$ \def\tr{\text{tr}} \def\diff{d} \def\medspace{\enspace} \def\mathbi{\mathbf} \def\euro{€} \def\dollar{\$} \def\textnormal{\text} \newcommand\norm[1]{\left\lVert{#1}\right\rVert} $

Sinn und Wirklichkeit

In der psychologischen und soziologischen Literatur wird an wichtigen Stellen das Wort Sinn als Begriff einer dem Menschen innewohnenden wahrnehmenden (Perzeption) und bewertenden (Evaluieren, Urteil) Instanz verwendet, ohne dabei die neurophysiologischen Grundlagen dieses Teils des Seins in der notwendigen Gründlichkeit erklärt zu haben. Die Motivation der Erklärung dieses wichtigen, permanent ablaufenden Teilprozesses des Bewusstseins liegt darin begründet, dass die Wirklichkeit als die Erfahrung der sonst vom Beobachter unabhängig angenommenen Realität eine Konstruktion des Gehirns des beobachtenden Subjekts ist und also von seiner Anatomie und Konditionierung aufgrund der vergangenen sinnlichen Erfahrung der Umwelt abhängig. Baut ein Mensch auf der Grundlage seiner sinnlichen Erfahrungen ein Modell der Umwelt auf, ein inneres Modell der äußeren Welt, das in seinem Gedächtnis dann als Gewohntes, empirisch Wahrscheinliches erlernt wird, dann sind seine Aussagen zu dem, was als Realität bezeichnet wird von seiner Perspektive abhängig. Der sinnlich wahrnehmbare Teil der Realität erscheint als Wirklichkeit, und Wirklichkeit ist eine subjektive Konstruktion des Gehirns des wahrnehmenden und bewertenden Subjekts.

Den Nicht-Sinn gibt es nicht, alles macht irgendwie Sinn, solange man lebt. Nur etwas, was tot ist, also nicht mehr selbst ist, macht für sich selbst keinen Sinn mehr, sondern vielleicht nur noch für andere. Die Systemtheorie Niklas Luhmanns baut u.a. auf den Ergebnissen der Hirnforschung auf. Ein zentraler Begriff in Luhmanns Theorie ist der des Sinns. Luhmann schreibt dazu in Kapitel 2 seines Buches soziale Systeme mit dem Titel „Sinn“:

„Das Phänomen Sinn erscheint in der Form eines Überschusses von Verweisungen auf weitere Möglichkeiten des Erlebens und Handelns.“
[...]
„Die Verweisung selbst aktualisiert sich als Standpunkt der Wirklichkeit, aber sie bezieht nicht nur Wirkliches ( bzw präsumtiv Wirkliches) ein, sondern auch Mögliches ( konditional Wirkliches) und Negatives (Unwirkliches, Unmögliches).“
[...]
„Sinn stattet das hier aktuell vollzogene Erleben oder Handeln mit redundanten Möglichkeiten aus.“
[...]
„Mit jedem Sinn, mit beliebigem Sinn wird unfassbar hohe Komplexität ( Weltkomplexität ) appräsentiert und für die Operationen psychischer bzw sozialer Systeme verfügbar gehalten.“
[...]
„Sinn ist mithin - der Form, nicht im inhalt nach - Wiedergabe von Komplexität, und zwar eine Form der Wiedergabe, die punktuellen Zugriff, wo immer ansetzend, erlaubt, zugleich aber jeden solchen Zugriff als Selektion ausweist und, wenn man so sagen darf, unter Verantwortung stellt.“
[...]
„Sinn korrespondiert als evolutionäres Universales schließlich auch mit der These der Geschlossenheit selbstreferentieller Systembildungen. Geschlossenheit der selbstreferentiellen Ordnung wird hier gleichbedeutend mit endloser Offenheit der Welt. Diese Offenheit wird nämlich durch die Selbstreferentialität von Sinn konstituiert und durch sie laufend aktualisiert. Sinn verweist immer wieder auf Sinn und nie aus Sinnhaftem hinaus auf etwas anderes. Systeme, die an Sinn gebunden sind, können daher nicht sinnfrei erleben oder handeln, sie können die Verweisung von Sinn auf Sinn nicht sprengen, in der sie selbst unausschließbar impliziert sind. Innerhalb der sinnhaft - selbstreferentiellen Organisation der Welt verfügt man über die Möglichkeit des Negierens, aber diese Möglichkeit kann ihrerseits nur sinnhaft gebraucht werden. Auch Negationen haben, nur dadurch sind sie anschließbar, Sinn. Jeder Anfrage zur Negation von Sinn überhaupt würde also Sinn wieder voraussetzen, würde in der Welt stattfinden müssen. Sinn ist also eine unnegierbare, eine differenzlose Kategorie. Ihre Aufhebung wäre im strengsten Sinne »annihilatio« - und das wäre Sache einer undenkbaren externen Instanz.“
Jede Form der Meditation ist demzufolge ein selbstreferentieller Zustand, der sich selbst aus sich selbst heraus regeneriert. Aber auch jede fortgesetzte Beziehung erfüllt dieses Kriterium der Selbstreferentialität und Sinn-Reproduktion. Es ist kein Zufall, dass Sinn und Sein im Deutschen ähnliche Wörter sind. Nur im Sinn findet man keine Abspaltung von sich selbst, weil alles wieder irgendwie wieder Sinn macht.

