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02. Dezember 2020

Beantwortung einiger zentraler Fragen

Ich beantworte Kommentare zu meinem aktuellen Video.

In diesem „Talk“ mit dem Untertitel „Systemtheorie in einer Nussschale“ gebe ich einen Überblick über die vorläufig wichtigsten Ergebnisse meiner Forschung zu den Auswirkungen positiver und negativer Zins[+]sätze.

Hey, sehr spannendes Video, vielen Dank für deine Arbeit. Habe ein paar Fragen.
Ich bedanke mich für das Kompliment. Ich werde die Fragen ausführlich beantworten. Wenn Sie mir per E-Mail Ihre Adresse mitteilen, dann schicke ich Ihnen mein Buch über die zwei komplementären Zins[+]mechanismen. Meine E-Mail-Adresse finden Sie im Impressum meiner Internetseite. Es bringt Ihnen ja dauerhaft nichts, wenn ich Ihnen die Antworten gebe. Sie sollen sich Ihre Fragen selbst beantworten können.

Was passiert denn mit Aktien und Unternehmensbeteiligungen im Negativzinsumfeld?

Das ist eine sehr große Frage, über die man wahrscheinlich eine ganze oder gar mehrere Doktorarbeiten schreiben könnte. Man muss zunächst unterscheiden, ob es sich um realwirtschaftliche oder um finanz- und übrige leihwirtschaftliche Unternehmungen handelt (Unterscheidung von Realwirtschaft, Leih- bzw. „Nominal“-Wirtschaft hier). Die Leihwirtschaft ist der Handel mit Verfügungsrechten[+].

Unterscheidung nach Zugehörigkeit zu Bereichen der Wirtschaft

Die Gewinne von Finanzunternehmen hängen bei positivem Zins[+] an der Differenz von Aktiv- und Passivgeschäft[+], die beide vom Zins[+]niveau beeinflusst werden (Zinsspanne[+], oder -marge). Im Moment erleben wir, dass sich Banken[+] wegen der negativen Einlagefazilität[+] aufgrund der privaten Konkurrenz (Smava, Auxmoney, etc.) immer stärker aus Gebühren finanzieren müssen und nicht mehr aus dem Aktivgeschäft[+], das aufgrund der Konkurrenz sinkende Einnahmen zu verzeichnen hat.

Kauft man Aktien von Immobilienvermietungskonzernen („Leihwirtschaft” nenne ich diesen Teil der Wirtschaft, z.B. Deutsche Wohnen oder Vonovia, Handel mit Verfügungsrechten[+] an Wohnraum), dann hängt der Gewinn an der Entwicklung der Mietzinsen[+], und auch die ist indirekt vom Zins[+]niveau im Währungsraum abhängig, allerdings auf sehr viel komplexere Art und Weise als die Geldmarktzinsen. Ich erwarte z.B., dass der Zuzug aus ländlichen Regionen in die Ballungszentren und damit die Nachfrage nach Mietwohnraum nachlassen und sich sogar umkehren wird, wodurch erst die Mietzinsen[+] und dann die entsprechenden Dividende[+]n sinken werden (Eintrag vom 13.07.2019).

Zins als Handlungsfilter und Bedeutung des Mindestreservesatzes für das Vorzeichen der Inflation und den Währungswert

Generell gilt für alle realwirtschaftlichen Unternehmungen, dass sie steigender Nachfrage gegenüber stehen, denn der Negativzins begünstigt die Ausgabe und bestraft die Vorratshaltung von Geld. Es werden bei der Frage der Investition alle Anlageformen interessant sein, deren Rendite oberhalb des Zins[+]niveaus liegt. Generell bildet die Höhe der Zinsen[+] eine Art „Handlungsfilter”. Unter einer Negativzins-Ökonomie[+] werden Geschäftsmodelle existieren können, die im klassischen Sinn nicht „wirtschaftlich” sind, z.B. gemeinnützige Unternehmungen (Schumpeter[+] in Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung[+] zur Bedeutung des Zinses[+], Eintrag vom 21.03.2019).

Bei Baukonzernen, die ich zur Realwirtschaft zähle, wird man einen regelrechten „Boom” erleben, weil Wohnkonzerne billig an Geld kommen und die derzeit immer noch steigende, doch irgendwann nachlassende Nachfrage bedienen wollen, wodurch die Mieten sinken, aber die Löhne in der Baubranche und im angeschlossenen Handwerk steigen. Die Tendenz beim Wohnen wird in Richtung Eigentum[+] gehen, die Wohneigentumsquote[+] wird steigen.

