfolg«, die Röhm je erreichte. Er hatte den Bogen sogar schon überspannt und mußte sich zur Besänftigung der Reichswehr für zwei Monate auf Urlaub schicken lassen, außer Landes, nach Capri und Jugoslawien. In der Bendlerstraße schwor man sich, er werde nicht wiederkommen. Die Militärs drängten auf Entscheidung. Die im Januar erfolgende Budgetierung der Aufrüstung machte die Klärung der Machtverhältnisse im Staat unaufschiebbar. So kam es zur Sitzung vom 2. Februar, in der Hitler Farbe bekennen und vor den Versammelten ein klares Ja oder Nein abgeben sollte. Übrigens wurde sie für streng geheim erklärt, und zwar nicht so sehr dem Ausland gegenüber als aus innenpolitischen Rücksichten, und der Geheimcharakter wurde bemerkenswert gut bewahrt.

Um halb elf waren die gesamten Spitzen der Reichswehr im großen Saal der Bendlerstraße versammelt. Der Raum war von Offizieren in Generals- oder Admiralsuniformen gefüllt. Eisiges Schweigen und Zurückhaltung traten ein, als Hitler Punkt elf erschien. Vor einer Versammlung solcher Art und von solch kühler Haltung hatte er noch nie gesprochen. In knapper, geschäftsmäßiger Manier, ohne allen seinen üblichen Gestus, schritt er zum Podium, fixierte nur in Kürze die gespannte Zuhörerschaft und begann, entgegen seinen Gepflogenheiten, strikt zur Sache zu sprechen. Nichts von den »14 Jahren der Schmach und der Schande«, sondern mit ruhiger Stimme geradenwegs aufs Ziel: »Meine Herren, Sie haben der Reichsregierung ein Gesamtprogramm der geplanten Aufrüstung im Kostenanschlag von 21 Milliarden Reichsmark unterbreitet. Ich habe Ihnen dazu zu erklären, daß ich als verantwortliches Haupt der Regierung einem Rüstungsprogramm dieses Ausmaßes meine Zustimmung nicht gewähren kann.« Pause — während der die Temperatur des Schweigens im Saal unter den Nullpunkt sank. Und dann im Stil des steilsten Hitlerschen Crescendos: »Meine Herren, ich kann einem Rüstungsprogramm nur meine Zustimmung gewähren, das sich auf mindestens 35 Milliarden Reichsmark beläuft!« Das brach den Bann, er schlug spontan in jubelnde Erregung um. Die Erregung stieg weiterhin zur Begeisterung, und als Hitler um 12 Uhr den Saal verließ, war sie zur Ovation angeschwollen.

Hitler hatte die Reichswehr erobert. Denn das Maximum an Aufrüstung — es wurde in der Folge auf 33 Milliarden RM, verteilt über sechs Jahre, budgetiert — war keineswegs alles, was er den Militärs versprach. Mit Nachdruck wiederholte er die im August gegebene Versicherung von der Reichswehr als dem alleinigen Waffenträger im Staat. Er erklärte, niemals werde er Übergriffe der Partei in die Hoheitssphäre des Militärs dulden. Die unversehrbare Souveränität der Reichswehr, insbesondere in Fragen der Personalpolitik und Beförderung, sei oberster Grundsatz für ihn.

Und dann folgte das verhängnisvolle Versprechen. Hitler verpflichtete sich zum radikalen Abbau der SA bis auf das zu innenpolitischen Zwecken erforderliche Mindestmaß. (Hier natürlich lag der Grund für die sorgsame Geheimhaltung der Veranstaltung, und warum sie von allen Beteiligten so wirksam gehütet worden ist.) Dagegen stellte Hitler nur eine Forderung. Er verlangte Vertrauen, und er bat deshalb, daß ihm für die Erfüllung dieses Versprechens freie Hand und die nötige Zeit gelassen werde.

