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27. Juni 2020

Verbindung zwischen Urchristentum und Kommunismus nach Herfried Münkler

Dass ich nicht der Einzige bin, der die Verbindung zwischen dem Zinsvorzeichen und der Systemfrage erkannt hat, belegen die folgenden Worte von Herfried Münkler in "Politische Theorie und Ideengeschichte", Kapitel 13, Religion und Politik. Das Kapitel enthält eine Auseinandersetzung mit den Werken Martin Luthers. Wer sich schon ein wenig mit Luther beschäftigt hat, der kennt vielleicht die Zwei-Reiche-Lehre Luthers.

Luther sieht nach den Worten Münklers die zwei Reiche, also das weltliche Reich und das Himmelreich (Reich Gottes), im Diesseits vereint. Das Himmelreich ist nach dieser Vorstellung nichts, was sich dem Diesseits als etwas völlig Andersartiges anschließt und es „ersetzt“, sondern es ist Teil des Diesseits. Dass das eine falsche Betrachtungsweise ist, ist jedem klar, der weiß, dass wir noch in einer kapitalistischen und noch nicht in einer antikapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung leben, obwohl die Geldmarktzinsen schon praktisch die Systemgrenze von 0% Zins erreicht haben.

Es kann kein Himmelreich im Kapitalismus geben.

Im Gegensatz zu Luther vertrete ich den Standpunkt, dass mit dem „Himmelreich“ oder auch „Reich Gottes“ eine antikapitalistische Ökonomie gemeint ist, die logischerweise auf dem Prinzip negativer Zinsen basiert. Diese Ökonomie ist logischerweise kompatibel zum Kommunismus von Marx.

Und es ist dann auch völlig klar, dass es bisher auf der Welt noch nie irgendein kommunistisches Regime gegeben hat, allein schon deswegen, weil Regierung, Herrschaft, Zentralismus, Staat, usw. allesamt kapitalistische oder sozialistische Ideen sind. Die Welt hat bisher an nicht-kapitalistischen Systemen höchstens Sozialismen gesehen, z.b. UdSSR oder China, doch noch nie einen echten Kommunismus.

Wie es allerdings auch bei anderen Autoren der Fall ist, gibt es auch bei Luther noch ein „zweites” Himmelreich, das zu erschaffen erst ein neuer Mensch fähig ist und das sich dem Diesseits anschließt. Dieser neue Mensch wird im Neuen Testament das „Menschenkind” oder der „Menschensohn” genannt.



Oben: Szene 'Laboratorium' in Faust II, mitte: Rudi Dutschke zum 'neuen Menschen', unten: Das Sternenkind am Ende von 2001 Space Odyssey.

Wer Faust II gelesen hat, der kennt die Szene vom Laboratorium, in dem der neue Mensch geschaffen wird. Rudi Dutschke sprach vom neuen Menschen. Stanley Kubrick skizzierte ihn in 2001 Space Odyssey.

Das Projekt der Reformation (lateinisch für Neubildung) ist also ein Zuchtprogramm für den neuen Menschen. Wer sich zudem mit dem Menschenbild des Neoliberalismus beschäftigt hat, der weiss, dass diese Idee auf die Reformationslehren zurückgeht und nicht allein eine Neuentwicklung der Aufklärung ist: Der Homo Oeconomicus ist ein Protestant, und dieser Menschentypus ist der „Erbe” des Diesseits, der Grund- und Eckstein des Reichs Gottes.

Komplementär zu der Unterscheidung zwischen den beiden Reichen hat Luther zwei Regimente gegeneinander abgegrenzt, von denen das eine für die geistliche und das andere für die weltliche Ordnung zuständig ist. «Darum hat Gott zwei Regimente verordnet: das geistliche, welches Christen und fromme Leute macht durch den Heiligen Geist, unter Christus, und das weltliche, das den Unchristen und Bösen wehrt, dass sie äußerlich Frieden halten und still sein müssen, ob sie wollen oder nicht.» [Luther, ausgewählte Schriften, Band 24, Seite 45].

Luther hatte keinerlei Sympathie für Projekte, wie sie im Gefolge der Reformation von kleinen Gruppen in Form evangelischen Zusammenlebens jenseits staatlicher Ordnung durchgeführt wurden [19].

Was in kleinen Gruppen vielleicht möglich war - tatsächlich weisen die religiös motivierten sozialutopischen Projekte die größte Kontinuität auf -, war nach Luthers Auffassung nicht auf die politische Ordnung insgesamt übertragbar, «denn die Welt und die Menge sind und bleiben Unchristen, obgleich sie alle getauft sind und Christen heißen». «Darum verträgt sich's nicht in der Welt, dass ein christliches Regiment allgemein gesetzt werde über alle Welt, ja, nicht einmal über ein Land oder eine große Menge. Denn Böse gibt es immer viel mehr als Fromme. Ein ganzes Land oder die Welt mit dem Evangelium zu regieren sich unterwinden, das ist ebenso, als wenn ein Hirt in einem Stall Wölfe, Löwen, Adler, Schafe zusammentäte und jedes frei neben dem andern laufen ließe und sagte: Da weidet euch und seid rechtschaffen und friedlich untereinander, der Stall steht offen, Weide habt ihr genug, Hunde und Keulen braucht ihr nicht zu fürchten. Hier werden die Schafe wohl Frieden halten und sich friedlich so weiden und regieren lassen, aber sie würden nicht lange leben noch ein Tier von dem anderen bleiben.»