Bei global vernetzten, realwirtschaftlichen und börsennotierten Unternehmungen, die über den Bezug von Rohstoffen und beim Absatz am Weltmarkt hängen, muss auf die Entwicklung des Währungsverhältnisses (Devisen) geblickt werden. Die Frage, ob und wie stark der € unter einer Negativzins-Ökonomie[+] abwertet, hängt relativ empfindlich an der Höhe des Mindestreservesatzes[+] und dem Zins[+]niveau.

In einem Vollreservesystem[+] (quasi 100% Mindestreserve[+]) erwarte ich eine nicht allzu starke, allerdings vom Zins[+]niveau abhängige Abwertung, da die Geldmenge insgesamt nicht mehr wächst und stattdessen nur von Gläubigern zu Schuldnern, von Guthaben zu Schulden umverteilt wird. Die Geldmenge wird also schrumpfen, der € verknappt. Andererseits will ja niemand einen „Gammel-€” halten, daher wird der € zu einer reinen Tauschwährung und, im Vergleich mit positiv-zinslichen Währungen, vorzugsweise nicht für die Wertaufbewahrung herangezogen werden, wodurch der € abwerten muss. Im Währungsraum erwarte ich in einem solchen Finanzsystem eine negative Inflation infolge sinkender Kapitalkostenanteile in den Preisen (Berechnung des Kapitalkostenanteils hier).

Belässt man es jedoch bei einem Mindestreservesystem[+], dann wird bei der Kreditvergabe weiter Geld „aus dem Nichts” geschöpft, doch verbleibt dann ein Teil des Kreditvolumens, der Negativzins bei Anleihe[+], Obligation[+], Kredit oder Darlehen, auf der Seite der Leihnehmer. Da insgesamt die Geldmenge weiter wächst, die Wachstumsquelle nun allerdings auf der Seite der Leihnehmer liegt, erwarte ich eher eine positive als eine negative Inflation, was Guthaben weiter entwerten wird. Solange es jedoch Inflation gibt, wird man weiter Anpassungen von nominal feststehenden Einkommen sehen (Arbeitskampf und Rentenanpassungen) mit entsprechenden Folgen für die Unternehmensbilanz beim Arbeitskampf. Die Abwertung des € wird in einem Mindestreservesystem[+] bei negativem Zins[+] sehr viel stärker sein als bei einem Vollreservesystem[+].

Makroökonomische Auswirkungen einer Negativzins-Ökonomie[+]. Herleitung der unsichtbaren Hand, der Beeinflussung des Marktgleichgewichts und der Preisbildung[+] aufgrund des Zinses[+].

Konjunktur, Konkurrenz, Evolution und Fortschritt unter einer Negativzins-Ökonomie

Die langfristige Entwicklung der wirtschaftlichen Prozesse ist unter einer Negativzins-Ökonomie[+] sehr viel schwieriger vorherzusehen als unter einer kapitalistischen. Ich erwarte keine oder nur sehr schwach ausgeprägte konjunkturelle Zyklen, weil ja das Vorzeichen des Zinses[+] negativ ist und das Geld auf den Geldmärkten aufgrund der Negativzinsen ins Angebot gezwungen wird. In der Beschreibung der kapitalistischen Evolution[+] finden die Begriffe Selektion[+] und Mutation[+] Anwendung, die man aus der Biologie kennt (Eintrag vom 25.08.2018).

Die bei positivem Zins[+] verursachte Knappheit und die dazugehörige Verschärfung der Selektion[+] durch Verstärkung des Selektion[+]sdrucks (Ausrottung von „Zombies”) gibt es unter einer Negativzins-Ökonomie[+] so nicht. Selektion[+] (Ausrottung „unfitter“ Unternehmen und Betriebe) findet nur noch über Konkurrenz statt, während die Lebensgrundlage (Konsumverhalten und Finanzierungsbedingungen) eher reproduktionsförderlich für alle ist. Die Konkurrenz wird jedoch massiv ansteigen, weil ja fremdkapitalfinanzierte Unternehmensgründungen mit Negativzinsen bezuschusst werden.