In den nächsten zwei Monaten, Februar und März, geschah indessen nichts, woraus man auf die Existenz dieses Versprechens hätte schließen können. Im Gegenteil. Die bevorstehende Saarabstimmung sowie die Propaganda und Mobilisierung aller Parteikräfte, die ihr vorausgingen, hatten die Stimmung in der SA und SS auf einen neuen Höhepunkt getrieben. Dazu kam am 12. Februar der Ausbruch der Verzweiflungsschlacht des Wiener Proletariats gegen den Dollfuß-Faschismus. Den österreichischen Naziorganisationen war Neutralität befohlen worden, aber manche der proletarischen Gruppen unter ihnen kämpften Seite an Seite mit den Arbeitern. Selbst die offizielle Nazipresse in Deutschland, u. a. der Angriff, mußte der plötzlich aufleuchtenden revolutionären Hoffnung Ausdruck geben. Wenn mein Gedächtnis mich nicht trügt, war es um diese Zeit, daß das Schlagwort von der »zweiten Revolution« in der SA allgemein aufkam. Zudem war nun auch Röhm aus dem Urlaub zurückgekehrt, und die Erwartung, daß er in unmittelbarer Zukunft das Reichswehrministerium übernehmen werde, wurde mit der Gewißheit eines »öffentlichen Geheimnisses« kolportiert. Die Reichswehr beschlich von neuem Unruhe. Ende März trat man an Hitler heran, mit aller gebührenden Rücksicht auf seine Schwierigkeiten, aber ihn doch an sein Versprechen vom 2. Februar gemahnend. Der Gedanke, den Abbau der SA durch einen allgemeinen Urlaub für sie strategisch zu verschleiern, tauchte auf. Im April ging man einen Schritt weiter. Irgend jemand in der Admiralität hatte den erstaunlichen Einfall, eines der alten Prachtstücke aus der ehemaligen kaiserlichen Flottentradition wieder hervorzuholen und dem »Führer« als ganz besondere Ovation darzubringen: eine Nordland-Fahrt zur See wurde für Hitler arrangiert. Der eigentliche Zweck war allerdings, ihn einmal für eine volle Woche von seiner Nazi-Umgebung zu entfernen und in alleiniger Gesellschaft von Admiral Raeder und Generaloberst v. Blomberg ausgiebig zu bearbeiten. Die Mühe schien von Erfolg gekrönt. Hitler wurde dazu gebracht, den Urlaubsplan endgültig zu akzeptieren und sich auf den 1. Juli als Datum festzulegen. Der Urlaub sollte mindestens einen Monat dauern, und nur ein Bruchteil der SA — ein Zehntel war die damals genannte Größenordnung — sollte in kunstvoll gestaffelter Folge zu den Formationen zurückkehren. Mit Ausnahme des letztgenannten Details wurde der Plan sorgsam herumgesprochen.

Jetzt zum ersten Male stieg in Röhm ernsthafter Verdacht auf, aber nur zögernd und immer noch ungläubig, daß sein angebeteter Führer ein solcher Schuft sein sollte. Röhm war bekanntlich der einzige Duzfreund, den Hitler je gehabt hat, und diesem gänzlich ergeben. Er gehörte zu den Romantikern des Nationalsozialismus und glaubte an die Volks- und Staatserneuerung, die Hitler heraufbringen würde, um so wörtlicher als er, der Pate der Hitlerschen Karriere, sich auch für deren Mission mit verantwortlich fühlte. Ein Ausverkauf der SA an die Reichswehr war für ihn Verrat an den heiligsten gemeinsamen Idealen. Doch der Verdacht verdichtete sich so unabweisbar, daß er es nicht mehr ertrug, stillzuhalten. Er bat Hitler um eine Audienz. Hitler entschuldigte sich mit Überlastung. Röhm wartete eine Woche und schrieb wieder. Hitler gebrauchte abermals eine Ausrede. Mit dieser Bestätigung seiner schwärzesten Befürchtungen gab es für Röhm kein Halten mehr.