Der Sinn und das Sinnliche

Es muss im Folgenden also sorgsam zwischen beobachtendem und beobachtetem Subjekt unterschieden werden, wenn es sich bei dem Beobachteten um ein Lebewesen handelt, das möglicherweise über einen eigenen Wahrnehmungs- und Bewertungsapparat, Sinn, verfügt. Für je ein beobachtendes Subjekt ist das jeweils andere, beobachtete Subjekt Objekt. Beobachtet ein Subjekt (ein Ego) ein anderes, so wird es für es zu einem Objekt (zum Alter, der Andere), zu einer sinnlichen Darstellung des dahinter liegenden, nicht direkt zugänglichen Egos. Die von dem Objekt ausgehenden Wirkungen erzeugen im Wahrnehmungsapparat des Subjekts (dem Gehirn) sinnliche Reize. Beobachtungen sind also zunächst Sinneseindrücke, die im Subjekt entstehen. Sie sind selbst eine Reaktion darauf, dass das beobachtende Subjekt dem Objekt (dem Alter) physikalisch ausgesetzt ist.

Ordnungen des Sinns

Unmittelbare Sinneseindrücke erster Ordnung sind das Optische (Sinn vom und durch das Sehen), das Akkustische (Sinn vom und durch das Hören), das Thermo-Taktile (das Haptische, das Tasten, Begreifen und Befühlen der Hautkontakt, die Wahrnehmung von Temperaturunterschieden und Oberflächeneigenschaften), das Olfaktorische (Riechen) sowie das Gustatorische (Schmecken). In der Weiterverarbeitung dieser Sinneseindrücke erster Ordnung im Gehirn entstehen in Verbindung mit dem Gedächtnis im limbischen System dann Sinneseindrücke höherer Ordnung, Bewertungen der sinnlichen Eindrücke, die Emotionen und Affekte.

Der Begriff der Ordnung ist hier eng verknüpft mit der Kausalität eines beobachtenden Bewusstseins. Die Sinneseindrücke erster Ordnung liegen dichter an der äußeren Ursache, die Affekte sind Wirkung und somit Sinn höherer Ordnung. Zeitlich folgt die Wirkung der Ursache, und so gibt es aufgrund der Reizleitungseigenschaften des Gehirns eine pysikalische Verzögerung, einen zeitlichen Abstand, zwischen dem Entstehen von Sinneseindrücken aufeinanderfolgender Ordnungen.

Auf welche Weise die Ordnungen der Sinneseindrücke miteinander zusammenhängen, ist die Frage nach der Persönlichkeit, denn über die Sinne erster Art verfügen wir Menschen und die meisten Säugetiere alle, doch wie wir emotional auf etwas reagieren, ist eine individuelle Frage der Persönlichkeit.

Bewertung und der Sinn höherer Ordnung

Ein Teil des subjekt-spezifischen Wahrnehmungs- und Bewertungsapparats wird mit dem Begriff der Persönlichkeit in Verbindung gebracht. Die Persönlichkeit eines Menschen stellt sich anderen Beobachtern in Antworten und Reaktionen auf äußere Umweltreize (z.B. Fragen, Handlungen an und mit dem Subjekt) dar. Das Objekt antwortet auf Fragen, reagiert auf äußere Ereignisse. Bei der Einordnung all der Sinneseindrücke (Antworten und Reaktionen), die ein Beobachter von diesem Objekt erhält, greifen die meisten Menschen auf eigene sinnliche Kategorien, die den sinnlichen Dimensionen zugeordnet sind, zurück. Wir ordnen optische Sinneseindrücke nach Farbe, Fleckigkeit, der Art des Musters, Helligkeit, usw., akkustische nach Lautstärke, Klang, usw. und Geschmackliches nach Süße, Säure, Schärfe usw..

Diese Begriffe zur „Sortierung“ der Sinneseindrücke sind bereits Teil der Persönlichkeit. Es sind Auffassungsdimensionen der Wirklichkeit, die zu dem persönlichen Raster, Schema oder Auffassungssystem gehören, nach dem der Einzelne einen Teil der Realität als Wirklichkeit wahrnimmt und den Reiz dann in eine Bewertung (Sinneseindruck höherer Ordnung) überführt. In der nächsten, der dem ersten Sinneseindruck übergeordneten Verarbeitungsstufe von Umweltreizen steht also die Quantität der Eigenschaft der Auffassungsdimension, z.B. wie laut, wie farbig, wie salzig ist das Objekt, und aus alldem entsteht im Bewusstsein des Subjektes eine komplexe Bewertung wie schmeckt, gefällt, fühlt sich gut, gerade noch gut, schlecht oder gar nicht (an).