Innovationen sind immer Mutationen[+] bestehenden Wissens (Know-Hows). Der Markt selegiert die überlebensfähigen Unternehmungen und rottet unfitte Unternehmen aus. Die Höhe des Negativzinses wird daher mit der Mutation[+]srate des wirtschaftlich relevanten Wissens korrelieren, denn jede Innovation kann über Negativzinskredite realisiert werden. Mutation[+] ist also insgesamt sehr viel größer, der Selektion[+]sdruck ganz anders als im Kapitalismus[+], nämlich nur noch über Konkurrenz und nicht mehr über Verknappung des Geldes. Evolution[+] und Fortschritt der Wirtschaft werden sich daher deutlich von Evolution[+] und Fortschritt im Kapitalismus[+] unterscheiden. Eine Wirtschaft unter einer Negativzins-Ökonomie[+] wird sich rasant entwickeln und die Kapitalismen (Positivzins-Ökonomien) wahrscheinlich irgendwann abhängen, weil es allen besser gehen wird.

Ich erwarte außerdem ein Abschmelzen der Mono- und Oligopole, jedenfalls einen Wandlungsdruck, allein schon weil akkumulierte Betriebsvermögen unter Investitionszwang geraten. Die Etablierten werden sich also nicht mehr auf den in der Vergangenheit akkumulierten Vermögen ausruhen können. Die Konkurrenz ist also unter einer Negativzins-Ökonomie[+] nicht mehr monopolistisch, sondern 'total' oder 'vollständig', wie Joseph Schumpeter[+] es in 'Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie[+]' (Eintrag vom 07.01.2018) mit der Metapher 'Sauerteig' beschreibt. Ich erwarte also massive Konkurrenz für die jeweiligen Mono- und Oligolpole innerhalb der Zweige (Organen) der Wirtschaft und eine Verstetigung von Innovation.

Die zwei komplementären Wirtschaftskulturen bei positivem und negativem Zins[+].

Bezahle ich für eine Unternehmensbeteiligung Zinsen anstatt Dividende zu erhalten?

Ihre Frage macht keinen Sinn. Zins[+] und Dividende[+] sind unterschiedliche Kategorien, obwohl sich Dividende[+]n aus Zinsen[+] zusammensetzen können, sofern sie aus Anteile an leih- oder finanzwirtschaftlichen Unternehmungen stammen. Wenn Sie einem Unternehmen Geld mit negativem Zins[+] leihen, dann beteiligen Sie sich nicht an ihm. Wenn Sie eine Aktie kaufen, dann erwerben Sie einen Anteil am Stammkapital[+] und werden Eigentümer[+]. Die Höhe der Dividende[+] ergibt sich aus dem Gewinn in Kombination mit der Größe des Anteils am Stammkapital[+]. Der Absatz hängt von den Marktbedingungen ab, und die sind bei negativem Zins[+] konsum-, investitions-, innovations- und produktionsförderlich. Ich erwarte jedoch, wegen steigender Mitbestimmung, Umverteilung von ökonomischer Macht (Veränderung von Mitbestimmung) durch steigende Löhne und sinkende Mieten die Entstehung ganz anderer, neuartiger Beteiligungsformen an Unternehmungen und Betrieben (Vergemeinschaftung von Kapital[+]), wie z.B. genossenschaftliche Unternehmungen in denen jeder Mitarbeiter den gleichen Eigentum[+]santeil am Unternehmen hält.

Werden die Vermögenden, die sowieso kaum Cash, sondern Sachwerte haben, nicht dadurch noch reicher, weil die Nachfrage nach Sachwerten steigt?

Selbst wenn Menschen kurzfristig reicher werden, können Gewinne nicht unbegrenzt akkumuliert werden. Vielmehr sind Vermögen unter einer Negativzins-Ökonomie[+] mathematisch und physikalisch beschränkt. Schauen Sie sich doch dazu bitte auch hier die Entwicklung von Vermögen unter einer Negativzins-Ökonomie[+] an.

Durch das Absinken der Zinsen[+] ins Negative werden alle Anlageformen mit darüber liegender Rendite interessant. Liegt der Negativzins bei 5%, dann sind schon Anlageformen mit -4% Zins[+] (Rendite) und natürlich alles Darüberliegende interessant. Es findet ja ein Paradigmenwechsel statt: Es geht nicht mehr um die Maximierung von Gewinnen, sondern um die Minimierung von Verlusten.