Eines Abends, in den ersten Tagen des Juni, um zehn Uhr begab er sich unangemeldet zur Reichskanzlei, stürmte die Treppen hinauf, stieß die SS-Wachen beiseite und erzwang sich den Zutritt zu Hitlers Arbeitszimmer. Und nun begann der Eklat, von dem später Hitler in seiner Rechtfertigungsrede vor dem Reichstag am 13. Juli in dem Sinn berichtete, als sei er es gewesen, der Röhm vor sich zitiert und ihm Moral gepredigt habe, mit Vorhaltungen, daß Röhm mit seiner Unzucht die SA vergifte. Die Kenntnis der wirklichen Vorgänge habe ich von einem Freund des Mannes, zu dem Röhm nach 3 Uhr morgens, direkt von Hitler kommend, als vollständig gebrochener Mann gegangen ist und dem er schluchzend von jeder Einzelheit des Geschehenen berichtet hat. Demnach haben Röhm und Hitler fünf Stunden lang aufeinander eingeschrien, sich die unflätigsten Beschimpfungen an den Kopf werfend, Röhm immerfort gegen Hitler im Angriff, ihn zeitweise um den Tisch herumjagend, Tatsachen zitierend, Erinnerungen beschwörend, ihn beim Worte zu packen suchend, bis es ihm zu guter Letzt gelungen sei, Hitler so in die Enge zu treiben, daß er alles widerrief und zu jeder Versicherung bereit schien. Das war für Röhm der Augenblick, zwei sorgfältig vorbereitete Verfügungen aus der Tasche zu ziehen und vor Hitler hinzulegen. »Hier, unterschreib!« Darin wurde in unzweideutiger Sprache erklärt, daß kein Wort Wahrheit an den Gerüchten von einem beabsichtigten Abbau der SA sei und daß die SA nach ihrem Urlaub im August vollzählig wieder zurückkommen werde. Die eine Verfügung lautete auf Hitler als »Osaf«, die andere auf ihn als Reichskanzler. Hitler aber weigerte sich zu unterschreiben, versuchte mit allen Mitteln, sich aus der Schlinge zu ziehen, Röhm machte Anlauf nach Anlauf, aber die Unterschrift erzwang er nicht. Er ging fort, ein geschlagener Mann.

Die beiden Verfügungen erschienen am nächsten Morgen im Fettdruck in den Zeitungen, nicht mit Hitlers, aber mit Röhms eigener Unterschrift. Auch so noch wirkten sie wie ein Donnerschlag. In der Bendlerstraße aber waren sie das Alarmsignal. Die Lage war ernst. Die Generalität beschloß zu handeln.

Die Gelegenheit wurde wiederum von der Admiralität geliefert. Zur ferneren Erhöhung alten Glanzes hatte diese die Erneuerung eines weiteren kaiserlichen Traditionsstücks, nämlich der Kieler Regatta, für Anfang Juni angeordnet. Um den Schein nach außen zu wahren, wurde Hitler eingeladen, nach Art des Kaisers die feierliche Eröffnung vorzunehmen. Und so geschah es auch — den Zeitungsberichten zufolge. Was in Wirklichkeit geschah, konnten sie nicht melden, weil sie es nicht wußten. Als Hitler an Bord des Kreuzers ging und den Raum betrat, in dem der Empfang stattfinden sollte, befand er sich unvermutet den Stäben des Heeres und der Admiralität gegenüber. Kein Wort der Begrüßung. Statt dessen erhob sich General von Fritsch, der Chef der Heeresleitung, und verlas von einem Blatt Papier eine kurze Erklärung. Es war ein Ultimatum, in dem mit dürren Worten gesagt war, daß, wenn Hitler sich an seine eingegangenen Verpflichtungen nicht halten wolle, die Reichsgeschäfte auch ohne ihn geführt werden könnten. Daß die Erklärung so gemeint war, wie sie lautete, wurde bald darauf bewiesen. In der Aula der Marburger Universität hielt am 14. Juni von Papen, damals noch Vizekanzler, jene damals zu Recht als sensationell gewertete Rede gegen die Gefahren einer »zweiten Revolution«. Darin war für jeden, der zu hören verstand, gesagt, daß vor einer Alternative, entweder eine zweite Revolution zu haben oder ohne den Nationalsozialismus zu regieren, die Entscheidung nur im letzteren Sinne ausfallen könne. Der Zweck dieser Rede war, die Öffentlichkeit auf große Ereignisse vorzubereiten. Hitler war in diesen Tagen zu einem bombastischen »Führer«-Besuch beim »Duce« in Venedig. So saß denn Hitler, dieser »gewaltige Staatsmann« und »Größte aller Deutschen« in der Mausefalle. Es blieb keine andere »Lösung« für ihn übrig als die, die am 30. Juni zum Vollzug kam. Rudolf Heß wurde beauftragt, mit Himmler und Heydrich die Einzelheiten festzulegen. Aber Heß kannte seinen »Führer« auch, und er bestand mit Himmler und Heydrich darauf, daß Hitler die Henkersrolle selbst übernehmen müsse. Auch Goebbels und Göring wurden hinzugezogen. Noch gab es freilich eine Schwierigkeit. Die SA-Gruppen- und Obergruppenführer mußten bei Röhm in Wiessee versammelt werden, damit die Legende von der SA-Verschwörung glaubhaft gemacht werden könne, auf die Heß verfallen war. Aber Röhm war zu ihrer Zusammenrufung nicht zu bewegen. Hitler ging nach dessen zweimaliger Weigerung so weit, ihm als sein Vorgesetzter den ausdrücklichen Befehl zu geben, die Führung auf den 30. Juni zur Entgegennahme einer persönlichen Erklärung Hitlers nach Wiessee zu beordern. Röhm war auf der Hut. Er entschuldigte sich damit, daß er mit schweren Leberblutungen zu Bett liege und sich nicht rühren könne. So mußten zum Schluß die Opfer nach Wiessee gebracht werden durch Telegramme, die unterzeichnet waren: »Befehl des Führers - i. A. Rudolf Heß