Die Auffassungsdimensionen von Wirklichkeit sind Teil der Persönlichkeit, und diese sollten einem bewusst sein, sofern das überhaupt möglich ist, wenn man versucht, ein Gegenüber nach diesem subjektivem Schema einzuordnen. Das Beobachtete denkt, fühlt, handelt vielleicht gar nicht in den Auffassungsdimensionen, sieht die Wirklichkeit vielleicht ganz anders als das Subjekt. Man ist mit dem anderen Selbst nicht physisch verbunden, und so kann man es, wenn man es nicht kennt, eigentlich nur hinsichtlich der eigenen Auffassung einordnen und damit unter Umständen völlig falsch liegen, denn man weiß ja nicht, wie das Gemeinsame (der Kommunikations- oder Handlungsgegenstand der Beziehung) für es wirklich ist.

Physikalische Realität, Erkenntnistheorie und Sinn

In der Erkenntnistheorie stehen sich zwei Strömungen gegenüber[1]: der Idealismus und Realismus. Der Standpunkt des Realismus ist grob vereinfacht, dass objektive Wirklichkeit erkennbar ist, der des Idealismus hingegen: im Subjekt entstehen Ideen der Wirklichkeit als Korrelate mit sinnlichen Erfahrungen[2]. Der Standpunkt des Konstruktivismus ist also eine idealistische Perspektive: Der Geist bringt das Materielle hervor.

Elisabeth Stachura schreibt dazu[2]:

Realität offenbart sich nur durch Beobachtung und ist nicht einfach da, jede Sichtweise ist somit zugleich subjektive Sichtweise, also verbunden mit der Person, die sie hat. Es gibt im Konstruktivismus keine unabhängige Wahrheit, die sie entdecken, sondern jede Sichtweise ist subjektiv konstruiert oder übernommen, Letzteres wird aber auch als aktive Handlung angesehen.
Auf der physikalischen Grundlage der Quantenmechanik steht seit Anfang des 20. Jahrhunderts fest, dass Beobachtung, also Messung die Realität verändert, dass also beobachtete Realität physikalisch von nicht beobachteter Realität unterschieden werden muss. Insbesondere ist die Annahme, es gebe eine vom Beobachter unabhängige Realität, die sich zeitlich ohne den Beobachter genau gleich entwickelt wie eine nicht beobachtete Realität, nicht zutreffend. Es gibt also experimentelle Hinweise darauf, dass insbesondere der beobachtende Geist das Materielle erschafft und auch durch Beobachtung formt. Die Welt kann also durchaus zu dem werden, was wir in ihr sehen (wollen).

Werner Heisenberg schreibt dazu in der Nachverarbeitung und Reflektion der wissenschaftlichen Entwicklungen am Anfang des 20. Jahrhunderts, die zur Entstehung der Quantentheorie geführt haben[4]:

Damit haben Sie genau den charakteristischen Zug der heutigen Quantentheorie beschrieben. Wenn wir aus den atomaren Erscheinungen auf Gesetzmäßigkeiten schließen wollen, so stellt sich heraus, dass wir nicht mehr objektive Vorgänge in Raum und Zeit gesetzmäßig verknüpfen können, sondern - um einen vorsichtigen Ausdruck brauchen - Beobachtungssituationen. Nur für diese erhalten wir empirische Gesetzmäßigkeiten. Die mathematischen Symbole, mit denen wir eine solche Beobachtungssituation beschreiben, stellen das Mögliche als das Faktische dar. Vielleicht könnte man sagen, sie stellen ein Zwischending zwischen Möglichem und Faktischem dar, das objektiv höchstens im gleichen Sinne genannt werden kann wie etwa die Temperatur in der statistischen Wärmelehre. Diese bestimmte Erkenntnis des Möglichen lässt zwar einige sichere und scharfe Prognosen zu, in der Regel aber erlaubt sie nur Schlüsse auf die Wahrscheinlichkeit eines zukünftigen Ereignisses. Kant konnte noch nicht voraussehen, dass in Erfahrungsbereiche, die weit jenseits der täglichen Erfahrung liegen, eine Ordnung des Wahrgenommenen nach dem Modell des »Dings an sich« oder, wenn Sie wollen, des »Gegenstandes« nicht mehr durchgeführt werden kann, dass also, um es auf eine einfache Formel zu bringen, Atome keine Dinge oder Gegenstände mehr sind.
.... sondern durch Beobachtung entstehen. Kant wird also bestätigt: es ist uns nicht möglich, die objektive Natur der Gegenstände zu erkennen, da wir sie, oder präziser die damit verbundenen Sinnkorrelate, erst durch unsere Beobachtung konstruieren.

Messinstrumente sind also Erweiterungen des Wahrnehmungsapparats und der Sinnesorgane. Der Geist erschafft die Welt, und ob diese nur in ihm als Vorstellung existiert oder durch ihn, ist eine Frage, deren Antwort man sich angesichts der Unendlichkeit des Raumes und der Zeit nur annähern kann und die, wenn man es tut, so beantwortet wird, dass Materie unabhängig von experimenteller Beobachtung in entsprechender Anordnung und Vorstellung anders ist als nicht beobachtete Materie. Der beobachtende Geist verändert also die Materie.

Referenzen / Einzelnachweise

Querverweise auf 'Sinn und Wirklichkeit'