Um die Tendenz bei den Sachwerte[+]n anzugeben, denke ich im Spannungsfeld von Kapital und Arbeit. Kapital setzt sich aus (raffendem) Leihkapital und (schaffendem) Produktionskapital zusammen, und beides zählt zu den Sachwerte[+]n. Bei negativem Zins[+] wird immer vom Leihkapital weg zu Produktionskapital und Arbeit (steigende Löhne) hin umverteilt. Ich erwarte daher, dass Sachwerte[+], die überwiegend dem Leihkapital zuzuordnen sind, an Wert verlieren und Produktionskapital, das sehr eng mit der Arbeit verknüpft ist, an Wert gewinnt. Über den oben beschriebenen und unter einer Negativzins-Ökonomie[+] vorherrschenden Mechanismus der vollständigen Konkurrenz[+] können Vermögen an Produktionskapital allerdings nicht mehr so leicht gehalten werden. Immobilien werden, sofern sie der Veräußerung und Spekulation und nicht der zweckmäßigen Nutzung dienen, an Wert verlieren. Generell kann wohl über das Wohneigentum aus Sicht von Besitzern[+] gesagt werden, dass nicht der Wert zählt, sondern der Nutzen[+].

Positive Renditen wird es wohl immer nur an der „Innovationsfront” (emergierende Märkte) geben. Um sich da rechtzeitig gut aufzustellen, ist die beste Möglichkeit[+]: Seien Sie selbst der Innovator, bilden Sie sich, studieren Sie und scheuen Sie das Risiko nicht, denn was eine immense Wertsteigerung erleben wird, ist selbstbestimmte, schöpferische Arbeit.

Im Gegensatz dazu leiden die "armen" Sparer mit dem Sparbuch unter den Negativzinsen

Wo liegt da mein Denkfehler?
Ich verweise Sie hierbei an einen Kollegen, der es Ihnen wie folgt erklärt. Ich schätze, dass zu Beginn der Negativzins-Ökonomie[+] mit sinkender Quote die ärmeren etwa 85% in der Vermögensverteilung von den Negativzinsen profitieren werden. Im Gleichgewicht, das in Abhängigkeit vom Zins[+]verlauf nach einigen Jahrzehnten erreicht wird, werden 50% nicht profitieren, nämlich die vermögenderen 50%, während alle anderen profitieren.
In dem Video findet sich ab Zeitindex 3:21 eine grobe Erklärung dafür, warum der Zins[+] den Mittel[+]stand kaputt macht und warum (in der Anzahl) die große Mehrheit der Sparer nicht von den positiven Zinsen[+] profitiert. Die detaillierte Herleitung des Kapitalkostenanteils in den Preisen ist hier.

Unternehmen im Fluss

Und dein Punkt, dass Unternehmen, die viel Gewinne machen, dieses Geld wieder über Zinsen[+] an den Wettbewerb geben und es somit eine Kooperation ist - Das können Unternehmen doch einfach umgehen, indem Sie keine Gewinne machen (wie z.B. Amazon) und einfach reinvestieren und somit sich immer mehr in eine Monopolstellung begeben, ja quasi gezwungen sind, zu investieren und zu wachsen.
Das ist vollkommen richtig. Die Unternehmen können die akkumulierten Gewinne reinvestieren und wachsen. Genau das ist ja auch beabsichtigt, denn dadurch werden Arbeitsplätze geschaffen. Das Unternehmen bekommt aber dennoch, wie oben beschrieben, Konkurrenz, und irgendwann ist die Marktsättigung erreicht. Unternehmen an der Sättigungsgrenze haben dann, wenn sie den Negativzins auf Akkumuliertes vermeiden wollen, nur noch die folgende Wahl: sie müssen die Absatzpreise senken, was den Umsatz erhöht, die Löhne erhöhen, um die Fachkräfte von der Selbstständigkeit abzuhalten und im Unternehmen binden zu können, die Abfallbeseitigung verbessern, was zu mehr ökologischer Nachhaltigkeit beiträgt oder höhere Rohstoffpreise zahlen. Jede dieser Wahlmöglichkeiten hat jeweils eine gute Wirkung auf die Umwelt und die Arbeitenden.

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