Dieses enthüllende Detail bekam ich von einem Augenzeugen, einem gewissen Franz Stiller, der in unserem Büro ein- und ausging. Er hatte sich auf Wunsch seines Vetters, Peter von Heydebreck, SA-Gruppenführer in Pommern, ihn auf der Durchreise nach München (bzw. Wiessee) am Anhalter Bahnhof persönlicher Nachrichten wegen zu treffen, dorthin begeben und sah zu seinem Erstaunen in dem Zuge und auf dem Bahnsteig noch andere Gruppenführer. Stiller drang in seinen Vetter, was denn da los sei. Heydebreck bekannte, daß weder er noch eine der anderen hohen Chargen den Grund ihrer Ortsveränderung wüßten, und zog aus der Tasche das Telegramm, das er Stiller zu lesen gab.

So war denn die Szene für das Morden vorbereitet. Um die Opfer in Sicherheit zu wiegen, ging Hitler auf eine Inspektionsreise von Arbeitsdienstlagern in Westdeutschland, war Trauzeuge bei der Hochzeit von Gauleiter Terboven in Essen, ließ sich mit Krupp vor der Villa Hügel photographieren und wahrte in jeder Hinsicht den Anschein friedfertiger Harmlosigkeit. Das war um so nötiger, als die Reichswehr und die SS bereits am 25. Juni in Alarmzustand versetzt worden waren. Am Abend des 29. Juni stießen Goebbels, Otto Dietrich und Lutze, der designierte Nachfolger Röhms, von Berlin kommend in Godesberg zu Hitler mit seiner Gruppe, um zwei Uhr in der Frühe flogen sie nach München ab. Dort fanden im Innenministerium um fünf Uhr die ersten Verhaftungen statt, dann ging es in langer Kolonne von SS-Wagen nach Wiessee. Die Verhaftungen erfolgten ohne Widerstand, die Betroffenen lagen ahnungslos in den Betten. Weder hier noch in München noch irgendwo anders im Reich war eine Spur der SA-Revolte, mit der Hitler später den Massenmord zu rechtfertigen suchte, zu bemerken gewesen.

