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12. August 2021

Eine Bemerkung zur Betriebsblindheit in Zeiten fundamentaler Veränderung

Ich nehme eine Textstelle aus dem Buch 'Von Sinn und Grenzen bewusster Erziehung' meines Urgroßvaters Friedrich Delekat zum Anlass, darauf hinzuweisen, dass es zwar gut und richtig ist, dass Menschen auf der Grundlage einer Theorie, Wissens oder anderer Formen der Bildung handeln und das mit der Zeit auch, ohne dabei darüber nachzudenken, dass aber in Zeiten, in denen sich Paradigmen der dem Handeln zugrundliegenden Theorie ändern, wie sich jetzt eben das Zins[+]vorzeichen ändert, wenigstens ein Hinterfragen der Grundlagen und eine Neuorientierung notwendig wird. In diesem Zusammenhang habe ich am 08.04.2020 über die Gefahr intuitiven Handelns in Umwelten geschrieben, die sich von jener Umwelt unterscheiden, in der sich die Intuition gebildet hat.

Von allen Äußerungsformen des menschlichen Geistes hat das Theoretische die Eigentümlichkeit, dass es sich am meisten von den Aufgaben und Bedürfnissen des handelnden Menschen loslösen kann.

Das Denken des Kaufmanns und des Politikers ist immer auf den Akt bezogen. Sollten sie wirklich einmal auf den Gedanken kommen, die Menschen seien nichts anderes als Medien der „ökonomischen oder politischen Transaktionen“ und den „Gesetzen“ dieser Transaktionen als blinde Masse unterworfen, so ist das ein Zeichen dafür, dass das Gesamtleben und ihn ihm auch Wirtschaft und Politik schon sehr stark intellektualisiert und erstarrt sind. Denn für gewöhnlich kümmert sich weder der Kaufmann noch der Politiker viel um die „Gesetze“ seines Handelns, sondern hält sich meistens an die ganz untheoretische Regel, dass erst der Augenblick selber die Entscheidung möglich macht, weil er erst den realen Kontakt mit den beteiligten Personen vermittelt, auf den in Fragen des Kredits und der Kreditwürdigkeit so viel ankommt. Es mag sein, dass unter den heutigen Verhältnissen sowohl für den Großkaufmann wie für den Politiker eine theoretische Fachvorbildung unentbehrlich ist. Beide aber müssen zugleich die Fähigkeit besitzen, in einem gegebenen Augenblick die wirtschafts- und politiktheoretischen Prinzipien trotz all ihre abstrakten Richtigkeit zu vergessen, um ganz in der Situation auf gehen zu können. Sie müssten die Fähigkeit der Umstellung haben, die man an englischen Politikern bewundert und die man nie im Hörsaal, sondern nur im Leben selber lernt.

Hier geht es indirekt um so etwas wie „Betriebsblindheit“. Menschen, die lange einer Tätigkeit nachgehen, die auch theoretisch fundiert ist, werden mit der Zeit „blind“ für die Grundsätze ihres Handelns. Die Theorie verlagert sich ins Unterbewusste, der Handelnde wird betriebsblind für die zugrundeliegende Theorie. Das ist insbesondere dann problematisch, wenn sich Grundsätze der Theorie an logisch nachgelagerter Stelle ändern (z.b. die Überprüfung der Kreditwürdigkeit) oder wenn sich gar ein Paradigma der Theorie in sein logisches Gegenteil verkehrt (z.b. dass Geld nicht mehr Geld kostet, sondern dass das Aufbewahren von Geld Geld kostet).

Ich habe diese Textstelle genommen, weil hier unmittelbar das Handeln von Gewerbetreibenden und Politikern in enger Verbindung mit Kredit und Kreditwürdigkeit genannt wird. Ich spekuliere, dass mein Urgroßvater Delekat mit dem Wort „Gesetz“ auch den positiven Zins[+] gemeint hat, allein schon, weil in der Weimarer Republik[+] aufgrund des aufblühenden Antisemitismus' die jüdische Bezeichnung des Zins[+]nehmens als „ehernes Gesetz“ („Geld kostet Geld“) wahrscheinlich präsent war.

Gerade an dieser Stelle, dem Kredit, dem Zins[+] und überhaupt dem Geldgeschäft, ändert sich heute mit dem Übergang zu einer Negativzins-Ökonomie[+] alles. Die Frage ist nun: können die Handelnden weiter in ihrer Betriebsblindheit verharren und so tun, als würde sich diese fundamentale Veränderung im Geld- und Finanzsystem nicht auf ihr Handeln auswirken oder sollten sie sich wieder die Grundlagen ihres Handelns bewusst machen und sich überlegen, wie Politik und Gewerbe unter einer Negativzins-Ökonomie[+] funktionieren? Ich tendiere zu Letzterem.

Seite aus Friedrich Delekat, Von Sinn und Grenzen bewusster Erziehung, Kapitel 6, Die Rolle der Theorie und der theoretisch-bewussten Erziehung im Gesamtleben, 1927.
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