Deutlicher als sonst ist hier das theologische Fundament politischer Ordnungsvorstellungen erkennbar, denn zunächst lässt sich gegen Luthers Bild der tödlichen Anarchie in einem Stall mit unterschiedlichen Tieren geltend machen, es sei eine wesentlich empirische Frage, ob das menschliche Zusammenleben diesem Bild entspreche, und selbst wenn das hier und jetzt nicht der Fall sein, so könne doch nicht ausgeschlossen werden, dass es andernorts oder zukünftig möglich sei. Gegen eine solche Möglichkeit steht bei Luther jedoch das Dogma der Erbsünde, durch die der Mensch («der alte Adam») ein für allemal auf Herrschaft zur Unterdrückung seiner bösen Neigungen angewiesen ist. Erst ein neuer Mensch, den zu erschaffen allein Gott möglich sei, werde zu einem Zusammenleben ohne Obrigkeit fähig sein. Eine herrschaftsfreie Ordnung werde es darum nicht in dieser Welt, sondern erst im jenseitigen Reich Gottes geben. In der Idee eines neuen Menschen, die in zahlreiche utopische und revolutionäre Projekte Eingang gefunden hat und an deren Verwirklichung die Bolschewiki in Russland während ihrer revolutionären Phase gearbeitet haben, stoßen wir somit auf eine Übertragung theologischer Vorstellungen in die Politik, in deren Folge dem Menschen möglich sein soll, was zunächst allein Gott zugedacht war: die Revision der Schöpfung.

Dieser Gedanke findet sich bereits in der Revolutionstheorie Thomas Müntzers, derzufolge aus der crucificatio des alten Adam durch Aufstand und Martyrium der neue Mensch hervorgehen soll. In der revolutionären Perspektive ist dann das, was Gott zugedacht war, zu einer Aufgabe des Menschen geworden: seine Transformation zum «neuen Menschen», mit dem erst die Errichtung einer kommunistischen Gesellschaft möglich sein werde. Insofern ist die Kontroverse zwischen Luther und Müntzer um die göttliche Weltordnung und die darin den Menschen zukommende Rolle paradigmatisch für die politisch konträren Vorstellungen vom Einwirken der Religion auf die Politik.
Prof. Herfried Münklers Schwerpunkt ist die Politische Theorie.

Der erbsündige Zivilisationsmensch ist Nachfahre Adams. Die Fortführung der Erbsünde, also des Kapitalismus, also des Zinsnehmens, lässt ihn sich selbst einem selbst erschaffenen Martyrium aussetzen, gegen das er am Ende rebelliert. Doch es hilft nichts, der Kapitalismus nagelt den Sünder ans Kreuz und zwingt ihn zur Umkehr.

Am Ende kehrt sich das Zinsvorzeichen um.

Und dies ist nichts anderes als der berühmte „Plan Gottes“, den Marx in der Form seines Gesetzes des tendenziellen Falls der Profitrate (Link) und Schumpeter in die Theorie von der Selbstzerstörung des Kapitalismus gebracht haben.

Zur Liebe

Ein wesentliches Element der Liebe ist die freiwillige und gewollte Unterwerfung unter die Würde d* Geliebte*.
Das muss man sich einmal in den möglichen Situationen überlegen, was das bedeutet. Jedenfalls ist es immer eine bilaterale Betrachtung. Der Demonstrant unterwirft sich unter die Würde des Polizisten. Was ist die Würde des Polizisten? Oder: Der Polizist unterwirft sich unter die Würde des Demonstranten. Was ist die Würde des Demonstranten?

Wie hängen die Fähigkeit, seinen Willen zu ergründen, ihn zu äußern und zu vertreten mit der Würde zusammen? Wie erkennen wir die Würde des Nächsten und des allgemeinen Gegenübers? Wir vergessen das gerne in Beziehungen. Im Freundeskreis das Gleiche. In der Schule, in Ausbildung, Uni und Betrieb.

Oder in der Beziehung des Bürgers zu Teilen des Systems. Bei der Unterwerfung unter das System ist diese(s) gründlichst zu hinterfragen! Was ist die Würde des Staates? Was sind wesentliche Teile der Würde des Bürgers?

Ebenso in der Beziehung zu Tieren, Pflanzen und dem Leben an sich. Was ist die menschliche Würde im Vergleich zur Würde der Kreatur? Zur Umwelt? Zu alten Leuten? Zur Familie?

Das ist sehr schwer in einer Gesellschaft, die die Menschen systematisch zum Gegenteil erziehen will, um die Grundbedingungen des kapitalistischen Teilsystems erfüllen zu können, Bedingungen, mit denen wir alle einverstanden sind, obwohl wir seit tausenden Jahren wissen, dass sie uns nicht nur bereichern, sondern (auch) schädigen.

Das Kapital, also das Eigentum, ist die materielle Grundbedingung. Verfügt man als Eigentümer (nicht als Besitzer!) über Eigentum, dann kann man damit Zinsforderungen gegenüber Besitzern erheben (eine der beiden immateriellen Grundbedingungen). Damit wird das Band der Liebe (soziale Grundbedingung, dass Vereinbarungen und Verträge eingehalten werden) zerstört, denn dadurch kommt eine Zwangskomponente in die Austauschbeziehung. Der Besitzer wird zur Hingabe gezwungen. Das kann nicht dauerhaft funktionieren, sondern nur solange, wie die Leute den Kapitalismus lieben und die Würde des Lebendigen nicht nachhaltig gefährdet ist.

Querverweise auf 'Verbindung zwischen Urchristentum und Kommunismus nach Herfried Münkler'