Die Verhafteten wurden ins Zuchthaus Stadelheim bei München gebracht, und sofort wurde dort in Anwesenheit Hitlers mit den Erschießungen begonnen, ohne Verhör, ohne Anklage sogar. Röhm selbst wurde ein Revolver in die Zelle gelegt, als besondere Gnade, damit er sich selbst erschießen dürfe. Entrüstet lehnte Röhm ab. »Wenn Adolf mein Leben will, soll das Schwein mich selbst erschießen!« brüllte er. Danach schoß das Kommando so lange in die Zelle hinein, bis Röhm tot in seinem Blute lag. Erschießungen erfolgten an diesem Tage im Hof von Stadelheim. Gleichzeitig wütete der Mord in Berlin in der Kadettenanstalt Lichterfelde. Über das ganze Land hinweg hielten die Parteiführer ihre Privatabrechnungen, »erweiterten sie ihre Aufgabe«, wie Göring es nachher nannte. Der Mord hatte freie Bahn, niemand wurde zur Rechenschaft gezogen, niemand wußte auch für lange Zeit, wie viele Opfer der Blutrausch gekostet hatte. Eine ganze Weile gingen die Erschießungen und Meuchelmorde weiter, wurden Leichen in Wäldern in der Umgebung der Städte gefunden. Auch Hitler wurde über die volle Zahl im unklaren gehalten. Jeder Besucher, der ihn zu sehen kam, wurde von Heß und Brückner der genauesten Zensur unterzogen, was er sagen dürfe und was nicht. Aber im Oktober ereignete sich ein »Unfall«, als Hitler einen deutschen Diplomaten (Botschafter von Mackensen) unerwartet nach dem Ergehen eines alten Parteifreundes fragte und der Besucher ihm stammelnd zu verstehen gab, daß der Betreffende unter den Erschossenen sei. Erst das wurde für Hitler zum Anlaß, von Heß die Liste der Opfer zu verlangen. Die Liste hatte Heydrich, und der weigerte sich, sie herauszurücken. Es kam zu einer Krise in der Gestapo, der Heydrich zum Opfer gefallen wäre, hätte er sich nicht so gut gesichert gehabt. Er mußte im November für eine Woche auf Urlaub gehen, bevor es Heß gelang, die Liste für Hitler zu erhalten. Sie enthielt rund 2800 Namen [Es waren weitaus weniger: Liste der im Zuge des sogenannten Röhm-Putsches getöteten Personen]. Eine der feigsten und verächtlichsten Handlungen in Hitlers Leben war ohne Zweifel der Versuch, sich nach dem Mord zum Sittenrichter über die Opfer aufzuwerfen und Kübel von Unrat über die Leichen auszuleeren. Die Homosexualität und Völlerei im Kreise Röhms waren in ganz Deutschland bekannt, und selbstverständlich auch Hitler, seit Jahren schon. Im Mai 1927 hatte er in München vor Hunderten von SA-Leuten ausgerufen: »Die Clique vom ›Bratwurstglöckl‹ sind alle Hundertfünfundsiebziger: Heines, Röhm, Zentner, und wie sie alle heißen.« Aber bis zum 30. Juni 1934 hatte er so wenig Anstoß daran genommen, daß er die Ernennung von Heines zum Polizeipräsidenten von Breslau billigte. Unter den Erschießungen hatte die des Generals von Schleicher und seiner Frau besonderes Aufsehen hervorgerufen. Der Befehl ging auf Göring zurück, der sich freilich seinerseits auf Hitler berief. Beide hatten Grund zur Gegnerschaft mit dem »politischen General«, unter anderem wegen dessen Versuch, im Dezember 1932 die NSDAP zu spalten, unter Benutzung Gregor Strassers, der ebenfalls am 30. Juni ermordet wurde. Den unmittelbaren Anlaß aber bildete eine Regierungsliste, die Schleicher in Umlauf brachte, mit ihm selbst als Vizekanzler unter Hitler, mit Röhm als Reichswehrminister und Gregor Strasser als Reichswirtschaftsminister. Sie war ohne Mitwissen von Röhm und Strasser aufgestellt worden. Auch wagte Hitler nicht, diese Liste unter seine Anklagepunkte vor der Öffentlichkeit einzureihen. Statt dessen beschuldigte er Schleicher landesverräterischer Umtriebe mit François-Poncet, mit dem jener und Röhm sich in geheimer Begegnung getroffen hätten. In Wahrheit war diese Begegnung so wenig geheim, daß Hitler selbst dazu eingeladen worden war, sich aber entschuldigt hatte.

Querverweise auf 'Von wegen bürgerliche Revolution!'